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Zum 75. Geburtstag von Hannes Wader
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Zum 75. Geburtstag von Hannes Wader

Ein Beitrag von

Janine Knoop-Bauer,

Evangelische Pfarrerin, Darmstadt

Es gab diese Zeit in meinem Leben: Lagerfeuer, Gitarre und Lieder. So verbrachten wir die Sommerabende. Eingeladen von der Gemeindepädagogin unserer Kirchengemeinde. Dabei haben wir viel gesungen. Nicht nur christliche Lieder, sondern alles, was wir gut mit der Gitarre begleiten konnten. Und einer durfte dabei nie fehlen: Hannes Wader. Und wenn wir alle gemeinsam sangen: „Heute hier morgen dort, bin kaum da muss ich fort…,“ da wussten wir: das Leben hatte Großes mit uns vor. Wir wollten Bewegung und Abenteuer. Wir wollten nicht sesshaft werden, sondern unterwegs sein.

Wir hatten das Gefühl, dass Jesus das auch so gemacht hat. Denn er hat einmal zu seinen Freunden und Freundinnen gesagt: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber wir haben keinen Ort, an dem wir uns ausruhen können.“ Hannes Waders Lied kam uns vor wie die Vertonung dieser Passage aus dem Lukasevangelium. Und so wollten wir leben. Das verstanden wir unter radikaler Nachfolge. Heute hier und morgen dort. Uns treiben lassen und dabei doch die Welt verändern.

Irgendwie haben wir das dann auch tatsächlich gemacht. Aber anders, als wir dachten. Die meisten von uns haben nach der Schule angefangen zu studieren. Zwar wechselt man da nicht täglich den Ort, aber das Leben ist trotzdem ganz schön in Bewegung. Vor allem das, was man denkt, ist im Fluss. Und auch das, was man zu wissen glaubt, verändert sich. Das Lernen hört nie auf. Man wird damit nicht fertig. Es gibt immer wieder Neues zu erfahren. Und es gibt immer wieder Menschen, die anders denken. Was dann zählt ist das bessere Argument. Es gibt ein Unterwegssein, das im Kopf stattfindet. Und das ist gut und wichtig.

Hannes Wader wird heute 75 Jahre alt. Seit den siebziger Jahren beginnt er jedes Konzert mit dem Lied „Heute hier morgen dort“. Auch er hat in seinem Leben erfahren, dass sich Gewissheiten verändern können und manchmal auch verändern müssen. Hannes Wader ist Sozialist: Das ist er bis heute, sagt er. Aber er musste erkennen, dass die sozialistischen Staaten die Ideen des Sozialismus nicht so umsetzten, wie er es sich erhofft hatte. Er musste erleben, wie die Sowjetunion und die DDR untergingen, ohne das Versprechen einer gerechteren Gesellschaft eingelöst zu haben.

Für ihn war das eine schmerzhafte Erfahrung. Aber eine, die ihn letztlich freier gemacht hat. Leben bedeutet Veränderung. In dem Lied „Heute hier morgen dort“ heißt es am Ende des Refrains: „Es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.“ Mir macht das Mut: ich möchte diese Beweglichkeit nie verlieren. Ich möchte mich nicht verhärten, sondern offen bleiben und neugierig.

Und ich wünsche mir, dass ich bis ins Alter hinein bereit bleibe aufzubrechen und Neues zu erfahren. Bis heute glaube ich nämlich, dass das auch eine Möglichkeit ist, Jesus nachzufolgen. Zwar habe ich einen festen Ort, an dem ich meinen Kopf ablegen kann, aber in diesem Kopf kann sich jeden Tag etwas verändern. Ein Leben lang, weil nichts bleibt wie es war – zum Glück.

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