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Was ist eigenlich heilig?
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Was ist eigenlich heilig?

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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„Mein Sport ist mir heilig“, sagt mein Sohn. „Die Ferien mit der Familie sind mir heilig“, sagt mein Mann. Meiner Freundin ist ihr Handy heilig. Sie drücken damit aus, dass ihnen der Sport, die Familienzeit, das Smartphone wichtig sind. Aber heilig? Hat das Wort überhaupt noch eine Bedeutung? Es bezeichnet etwas Besonderes, Verehrungswürdiges. Und ohne das kann auch der heutige Mensch nicht leben.

Das Besondere, Verehrungswürdige leitet sich aus Gefühlen ab, die Menschen aus dem Alltag herausreißen. Heilig, das sind die Momente, die im Innersten berühren, wenn sich die Härchen aufstellen. Es kann das Gefühl sein, mit etwas oder jemandem zu verschmelzen – bei einem atemberaubenden Naturerlebnis etwa oder einer mitreißenden Massenveranstaltung. Jeder, der schon einmal verliebt war, kennt dieses Gefühl des Besonderen – mit Schmetterlingen im Bauch. Frauen, die ein Kind bekommen haben, werden die Geburt als einen der wichtigsten Momente ihres Lebens bezeichnen. Für jeden Menschen gibt es etwas, was ihm heilig ist, etwas, was mit einem Gefühl zu tun, das über alles andere hinausgeht. Das kann auch sehr gegenständlich sein ­– das Stofftier aus der Kindheit, das Trost geboten hat, oder das Bild vom ersten Freund, der damals noch lang und schlaksig war mit langen Haaren. Schaut man es an, erinnert man sich intensiv, geradezu szenisch an die Zeit. 

Mein Sohn, mein Mann, meine Freundin wollen sich den Sport, die Familienzeit, das Handy nicht wegnehmen lassen, weil es ihnen wichtig ist. Andere sollen es nicht antasten. Über den Einsatz im Sport, das Leben mit der Familie und den Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln bestimmen sie selber, wie viel davon, ob überhaupt und wie. Heilig ist aber in seinem ursprünglichen Sinn etwas, über das der Mensch nicht bestimmen kann, etwas, was mit ihm geschieht, ohne sein Zutun. Im Wort heilig steckt auch heil – im Sinne von ganzbleiben. In diesem Sinn: viele heile Momente.    

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