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Versöhnung befreit
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Versöhnung befreit

Prof. Dr. Gerhard Stanke
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Prof. Dr. Gerhard Stanke,

Domkapitular
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Ein arabisches Sprichwort sagt: „Geh eine Meile, um einen Freund zu sehen, zwei Meilen, um einen Kranken zu besuchen, drei Meilen, um Frieden zwischen Menschen zu stiften.“ (CiG 12,2000 20,129)

Zurzeit ist es nicht möglich, dieses Sprichwort buchstäblich umzusetzen. Wir sollen Nähe durch Distanz zeigen. Aber es gibt Gott sei Dank heute die vielen Medien, um in Verbindung zu bleiben. Und auch die Kreativität der Menschen hat neue Formen des Miteinanders gefunden: Sie singen auf den Balkonen, stellen eine Kerze ins Fenster und sorgen für jene, die zu Hause bleiben müssen.

Aber das arabische Sprichwort hebt ja vorallem hervor, dass der Friede alle Anstrengungen wert ist. Geh drei Meilen, um Frieden zu stiften. Für den Frieden soll kein Weg zu weit sein.

Manchmal erfasst mich allerdings tiefe Resignation, wenn ich an die Länder oder Regionen denke, in denen schon einige Jahre oder gar Jahrzehnte Krieg herrscht:
Im Nahen Osten: Syrien, Jemen, der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern oder im afrikanischen Nigeria und…und…und.  Da sehe ich keinen Hoffnungsstreifen am Horizont.
Dann denke ich aber daran, dass es in Europa auch über Jahrzehnte große Kriege zwischen den Völkern gab. Europa aber hat diese Zeit überwunden. Es waren große Politikerpersönlichkeiten, denen es wirklich um den Frieden ging und die auch ihre Völker von dem Weg zur Verständigung überzeugen konnten. Diese Politiker haben sich auch vom Geist des Evangeliums inspirieren lassen: De Gasperi, Schumann, Adenauer und andere.

Der wichtigste Schritt zum Frieden: Menschen müssen daran glauben, dass Frieden und Versöhnung möglich sind. Das gilt auch für den persönlichen Bereich. Nichts ist wichtiger, als in sich selbst die Bereitschaft zum Frieden und zur Versöhnung wachzuhalten. Und dann auch daran zu glauben, dass der andere, mit dem ich im Streit lebe, sich ebenso den Frieden wünscht. Unversöhnlichkeit ist auf die Dauer anstrengend. Sicher, manche nehmen lieber diese Belastung auf sich, als einen Schritt zur Versöhnung zu tun. Besonders wenn sie tief verletzt wurden. Das kann ich gut verstehen.

Vor einigen Monaten erzählte man mir von einer alten Dame, die in ihrer Wohnung überfallen und beraubt wurde. Daraufhin hat sie sich ganz zurückgezogen. Die heruntergelassenen Jalousien waren dafür ein deutliches Zeichen. Der Täter wurde gefasst und verurteilt. Eines Tages kam von ihm ein Brief aus dem Gefängnis. Die Frau hat ihn genommen, aufgemacht und in den Papierkorb geworfen. Wochen später kam wieder ein Brief. Den hat sie dann gelesen und daraufhin ist sie zum Gefängnis gegangen. Als sie in ihre Wohnung zurückkam, hat sie die Jalousien hochgezogen und wieder am Leben teilgenommen. Die Versöhnung hat sie befreit. Drei Meilen zu gehen, um Versöhnung zu stiften, lohnt sich. Mir hilft das Gebet.

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