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Schwalben
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Schwalben

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von

Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Geräusche wecken mich auf. Am Dachfenster über mir ist irgendetwas los. Was ist das, was ich da höre?  Regentropfen? Nein. In einer Mischung aus Neugierde und Sorge bewege ich mich aus dem Bett und öffne vorsichtig das Fenster einen Spalt weit. Gerade so viel, dass ich im Licht des frühen Morgens hinausblinzeln kann. Ach du meine Güte! Direkt vor meinen Augen hüpfen und flattern sie munter durcheinander: Ein paar Dutzend junge Schwalben. Mehr interessiert als ängstlich schauen mich einige an. Dass von mir eine Gefahr ausgehen könnte, das schließen sie offensichtlich aus. Die Flugschule der Schwalben hat sich an diesem Morgen also mein Dach als Klassenzimmer ausgesucht. Einige Minuten schaue ich den munteren Tieren zu. Aus der Nähe bestaune ich die flauschigen Daunen der Luftbewohner: Hellgrau bis weiß sind sie am Bauch, sonst dunkelgrau bis schwarz. Piepsend und schnatternd scheinen sie durcheinander zu plappern und miteinander zu plaudern. Immer wieder setzen einzelne zu einer Flugübung an. Ein permanentes Kommen und Gehen – oder besser Abheben und Landen vollzieht sich da unmittelbar vor meinen Augen. Mir gefällt, was ich sehe. Soviel Arglosigkeit ist im Treiben der jungen Schwalben, irgendwie entwaffnend. Und beneidenswert! Unweigerlich denke ich daran, wie anders ich selbst, wie anders vermutlich die meisten meiner Artgenossen, wir Menschen eben, in die Welt gehen: Vorsichtig und berechnend, geplant und bedachtsam. Die jungen Schwalben aber auf meinem Dach, die haben keine Furcht. Voller Vertrauen werfen sie sich in die Luft, arglos folgen sie den Vorführungen der älteren Vögel. Sicher fühlen sie sich in ihrer Gruppe. Ein bisschen sind sie wie spielende Kinder, denke ich. Die können das auch: Ganz hingegeben sein dem Spiel, dem Miteinander. Und ohne Sorge, ja ohne irgendeinen Gedanken oder Blick für das, was um sie herum geschieht oder geschehen könnte. Sie sind einfach nur im Augenblick. Das aber ganz und gar.
Ein Wort der Heiligen Schrift fällt mir ein. Jesus hat es einmal seinen Zuhörern gesagt: „Seht euch die Vögel des Himmels an: sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie.“ Die Vernunft sagt: So geht das bei uns Menschen nicht, unser Leben auch als Gemeinschaft ist weitaus komplexer, es braucht Planung und Verantwortung. Wir haben uns weit von einer solch naturnahen Lebensweise weg entwickelt. So ist das eben. „Aber trotzdem!“, schießt es mir durch den Kopf: Unbeschwertes Glücklichsein, einfach leben, wie Kinder oder eben die Schwalben. Wer verbietet mir das? Die Vernunft? Die Erfahrung?
Ein Gebet drängt sich in meine Gedanken, mehr ein Seufzer, ein Stoßgebet vielleicht. „Heute, Herr, lass mich versuchen, ein bisschen zu sein, wie die Schwalben. Nicht alle Probleme der Welt und meines kleinen Lebens auf einmal lösen wollen, nicht alle Sorgen beständig herum wälzen. Das Schöne sehen und arglos in den Tag gehen. Gelassen und zufrieden, weil ich mich getragen weiß von Deiner Liebe und Deinem Segen.“

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