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Rosenkranzmonat Oktober

Rosenkranzmonat Oktober

Dr. Ansgar Wucherpfennig
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Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt
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Oktober ist in der katholischen Kirche der Rosenkranzmonat. Irgendwie hat das Rosenkranzbeten alle Krisen des Gebets in den letzten Jahrzehnten überlebt. Eine katholische Freundin war auf der Suche nach einem Gebet, das bei der Angst vor dem Sterben hilft. Da hat ihr ein evangelischer Pfarrer gesagt: Ihr habt doch da ein schönes Gebet: „Heilige Maria, bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ So heißt es doch im Gegrüßet seist du Maria im Rosenkranz!

Manche können mit dem Rosenkranz nichts anfangen und finden, er widerspricht dem Wort Jesu: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“ (Mt 5,7). Ein Rosenkranz hat tatsächlich viele Worte: Das Glaubensbekenntnis, ein Gebet um Glaube, Hoffnung und Liebe, und daran schließen sich fünf sogenannte Gesätze an: jeweils einmal das Vater Unser und 10 Gegrüßet seist du Maria. Beim Beten lasse ich eine Kette mit Perlen durch die Finger gleiten, die helfen beim Zählen.

Ein Freund von mir wollte in meinen Studienzeiten für den Rosenkranz werben. Er hat dafür ältere Jesuiten gebeten, dass sie ein Zeugnis für ihr Rosenkranzgebet geben. Der alte Pater von Nell Breuning war damals schon weit über 90 und hat dazu gesagt: „Ich bete den Rosenkranz immer, wenn ich nachts nicht einschlafen kann. Damit geht es dann wunderbar.“ Ein besonders feuriges Zeugnis war das nicht gerade. Aber mir geht es ähnlich: Das monotone Wiederholen des immer gleichen Gebetes beruhigt mich. Es senkt meine Aufmerksamkeit für das, was um mich herum passiert, und lässt mich eine meditative Ruhe finden. Auch ich bete den Rosenkranz häufiger in Nächten, in denen ich nicht einschlafen kann.

Den Rosenkranz, den ich in meiner Hosentasche trage, habe ich von einer Ordensschwester in Jerusalem bekommen. Sie hat im arabischen Teil der Jerusalemer Altstadt gelebt und den Rosenkranz oft gebetet. Sie war nicht frömmlerisch, sondern hat mit den arabischen Familien für deren Rechte gekämpft, notfalls auch gegen die Gewehre von Soldaten.

Der Rosenkranz ist auch für mich keine Frömmigkeitsübung, die die Welt weit von mir weg hält. Maria, die ich im Rosenkranz grüße, war auch alles andere als frömmlerisch. Ich bin mir ziemlich sicher: In den Frauenrechtlerinnen im 20. Jahrhundert und auch in Maria 2.0 hätte sie ihre solidarischen Schwestern gesehen.  Denn Marias eigenes Gebet im Neuen Testament, das Magnificat, ist hochpolitisch. Sie singt von einer neuen Gerechtigkeit: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben, und lässt die Reichen leer ausgehn.“ So heißt es im Magnificat. Zuerst müssen sich Machtverhältnisse ändern und dann werden auch die Armen satt. Zu einem solchen Frühling in Politik und Kirche bekenne ich mich, wenn ich den Rosenkranz bete, und das auch im Herbst, im Rosenkranzmonat Oktober.

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