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Rabbi Newmann und die Beerdignung von Eddi Ford
GettyImages/James Pintar

Rabbi Newmann und die Beerdignung von Eddi Ford

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim
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Wenn die Geschichte einer Beerdigung weltweit durch die Medien geht, muss entweder ein Prominenter gestorben sein oder sie muss ungewöhnlich sein. Prominent im herkömmlichen Sinn war der Verstorbene nicht. Doch die Beerdigung im letzten Monat war wirklich ungewöhnlich, die  der jüdische Geistliche Zale Newman aus Toronto in Kanada gehalten hat. Auch mich und viele Leute weltweit hat sie berührt.

Rabbi Newman sollte sein Gemeindemitglied Eddi Ford beerdigen, den er vorher öfter im Krankenhaus besucht hatte. Dabei hatte ihm Eddi Ford seine Geschichte erzählt. Wie er in Budapest aufgewachsen ist, wo ihn während der Besatzung durch die Nazis eine christliche Familie versteckte. So überlebte Ford den Holocaust, während viele seiner Familienmitglieder in Konzentrationslagern starben. Nach dem Krieg siedelte Ford nach Kanada über. Nun war er war im Alter von 85 Jahren gestorben – allein, ohne Verwandte.

Für eine jüdische Beisetzung ist, wie für jeden anderen jüdischen Gottesdienst, ein sogenannter Minjan nötig, also mindestens zehn Teilnehmer. Rabbi Newman sagte: „Wir wollen nicht, dass jemand die Welt alleine verlässt!" Deshalb startete er einen Aufruf in einem sozialen Netzwerk. Er forderte dazu auf, einem, so wörtlich, "Helden des Holocaust" die letzte Ehre zu erweisen. Doch nur drei Leute sagten zu, sie würden zur Beerdigung kommen.

Als Newman am nächsten Tag am Friedhof ankam, fand er jedoch kaum den Weg zur Grabstätte, so viele Autos blockierten die Zufahrt. Rabbi Newman erzählt weiter:  "Ich dachte zunächst, es müsste noch eine andere Beerdigung geben.“ Er musste weit weg parken und ging durch den schneidenden, kalten Wind zum Grab. Bald wurde ihm klar: Alle waren wegen Eddie Ford gekommen. Mehr als 200 Menschen wollten einen Unbekannten verabschieden – und das bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.

Vielleicht berührt mich diese Geschichte auch, weil ich das als Pfarrer kenne: Trauerfeiern, zu dem kaum jemand oder sogar niemand kommt, weil die Verstorbenen keine Angehörigen haben. Das ist ziemlich traurig. Bei der Geschichte dieser besonderen Beerdigung dachte ich: Da hat mehr gewirkt. Da war so was wie Heiliger Geist. So, wie es an einer Stelle in der Bibel steht: „Der Geist Gottes weht, wo er will.“ (Evangelium nach Johannes 3,8) Der Geist Gottes, der Menschen in Bewegung setzt, um Gutes zu tun. Der Menschen hilft, in einer Gemeinschaft zusammenzukommen. Damit niemand allein leben und sterben muss. So viele Menschen haben sich in Toronto in Bewegung setzen lassen. Es war ihnen wichtig, einen Menschen auf seinem letzten Weg zu begleiten. Obwohl sie ihn nicht kannten. Sie haben auch stellvertretend gehandelt. Haben an die gedacht, die während des Holocaust gelitten haben, so wie Eddi Ford. Und an die, die ermordet wurden. Vielleicht wollten sie auch die Menschen würdigen, die sich für Verfolgte eingesetzt haben, wie die, die Eddi Ford während der Nazi-Zeit versteckt hatten. Der eisige Wind hat sie nicht abgehalten zu kommen.

Vom Heiligen Geist Gottes wird in der Bibel gesagt, dass er Menschen tröstet. Das haben die 200 Trauergäste auch getan. Denn sogar Fords lange verschollener Bruder tauchte auf und nahm an der Zeremonie teil. Rabbi Newman erzählt: „Wir habe in zwei Reihen einen Kreis um den Bruder gebildet und ihn getröstet (…) Wir haben es geschafft. Eddi Ford musste diese Welt nicht allein verlassen“. Und er erzählt weiter. „Eddi Ford hat die schlimmste und die beste Seite der Menschheit erlebt."

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