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Pfingsten, das Sprachwunder und der Genderstern
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Pfingsten, das Sprachwunder und der Genderstern

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Stockstadt
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Heute ist Pfingsten. In der Bibel steht in der Apostelgeschichte, worum es an Pfingsten geht. Und das hat mit der Sprache zu tun. Und mit dem Verstehen.

Die Pfingstgeschichte hat mit Sprache und Verstehen zu tun

Im Umfeld von Jesus, da war es anders als in der übrigen Welt, wo klare Grenzen bestehen. Zwischen Herrschern und Unterdrückten, Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern. Solche Grenzen kennen wir nach wie vor.

Die Jüngerinnen und Jünger begannen in fremden Sprachen zu reden...

Die biblische Geschichte von Pfingsten erzählt, wie die Jüngerinnen und Jünger von Jesus zusammensaßen. Ein paar Wochen zuvor war Jesus gekreuzigt worden und vom Tod auferstanden. Schließlich war er in den Himmel aufgefahren. Seine Jüngerinnen und Jünger blieben zurück. Sie haben sich erst mal zurückgezogen und nicht recht herausgetraut. Aber nun kam plötzlich „vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und (…) sie (…) begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab“.

So die Bibel. Was war geschehen? Die Jüngerinnen und Jünger wurden von Gottes Geist berührt und waren wie verwandelt. Plötzlich konnten sie in fremden Sprachen sprechen, von ihrem Glauben allen weitererzählen, und zwar so, dass jede und jeder sie verstehen konnte. 

Das Pfingstwunder: Menschen verstehen einander

Das ist für mich das Pfingstwunder. Menschen verstehen einander. Über alles Trennende hinweg. Ich meine, viele heute wissen, was es bedeutet, sich nicht verstanden zu fühlen. Und noch schlimmer ist für viele, wenn sie in der Sprache der anderen nicht vorkommen. Sich mitgemeint fühlen müssen. Ich denke an Frauen in einer männlichen Sprach- und Bildwelt. Ich denke an Menschen mit Behinderung in einer Welt der anscheinend „Normalen“. Und an Menschen verschiedener Kulturen.

Pfingsten. Gottes Geist berührt die Menschen so, dass sie einander verstehen und sich verstanden fühlen. Das ist eine Verheißung und ein Auftrag auch für heute.

– Musik –

Die Jüngerinnen und Jünger von Jesus verstanden einander und fühlten sich verstanden

Die Jünger und Freundinnen von Jesus hatten sich einer Bewegung anvertraut, die sie mitriss. Viele von ihnen hatten ihr gewohntes Leben verlassen. Sie fühlten sich in der neuen Gemeinschaft um Jesus aufgehoben und willkommen. Sie verstanden einander. Und sie fühlten sich verstanden.

Gottes Geistkraft schenkte ihnen eine neue Sprachfähigkeit

Und nun an Pfingsten, nachdem Jesus fort war, erlebten sie etwas ganz Tiefes und Starkes. Gottes Geistkraft, die plötzlich durch sie hindurch wehte, schenkte ihnen eine neue Sprachfähigkeit. Sie verstanden nun alle, die Fremden genauso wie ihresgleichen. Und auch andere konnten sie verstehen. Das war keine Einheits-Sprache, die da vom Himmel fiel. Keine Gleichmacherei. In der Bibel steht, wie die Leute damals an Pfingsten gestaunt haben: Da, diese Jünger von Jesus reden in ihrem Dialekt, in ihrer Sprache. Aber jede und jeder von uns versteht, was sie sagen, obwohl wir aus Ägypten, Griechenland oder Rom kommen. Unsere verschiedenen Sprachen trennen uns nicht mehr. Sprache schließt nicht mehr aus, sondern verbindet uns, ist inklusiv.

Die inklusive Sprache

Bei uns heute gibt es jede Menge Diskussion zum Thema inklusive Sprache. Einige finden den Genderstern zum Beispiel ätzend. Andere versuchen, ein neues Sprachgesetz daraus zu machen. Ich gehe heute an Pfingsten mal dem guten Geist im Gendersternchen genauer nach.

Frauen und Männer gleichermaßen ansprechen

In Reden ist es relativ einfach. Die beginnen meist mit: „Sehr geehrte Damen und Herren“. In der Kirche sage ich oft: „Liebe Brüder und Schwestern“. Frauen und Männer sind dann gleichermaßen angesprochen.  

Es gibt aber auch Menschen mit unbestimmter Geschlechtsangehörigkeit

Kein Politiker vergisst heute mehr, auch seine Wählerinnen anzusprechen. Und ich muss doch jetzt genauso sagen: Keine Politikerin vergisst, auch ihre Wähler anzusprechen. Aber Sie merken schon, es ist umständlich, allen gerecht zu werden. Denn außer Männern und Frauen gibt es auch Menschen mit unbestimmter Geschlechtszugehörigkeit, man nennt sie “divers“.

Das Gendersternchen öffnet die Wahrnehmung

Wie kann man das einfacher machen? Jemand hatte die Idee, einen Schrägstrich einzufügen: Lehrer/in. Das kann man in geschriebenen Texten machen, aber nicht sprechen. Dann kam jemand auf die Idee mit dem kleinen Sternchen mitten im Wort. Das hört sich dann so an: Politiker*in oder Wähler*innen. Die kleine Mini-Lücke, die da zu hören ist, verdankt sich diesem Stern, dem sogenannten Gendersternchen. Damit werden Frauen und Männer und auch Menschen, die sich nicht auf ein Geschlecht festlegen, angesprochen. Hört sich ein bisschen komisch an mit der Mini-Pause. Aber ich mag das Gendersternchen, weil es die Gedanken und die Wahrnehmung öffnet. 

Kann sein, dass uns im Lauf der Zeit ja noch was Besseres einfällt. Denn wir ändern uns als Menschen, und auch die Sprache ändert sich mit.

– Musik –

Die Jünger*innen Jesu erzählen nun anderen von der Liebe Gottes

Die Sprache der Freunde und Jüngerinnen Jesu hat sich an Pfingsten auf einmal geändert. Sie hatten schon vorher eine gute Verständigung, fühlten sich aufgehoben in ihrer Gemeinschaft. An Pfingsten kommt nun Gottes Geistkraft dazu und gibt ihnen den Mut: Wir bleiben nicht nur unter uns. Wir gehen raus und erzählen allen von der Liebe Gottes, an die wir glauben. Und nun wurden sie auch von anderen verstanden. Von Außenstehenden, Fremden, Leuten mit anderen Glaubensvorstellungen. Für mich gewinnt das Pfingstwunder daraus seine Tiefe.

Gott wirkt vielfältig in uns

Gottes Geist heißt meistens „der Heilige Geist“. In der Bibel kann man das Wort aus dem Hebräischen auch so übersetzen: die Geistkraft Gottes. Die Lebenskraft Gottes in uns. Inspiration vom Himmel. Das beschreibt, dass Gott vielfältig in uns wirkt: sanft und kraftvoll, zärtlich und dynamisch, tröstend und aufrüttelnd.

Jeder Mensch, ob Mann, Frau oder divers, hat verschiedene Seiten im eigenen Wesen

Und so vielfältig und unterschiedlich wirkt Gottes Geist auch in jedem Menschen, denn wir Menschen sind nach dem Angesicht Gottes geschaffen, als Mann und Frau. (1. Mose 1,27 und 5,1) Jeder Mensch, ob Mann, Frau oder divers, hat verschiedene Seiten im eigenen Wesen. Ich bin nicht auf einen Aspekt festgelegt. Und ich versuche, andere nicht auf ein Merkmal zu reduzieren.

Mit Sprache benennen wir Dinge und legen Begriffe fest

Mit der Sprache benennen wir die Dinge. Wir legen zum Beispiel fest, dass ein Tisch „Tisch“ heißt und ein Eichhörnchen „Eichhörnchen“. Durch Wörter entsteht eine Ordnung, in der wir uns zurechtfinden können.

Die inklusive Sprache versucht, Stereotype aufzubrechen

Mit der Sprache labeln wir auch Menschen. Zum Beispiel: Flugkapitän – ist ein Mann und Krankenschwester – eine Frau. Viele solche Stereotypen sitzen fest in unseren Köpfen. Beim Wort „Chef“ denken viele an einen Mann. Dabei gibt es genauso und immer mehr Chefinnen. Die inklusive Sprache versucht, solche Stereotype aufzubrechen. Besser wäre vielleicht Leitungsperson zu sagen. Aber das klingt abstrakt.

Das Gendersternchen macht alle sichtbar

Auch darum bin ich ein Fan vom Gendersternchen. Natürlich klingt es ungewohnt, Techniker*innen zu sagen oder Frisör*innen. Mir hilft das aber dabei, all die sichtbar zu machen, die bisher zwar oft mitgemeint, aber eben nicht direkt benannt wurden.

Vielfalt muss nicht trennen und darf sichtbar sein

Pfingsten in der Bibel: Menschen mit diverser Herkunft sprechen verschiedene Sprachen. Aber sie verstehen sich trotzdem. Mir macht das Mut: Vielfalt muss nicht trennen. Vielfalt darf sichtbar sein. Und hörbar in den Worten, die ich wähle.

Andere verstehen und selbst verstanden werden - mit Achtung füreinander

Pfingsten – jede und jeder in der eigenen Sprache. Das schenkt Freiheit. Ich habe Ihnen erzählt, wie ich es mit meiner Sprache versuche. Aber inklusive Sprache ist kein Zwang und keine Vorschrift. Es geht ums Verstehen. Die anderen zu verstehen und selbst verstanden zu werden. Mit Achtung füreinander. Mit Spirit und Esprit, Gottes Geistkraft und Heiligem Geist – jede und jeder in der eigenen Sprache.

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