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Nussecken
Bild: pixabay

Nussecken

Dr. Annegreth Schilling
Ein Beitrag von

Dr. Annegreth Schilling,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Gestern Abend haben wir sie wieder gebacken: Unsere geliebten Nussecken. Den Teig aufs Blech gerollt, dann die Aprikosenmarmelade darüber gestrichen, die Nussmasse drauf verteilt und in den Ofen geschoben. Hmmm. Dieser Duft…
Noch heute Morgen kann ich es riechen.
Seelennahrung ist das. Für alle Sinne.
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich die Nussecken probiert habe: Es war kurz nach der Geburt meines Sohnes. Meine Schwägerin kam vorbei und versorgte mich mit allem, was frau im Wochenbett so braucht. Dabei stellte sie auch eine Blechdose auf meinen Nachttisch und sagte: „Du brauchst jetzt viel Energie – also greif zu!“
Ich lugte unter den Deckel und kaum dass ich die kleinen in Schokolade getauchten Dreiecke sah, war die Dose schon halb leer. Einfach Köstlich!

Die Nussecken sind für mich zu einem Symbol geworden: Da ist jemand vorbeigekommen, als ich selbst keine Kraft hatte. Da hat mir jemand zu verstehen gegeben: Ich sorge mich um Dich. Ich sorge für Dich.
Seitdem sind die Nussecken für mich „heilig“. Damit meine ich: Sie bringen meine Augen zum Leuchten, sie wecken meine Lebensgeister, sie geben mir Kraft für den nächsten Schritt.

Mein Sohn ist mittlerweile schon so groß, dass er selbst das Rührgerät halten kann.
Wenn ich ihn frage: „Wollen wir Nussecken backen?“ geht ein Strahlen über sein Gesicht. Er setzt sich sofort in Bewegung und läuft zum Schrank um die Schüssel rauszuholen.
„Für wen backen wir sie? Hebst du uns welche auf?“ Das sind die beiden Fragen, die immer kommen. Fast wie ein Ritual.

Für ihn ist es selbstverständlich, zuerst nach dem Anlass zu fragen, warum wir sie backen. Denn natürlich gibt es die Nussecken bei uns nicht einfach so. Sie sind immer etwas Besonderes. Eine Unterbrechung des Alltags. Eine Stärkung zum Weitergeben.

Und die zweite Frage ist ebenso wichtig: Hebst du uns welche auf? Andere zu stärken ist wichtig. Dabei aber auch selbst nicht zu kurz zu kommen, auf die eigenen Kräfte achten, das ist ebenso wichtig.

Ich schaue auf das Blech mit den Nussecken, das wir gestern Abend gebacken haben. Gold-braun mit einem Schokorand verziert liegen sie nebeneinander.
Ich nehme sie heute einer Freundin mit, die sich vor kurzem getrennt hat. Wir wollen uns heute Abend treffen. Zum Reden. Vielleicht auch zum Schweigen. Die Nussecken hab ich dabei: als Seelennahrung für eine Zeit, die Kraft kostet.

Und eine kleine Dose bleibt zu Hause – für meinen kleinen Helfer. Und für die nächsten Tage.  Vielleicht kann sie jemand gebrauchen. Vielleicht kann auch ich sie gebrauchen.

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