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Leine lassen
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Leine lassen

Ein Beitrag von

Sandra Matz,

Pfarrerin, Evangelisches Gemeindenetz an der Nördlichen Bergstraße, Alsbach

Ein Bekannter war mit seinem Motorboot auf der Lahn unterwegs. Besonders begeistert haben ihn die vielen Schleusen, durch die er gefahren ist. Das ist nämlich gar nicht so ohne und manchmal auch eine wackelige Angelegenheit. Er erklärt mir: „Bei einer Schleuse handelt es sich ja um eine Art Wasseraufzug, mit dem man verschiedene Höhen überwinden kann.“ So eine Fahrt durch eine Schleuse erfordert viel Kraft, zumindest auf der Lahn. Denn man muss bei vielen Schleusen selber die Tore auf-, bzw. zu kurbeln.

Begeistert fährt er fort: „Wenn sich das Boot in der geschlossenen Schleuse befindet, muss es mit einem Tau an der Wand festgebunden werden. Dann wird die Schleuse vorne und hinten zugemacht, das Wasser wird abgelassen. Und dann kommt das allerwichtigste: Jetzt muss man „Leine lassen“. Man darf das Boot auf keinen Fall zu kurz an der Wand festbinden, denn sonst würde es einfach in der Luft baumeln. Das wäre gefährlich. Ist die Schleuse überwunden, kann die Fahrt weitergehen: jetzt auf einem anderen Niveau.

Das kommt mir bekannt vor. Mir geht es oft so, wenn etwas Neues auf mich zukommt. Eben wie eine Schleuse, der ich nicht ausweichen kann. Ich habe dann manchmal versucht, mich besonders fest an Bekanntes zu binden. Ich hatte Angst davor, die Kontrolle über alles zu verlieren. Aber wer auch schon mal solch eine Zeit erlebt hat, weiß: „So wird das nichts!“

Was mein Bekannter von der Schifffahrt erklärt hat, stimmt auch fürs Lebens: Gerade in Schleusenzeiten ist es wichtig, „Leine zu lassen“: Die Sorgen loszulassen, ein bisschen mehr zu wagen, als mich an vermeintliche Sicherheiten zu klammern. Und darauf zu vertrauen, dass der Weg nach der Schleuse weitergehen wird und Gutes bereithält. Ich glaube, wer „Leine lässt“, kommt mit Sicherheit verändert, aber am Ende auch heil durch so eine Schleusenzeit hindurch.
 

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