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Heimat – ein Grundbedürfnis
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Heimat – ein Grundbedürfnis

Karl Waldeck
Ein Beitrag von Karl Waldeck, Direktor Evangelische Akademie, Hofgeismar
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„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“, so fragt der Beter des 8. Psalms. Einen Tag vor Weihnachten liegt es nahe, die Frage zu variieren: Was braucht der Mensch? Gar nicht so viel, kann man antworten und sich alle Jahre wieder kritisch mit der weihnachtlichen Geschenk- und Konsumkultur auseinandersetzen. Und man sollte auch die panikartige Suche nach dem passenden Weihnachtsgeschenk überdenken, das noch immer nicht gefunden ist und spätestens in den nächsten Stunden gekauft sein muss.

Was braucht der Mensch? Es gibt die sogenannten Grundbedürfnisse des Menschen: Nahrung, sauberes Wasser, ein Dach über dem Kopf. Keine Selbstverständlichkeit – und in Deutschland die Regel, weitaus eher zu finden als in anderen Teilen der Erde. Deshalb suchen Menschen aus vielen Ländern in Deutschland Zuflucht vor Krieg, Repression, Elend. Flucht, Migration, Integration, das waren die Themen des zu Ende gehenden Jahres, und sie werden uns in den kommenden Jahren weiterhin beschäftigen.

Grundbedürfnisse. Ein Dach über dem Kopf, keine Selbstverständlichkeit – auch für die Heilige Familie: für eine Hochschwangere und ihren Begleiter. In der Stadt abgewiesen, findet das Paar schließlich eine karge Unterkunft im Stall zu Bethlehem. Dort kommt ihr Kind zur Welt.

Es gibt materielle Grundbedürfnisse – und solche, die darüber hinausgehen und die nicht nur, aber gerade zu Weihnachten, eine besondere Rolle spielen: Heimat gehört dazu. Die Sehnsucht nach Heimat, nach einem Ort, wo man sich zu Hause fühlt, ist in diesen Tagen besonders groß. Keinen solchen Ort zu haben, empfinden viele als schmerzlich.

Heimat ist ein schwieriger Begriff – nicht nur zur Weihnachtszeit. Für manche klingt er kitschig, eng, provinziell, für andere ist er verdächtig: Er kann verlogen sein, wenn er für populistische Zwecke eingesetzt wird: Heimat steht dann für ein „Wir“, das andere Menschen ausgrenzt. Heimatschutz und Heimtatfront sind dann nicht mehr weit.

Wie jeder große Begriff – man denke nur an „Liebe“ oder „Gott“ – kann auch das Wort „Heimat“ missbraucht werden. Möglicher Missbrauch muss aber nicht gegen die Sache selber sprechen. Zwei Denker helfen mir, wenn es um das Grundbedürfnis nach Heimat geht. „Weh dem, der keine Heimat hat!“ klagt Friedrich Nietzsche und stellt dem modernen Menschen eine harte Diagnose: Kalt ist die Welt; es fehlt die Orientierung – wenn Heimat fehlt. Die andere Sicht: „Heimat istetwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war." so lautet der Gegenentwurf Ernst Blochs. Heimat verweist auf die Kindheit – Heimat zu finden, ist zugleich ein wohl nie abgeschlossenes Projekt.

Heimat verbindet sich mit bestimmten Orten, vor allem aber mit Menschen: Dort, wo ich mich angenommen, geborgen weiß, da ist Heimat – im Kleinen wie im Großen. Weihnachten berichtet von beidem: von der Heimatlosigkeit der Heiligen Familie – Weihnachten weist zugleich den Weg, um Heimat, Licht und Geborgenheit zu finden: im Stall zu Bethlehem, bei Gott.  

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