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Größer, besser, weiter –  der Maßstab macht´s!

Größer, besser, weiter – der Maßstab macht´s!

Christoph Hartmann
Ein Beitrag von

Christoph Hartmann,

Lehrer und Referent für Schulpastoral, Fulda
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Ist es eigentlich verwerflich Erster sein zu wollen? Bei meinen zwei Söhnen erlebe ich gerade andauernd dieses gegenseitige Wetteifern darum, wer bei allen möglichen Gelegenheiten Erster ist. Erster am Frühstückstisch, erster im Auto oder im Sandkasten. Um dann rufen zu können: „Ich war der Erste! Ich bin der Beste!“ Vielleicht kennen sie das?
Andere Beispiele finden wir z.B. im Sportunterricht! Da ist es ähnlich! Gerade wenn es darum geht Mannschaften zu wählen. Da flitzen die Finger hoch: „Nimm mich! Nimm mich!“, hört man da die Kinder rufen!
Auch in der Alltagswelt der Erwachsenen erlebe ich es hier und da, dass einen der Ehrgeiz packt, besser zu sein als der andere. Gerne erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an eine Werbung aus der Finanzbranche. Zwar schon etwas älter. Aber sie trifft es auf den Punkt: Um zu zeigen, dass er in seinem Leben etwas erreicht hat, legt ein alter Schulfreund sichtlich zufrieden drei Fotos auf den Tisch und sagt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot …“ Der andere schaut ihn an und antwortet tiefenentspannt mit seinen Bildern, die er auf die Bilder seines Gegenübers legt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot,“ und er setzt gleich noch einen oben drauf und fährt fort: „meine Dusche, meine Badewanne, mein Schaukelpferdchen.“
Auch wenn es noch weitere Beispiele diesbezüglich gibt, verdeutlichen sie doch alle, dass das „Erster sein wollen“ irgendwie menschlich ist.
Positiv betrachtet ist dieser kämpferische Ansatz durchaus bewundernswert. Denn hinter dem „Erster sein wollen“ stecken eine ordentliche Portion Fleiß und Disziplin. Ohne Motivation, Mut und Ausdauer sind solche Erfolge kaum zu schaffen. Und das finde ich richtig positiv!
Beispiele dafür sind unter anderem Schülerinnen und Schüler, die jeden Tag aufs Neue Vokabeln lernen und das Gelernte vertiefen, in dem sie Hausaufgaben machen. Sie wissen, dass sie nur so ihren angestrebten Schulabschluss und letztlich ihre Träume verwirklichen können.
Auch Paulus, der große Apostel, sagt dazu im Neuen Testament: „Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt!“
Für die Gewinner der letzten Bundesjugendspiele meiner Schule klingt mir diesbezüglich noch die Stimme des Stadionsprechers im Ohr. Zu den Kindern auf dem Siegertreppchen sagte er: „Genießt den Applaus, ihr habt ihn euch verdient.“ Das schließlich ist die Belohnung für all das, was man bereit war für den Erfolg zu geben.
Ist also „Erster sein wollen“ erstrebenswert und somit positiv?
Nicht ganz so schnell! Hat doch diese Einstellung auch ihre Kritiker. Die politische Großwetterlage, nicht nur in Deutschland, macht das deutlich. Chemnitz, America first und der Brexit kommen mir da in den Sinn. „Erster sein wollen“ hat auch seine negativen Seiten. Einer für alle und alles für mich! Da schreien förmlich Maßlosigkeit und Rücksichtslosigkeit zum Himmel. Auf den Punkt gebracht, sind das die Gefahren, die in dem „Erster sein wollen“ stecken. Da scheint es nur verständlich, diesem Ansinnen unter anderem mit Spielen ohne Verlierer entgegenzuwirken. Oder auch Kindern zu verstehen zu geben, dass es gar nicht wichtig ist, wer der Erste ist. Vielmehr solle man sich bewusst werden, dass wir alle gleich sind, dass es Wichtigeres im Leben gibt.
Ist also das Ansinnen, „Erster sein zu wollen“, verwerflich?
Jetzt wird es schwierig! „Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus“?

Als Christ bin ich davon überzeugt, dass die Bibel, die Heilige Schrift der Christen, die Quelle des lebendigen Gottes ist. Aus diesem Grund sage ich etwas salopp: Nicht verzagen, Jesus fragen. Und tatsächlich, der Text, der heute in den katholischen Gottesdiensten verlesen wird, gibt uns Antworten! Erstaunlicherweise sind alle, die Erfolg anstreben, mit den Jüngern Jesu in guter Gesellschaft. Denn auch sie machen sich Gedanken darüber, wer von ihnen der Größte, der Erste ist. Bei den Jüngern allerdings liegt das daran, dass sie Jesus nicht richtig zuhören. Der spricht von seiner Auslieferung und seiner Kreuzigung, ja, er spricht sogar schon von seiner Auferstehung. Das scheint für die Jünger zu kompliziert zu sein. Ihre Gedanken drehen sich um sie selbst. Sie reden darüber, wer von ihnen der Größte sei.
Mich verwundert in diesem Zusammenhang die Reaktion Jesu. Er tadelt sie nicht und hat wohl grundsätzlich keine Schwierigkeiten damit, dass es in der Gesellschaft Erste und Größte gibt. Aber das Entscheidende in dem Gespräch Jesu mit seinen Jüngern ist die Neu-Definition von dem, was es bedeutet der Erste bzw. der Größte zu sein. Und hier überrascht Jesus. Er nimmt seine Jünger beiseite, setzt sich und spricht zu ihnen:
„Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ (Mk 9,30-37)
 Für mich enthält dieser kurze Satz drei ganz wichtige Botschaften: Da ist zunächst einmal das Wollen. Jesus sagt: „Wer Erster sein WILL“. Will ich überhaupt Erster sein? Vielleicht sind viele Menschen auch damit zufrieden, dass sie ein ganz „normales“ Leben führen.
Für jene aber, die wollen, setzt Jesus mit seiner Aussage einen neuen Maßstab!
Der zweite Gedanke: Wer also wirklich Erster sein will, der soll erst einmal zum Letzten werden. Für mich heißt das: Selbst wer das Zeug dazu hat, andere zu führen und anzuleiten, soll sich nicht selbst an die Spitze drängen. Im Gegenteil: Er soll sich zurücknehmen, den anderen Raum geben, sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen. Nur wenn man sein Leben so ausrichtet, dass sich nicht alles um einen selbst dreht, dann kann man tatsächlich zu einer Führungspersönlichkeit werden.
Und dies geschieht schließlich durch den dritten Gedanken: Er soll der Diener aller sein. Meine täglichen Erfahrungen in der Schule und zu Hause zeigen mir, dass es aber mit dem Dienen gar nicht so einfach ist. Ich denke da nur an den Tafeldienst oder den Kehrdienst. Begeistert ist da keiner von meinen Schülern. Nur die wenigsten kommen von alleine darauf sich in den Dienst der Klasse zu stellen. Bei konkreter Aufforderung sieht es dann schon ein wenig besser aus.
Dienen ist sicherlich nicht selbstverständlich. Aber in den Augen Jesu ist es der Schlüssel zum Erfolg.

„Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“
Wie sieht es damit bei mir aus? Ich weiß von mir, wie schwierig es manchmal ist, den Mund zu halten. Mich zurückzunehmen. Lieber habe ich das Sagen und natürlich auch am liebsten das letzte Wort. Aber ist das auch immer gut? Auch mit dem Dienen ist das so eine Sache. Ich weiß, wie nervig es sein kann, die Spülmaschine auszuräumen oder den Müll zu entsorgen. Und natürlich ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken, dass diese ungeliebten Arbeiten auch von jemand anderem getan werden könnten. In der Regel wäre das dann meine Frau! Doch genau an dieser Stelle fasse ich mir an die eigene Nase und gebe mir einen Ruck. Denn das ist es, was Jesus in dieser ganz konkreten Situation von mir will: dienen! „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“
Mit dieser Aussage fordert Jesus seine Zuhörer – damals wie heute – heraus, die eigenen Maßstäbe zu hinterfragen. Er zeigt uns auf, wie es nur Sinn macht, Erster sein zu wollen.
Ich wünsche uns, dass wir uns nicht immer so wichtig nehmen. Viel eher, dass wir auf einander Acht geben und, dass wir den Mut haben zu dienen. Dann übernehmen wir Verantwortung für uns selbst, unsere Mitmenschen und für unsere Welt. Dann kann Leben in Würde gelingen und die Welt ein bisschen besser werden.
Übrigens: Das ist die Botschaft Jesu. Die bietet er allen Menschen an. Wer das annehmen und umsetzen kann – im Kleinen wie im Großen – ist in den Augen Gottes wirklich der Größte und der Erste.

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