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Glaube ist ein Vogel, der singt...
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Glaube ist ein Vogel, der singt...

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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In diesen Tagen des Hochsommers bin ich oft etwas wehmütig. Der Sommer hat den Zenit überschritten. Der Gesang der Vögel nimmt schon ab. Die Zeit für ihr Morgenkonzert geht dem Ende entgegen. Einer meiner Nachbarn sagt: „Gott sei Dank. Mich nervt das Getöse der Vögel. So früh am Morgen. Dann kann ich nicht mehr schlafen.“

Mir geht es anders. Manchmal warte ich im Sommer regelrecht auf den ersten Ruf eines Vogels. Diese klare einzige Stimme in den noch dunklen Himmel hinein. Sie kann mein Herz erwärmen. Manch nächtliches Grübeln beenden. Der bengalische Dichter Tagore hat geschrieben: „Der Glaube ist ein Vogel, der singt, auch wenn die Nacht noch dunkel ist.“ Im Ruf des Vogels ahne ich den neuen Morgen, Licht und ein Ende der Sorgen. Natürlich weiß ich, dass die Vögel mit ihren Rufen einen Revierkampf ausfechten und die Konkurrenz ausloten. Doch in meinem Menschenohr klingt das Gezwitscher, Zilpen und Tirilieren  einfach nur schön.

Eine, die viel von den Vögeln verstand, war die Politikerin Rosa Luxemburg. Während des Ersten Weltkriegs war sie oft inhaftiert. Im Gefängnis las sie alle Bücher, die sie zur Vogelkunde bekommen konnte. In ihre Zelle drang der Gesang der Vögel. Sie fütterte aus dem Gefängnisfenster heraus eine Kohlmeise und ein Amselpaar. Auf dem Gang im Hof mit seinen Mauern waren die Vögel gute Genossen und Boten einer Freiheit, die größer ist als jede Begrenzung.

An einem Sommertag vor mehr als hundert Jahren schrieb Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis an eine Freundin: „Gestern lag ein unbeschreiblicher Zauber auf allem. In der Luft lag ein bißchen Gewitterschwüle, eine leichte herzbeklemmende Spannung; die Sträucher standen völlig regungslos, (…) aber der unermüdliche ‘Gartenspötter’ mit dem schwarzen Köpfchen hupfte noch in den Ästen herum und rief schrill.“ Und Rosa Luxemburg schreibt in diesem Brief aus dem Gefängnis weiter: „Alles schien auf etwas zu warten. Ich stand am Fenster und wartete gleichfalls – weiß Gott auf was.“ (Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis, Wronke, 1. Juni 1917. vgl. https://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-aus-dem-gefangnis-2090/13)

Rosa Luxemburg wartete auf Freiheit. Und auf Gerechtigkeit für die kleinen Leute. Der Gesang der Vögel, ihr leichter Flug über Zäune und Mauern hinweg waren ihr ein Sinnbild für beides. Und mehr: Sie waren Trost und Hoffnung in dunkler Zeit.

Für mich ist der Gesang der Vögel ein Sinnbild für den Glauben. Mitten hinein ins Dunkel meiner Nacht, in den Horizont meiner Gedanken ist der Gesang der Vögel wie ein Ruf von Gott: „Ich bin da.“ Verstehen kann ich Gott nicht immer. Manchmal ist mir der Glaube fremd wie ein Vogelruf. Ein andermal erscheint er mir mutig und verwegen, der Nacht zum Trotz. Vor allem aber lässt er mich staunen: Unerwartet kommt mir Schönes entgegen. Leicht und frei ist Gottes Ruf. Wirbt um mich. Mit seiner Liebe. Und sagt: Die Dinge können sich wandeln. Schweres kann leicht werden. Die Nacht wird ein Ende haben. Der neue Tag kommt.

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