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Gegen die Schmerzen der Welt
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Gegen die Schmerzen der Welt

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Zuerst sieht sie Hände. Betende Hände. Das Bild von Dürer hängt über dem Bett. Als Holztafel. Im Bett unter dem Bild liegt Erich, genannt der gute. Gut war er zu eigentlich allen. Seiner Frau, den Enkeln, Nachbarn und zu denen im Verein. Jetzt ist nichts mehr gut, denkt die Pflegerin. Sie sieht Erich. Er scheint sich zu freuen in seinem Bett. Bewegen kann er sich wenig, sprechen ist mühsam. Trotzdem lacht er, der gute. Ein bisschen schief ist das Lachen. Schlaganfall eben. Die Pflegerin geht zu ihm, begrüßt ihn und tut ihren Dienst. Sorgfältig und gewissenhaft. Wie immer. Und mit Tempo, wie es heute meist sein muss. Alles in Eile, die nächste wartet schon in ihrem Bett in der Straße gegenüber. Erich wartet auf nichts. Vielleicht auf den Tod. Weit ist der wohl nicht mehr. Das spürt die Pflegerin, während sie wäscht, kämmt, Scherze macht und ihm zu trinken gibt. Er war ein Guter, der Erich. Und jetzt sieht es gar nicht mehr gut aus mit ihm. Warum muss das so sein?
Sie weiß es nicht. Kommt aber gerne zu Erich und den anderen. Die Arbeit erfüllt sie. Nur etwas stört sie in Erichs Zimmer. Die Hände über dem Bett. Die betenden Hände. Etwas streng sehen sie aus. Hoch aufragend und aneinander gelegt beten sie, nicht gefaltet wie sonst. Weiß der Himmel, warum die so berühmt sind. Überall hängen sie. Einfach zwei Hände, eher ältere. Einfach Hände, die beten. Die Pflegerin betet nicht. Irgendwann hat sie aufgehört damit. Immer sieht sie dieses Elend. Scherze sind besser als Beten, findet sie. Sie hat nichts gegen Beten, tut es aber nicht. Sie weiß aber, wie viele es tun. In ihren Betten. Sie liegen, die Hände auf der Decke, schauen nach irgendwo oder nirgendwo. Können sich kaum bewegen. Aber sie beten. Sagen sich Sätze aus der Bibel vor oder Verse aus dem Gesangbuch. Flüstern oder denken im Stillen daran. Das kann sie nicht, die Pflegerin. Sie kann nur pflegen. Und das gut.
Jetzt ist sie fertig beim guten Erich. Und verabschiedet sich. Erich murmelt etwas. An der Tür winkt sie ihm nochmal. Sagt ‚Bis morgen‘ und sieht wieder die Hände über dem Bett. Betende Hände. Ihr seid so berühmt, denkt sie. Hängt fast überall, wo Schmerzen sind. Ich kann aber nicht beten. Betet Ihr doch für mich mit. Gegen die Schmerzen der Welt.

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