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Die Faszination der Berge
Bildrechte: Frau Hirt

Die Faszination der Berge

Marcus Vogler
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Marcus Vogler,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei St. Johannes der Täufer & Leiter des Bildungshaus, Amöneburg
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Morgentau auf sanften Almwiesen. Die Sonne bahnt sich den Weg über die Berggipfel. Kuhglocken erklingen in den verschiedensten Tönen und vermitteln eine fast heilige Atmosphäre. Die Natur zeigt sich an diesem Morgen von ihrer unberührten und stillen Seite. Schritt für Schritt geht es dem Tag und dem Berggipfel entgegen. Hinter mir folgen 14 Teilnehmer, die sich mit mir in diesem Sommer für 6 Tage auf eine Hütte im schönen Zillertal zurückgezogen haben. Bergexerzitien in Gottes wunderbarer Schöpfung. Jeden Tag starten wir von unserer Selbstversorgerhütte aus mit einem gemeinsamen Ziel: Sich selbst und Gott näherkommen. Aussteigen aus dem oft hektischen Hamsterrad des Alltags.
Die Schönheit der Natur und die Erhabenheit der Berge sind für mich ein eindeutiger Hinweis auf die Gegenwart Gottes. Hier spüre ich als Mensch: Ich bin nur ein kleines Rädchen in der großen und weiten Welt. Der bereits verstorbene Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher brachte seine Liebe zu den Bergen mit folgendem Satz auf den Punkt: "Viele Wege führen zu Gott – einer führt über die Berge".
Seit jeher zieht es Menschen in die Berge. In diesem Sommer auch mich mit meiner Exerzitiengruppe. Worin besteht die Faszination der Berge? Ist es die Schönheit der Landschaft, Abenteuerlust, Freude an körperlicher Aktivität?
Der Bergbegeisterte kann es oft schwer benennen, was ihn ins Gebirge zieht. Für mich persönlich ist der "Berg" ein heiliger Ort – ein Ort, an dem ich mir und meinem Schöpfer begegnen kann.

Musik: Richard Strauss – An Alpine Symphony – Der Anstieg – 2:16 Min.

Auf dem Berg ist der Mensch dem Göttlichen näher als im Tal. Das ist eine Grunderfahrung von Menschen seit frühester Zeit in fast allen Religionen. Der Berg erhebt sich in den Himmel empor. Das zeichnet ihn aus. "Oben" ist für die Menschen schon immer die Sphäre der Götter, während "unten" der menschliche Bereich liegt. Der Berg ragt ins Göttliche hinein und wird zu einer Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttlichem und Menschlichem. Daher gelten hohe Berggipfel als besonders gottnah. Auf dem Gipfel fühlt sich der Mensch Gott ein Stückchen näher. Und das nicht nur räumlich. Auf dem Berg spürt der gläubige Mensch förmlich, dass es einen Gott gibt, der das menschliche Wesen übersteigt und ihm doch nahe ist.
Faszinierend ist für mich auch die Unzugänglichkeit der Berge. Oft ist der Weg beschwerlich. So wie bei meiner Wanderung durchs Zillertal. Es geht über Stock und Stein, eben noch am Felsen bergauf. Dann weiter über einen schmalen Grat, der den Blick in zwei Täler schweifen lässt. Dann folgt eine knifflige Stelle, die mit Seilen gesichert ist, bevor der letzte Anstieg den Blick auf den erhabenen Gipfel freigibt. Berge sind in den meisten Fällen mit einer Kraftanstrengung, Übung und Geschick bezwingbar. Sie führen mich aber auch hin und wieder an meine Grenzen und bleiben unter Umständen für mich unerreichbar.
Berge sind mächtiger als der Mensch. Deshalb schreiben ihnen viele Religionen göttliche Eigenschaften zu. Sind sie dann noch besonders markant und mit Wolken verhüllt,  erscheinen sie zusätzlich geheimnisvoll und in besonderem Maße entrückt.
Durch ihr Aufragen bilden Berge Pole der Landschaft, sowohl physisch wie energetisch. Besonders alleinstehende und über andere Berge hinausragende Gipfel ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Nach antiker Meinung vereinen Berggipfel in sich auch die Energien der Erde und erhalten dadurch eine wichtige mystische und spirituelle Rolle.
Berge sind deshalb seit frühester Zeit auch ein wichtiges Element in den Religionen und Kulturen der Welt der Bibel. Das gilt auch für Palästina, die gebirgige Heimat des Gottesvolkes Israel. Palästina lag am "Knotenpunkt" verschiedener Völker und prägte deren religiöse Vorstellungswelten. So ist es nicht verwunderlich, dass der Berg und das Gebirge in den Texten der Bibel eine große Rolle spielen. Aber nicht der Berg an sich steht dabei im Vordergrund, sondern vielmehr das, was auf den Bergen geschieht: die Gottesbegegnung. Gott erwählt in der Bibel häufig Berge: Hier kommt er mit Menschen in Kontakt. So werden die Berge in der Bibel immer zu Orten der Gotteserfahrung.

Musik: Richard Strauss – An Alpine Symphony – Auf dem Gipfel - 5:19 Min.

Berge in der Bibel. Über 440 Mal wird das Wort "Berg" im Alten und Neuen Testament verwendet: Mose erhält die Tafeln mit den 10 Geboten auf einem Berg, den er allein besteigen muss: dem Sinai. Elia begegnet Gott auf dem Berg Horeb und das himmlische Jerusalem ist auf dem Berg Zion angesiedelt. Jesus predigt von einem Berg zu tausenden von Menschen. Seine bekannteste Rede trägt den Namen "Bergpredigt". Immer wieder sind die Berge Orte, an denen Gott sich den Menschen zuwendet und sich zeigt. Auch die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes dürfen das am eigenen Leib erfahren.
Der Verfasser des Matthäusevangeliums berichtet davon mit diesen Worten: "Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete, wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus antwortete und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie und siehe, eine Stimme erscholl aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht zu Boden und fürchteten sich sehr. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht! Und als sie aufblickten, sahen sie niemanden außer Jesus allein. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist!“ (Mt 17, 1-9)
Petrus, Jakobus und Johannes machen auf dem Berg Tabor eine Gotteserfahrung. Gott führt sie aus ihrem Alltag heraus, nimmt sie mit auf einen Berg. Dort erkennen sie: Dieser Jesus, dem sie folgen, ist nicht nur ein besonderer Mensch, der ein gutes Leben führt und den man vielleicht deshalb nachahmen soll. Nein: Dieser Jesus ist wahrhaft Gottes Sohn!
Sie spüren tief in ihrem Herzen, dass Gott auch in ihnen gegenwärtig ist. Dieses Erlebnis macht sie so glücklich, dass sie diesen Moment festhalten möchten und spontan drei Hütten bauen möchten.
Ich finde die Reaktion der Jünger sehr sympathisch und ich kenne das auch aus meinem eigenen Leben: Es gibt Momente, die möchte ich gerne festhalten: eine schöne Familienfeier, eine besondere Urlaubsreise, ein Gipfelerlebnis nach einer harten und anstrengenden Bergtour. Leider weiß ich nur zu gut, dass dies nicht funktioniert. Die Familienfeier und die Urlaubsreise gehen vorüber, ich muss vom Gipfel irgendwann wieder hinabsteigen ins Tal. Glücksgefühle und Momente tiefen Glücks lassen sich nicht ewig festhalten. Auch die Jünger erleben das: Sie müssen vom Berg der Gotteserfahrung wieder absteigen. Hinab in die Ebene. Hinein in ihren Alltag. Aber das Erlebnis auf dem Berg Tabor hat sie verändert: Sie tragen die Gotteserfahrung tief in ihrem Herzen hinein in ihr alltägliches Leben.

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy – Geistliches Chorwerk - Hebe deine Augen auf – 2:14 Min.

Gotteserfahrungen in den Bergen. Gibt es das heute noch? Bei den Bergexerzitien erlebe  ich es immer wieder: Ja, es gibt sie. Momente, in denen ich tief in meinem Herzen spüre: Gott ist mir ganz nahe. Eine Teilnehmerin der Bergexerzitien hat das für sich so ausgedrückt: "Ich habe in den Bergen erfahren dürfen, wie groß und gewaltig unser Gott ist und wie unglaublich schön er unsere Welt erschaffen hat. Außerdem war es ein besonderes Erlebnis, mit so vielen wunderbaren Menschen gemeinsam auf dem Weg zu sein. Ich durfte spüren, dass andere für mich da waren, wenn der Weg einmal besonders anstrengend war. Im Nachhinein spüre ich, wie sehr ich die Stille genossen habe und wie sehr ich dadurch auch mit Gott in Verbindung gekommen bin. Die Bergexerzitien haben mich sehr berührt und wirken noch immer in meinem Alltag nach." Wenn ich die Erfahrung der Teilnehmerin in die biblische Sprache übersetze, dann hat sie in den Bergen ein "Taborerlebnis" machen dürfen, wie Petrus, Jakobus und Johannes. Gott hat sie in ihrem Herzen angesprochen und tief berührt. Diese Erfahrung hat sie aus den Bergen mit in ihr alltägliches Leben genommen. Die Erlebnisse der Jünger auf dem Berg Tabor geben mir einen wichtigen Hinweis darauf, dass Gott mir in meinem Leben immer wieder solche Gotteserfahrungen schenken möchte. Dazu muss ich allerdings nicht zwingend ins Zillertal fahren und auf hohe Berge steigen. Das geht auch hier in meinem Alltag an den Orten, an denen ich lebe und arbeite. Dazu muss ich allerdings meinen Teil beitragen: Ich muss den Boden für solche Gotteserfahrungen bereiten, damit Gott mir etwas schenken kann. Ich kann mir zu Hause Orte der Stille suchen, an denen ich mich vor ein Kreuz setze und eine Kerze entzünde. Ich kann eine Kirche aufsuchen, gerade auch einmal außerhalb eines Gottesdienstes und still in einer Bank sitzen. Bei einem Spaziergang in der Natur kann ich mir einen schönen Platz auf einer Bank am Waldrand oder einer Lichtung suchen. Wenn ich an den verschiedenen Orten dann den Weg in die Stille gefunden habe, darf ich gespannt sein, was dort geschieht. Ich habe es mehrfach erlebt, dass mir in diesen Momenten klar wird, wie oft Gott mich in meinem Leben schon beschenkt hat. Und nicht selten spüre ich, wie Gott mir gerade dann ganz nahe ist. Das sind für mich die "Taborerlebnisse" im Alltag. Diese darf ich genießen, tief in meinem Herzen abspeichern und mit hinein in meinen Alltag nehmen. Solche Momente sind nicht produzierbar, sondern immer Geschenke Gottes. Es sind Gipfelerlebnisse im Alltag. Gott ist da, er lässt sich finden, wenn ich mich auf den Weg zu ihm mache und ihn suche. Eine moderne Übersetzung des Psalms 121 beschreibt das mit folgenden wunderbaren Worten:

Ich suche Gott auf den Bergen – wird er mir dort entgegenkommen?
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von ihm,
der nicht nur auf den Bergen wohnt,
mein Gott hat alle Himmel und Welten geschaffen,
und wenn ich ihn bitte, so ist er anwesend und hilft.

Ich suche Gott in der der Natur – wird er mir dort begegnen?
Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt von ihm,
der sich nicht nur um den Himmel sorgt,
mein Gott sieht auch meine Schritte hier auf Erden,
und wenn ich falle, so richtet er mich nicht.

Er richtet mich wieder auf.
Ich suche Gott im Himmel und auf Erden –
Wo werde ich ihn finden?
Wer kann mir meinen Weg zeigen?

Meine Hilfe kommt von ihm,
der nicht schläft oder müde wird.
Mein Gott behütet mich Tag und Nacht,
und wenn ich zum Leben keine Kraft mehr habe,
spricht er mir neuen Mut zu.

Meine Hilfe kommt von Gott,
den ich bitte, der mich tröstet,
der mein Leben behütet heute und in aller Zukunft.

[Uwe Seidel: Psalm 121 – Meine Zuversicht. Aus: Hanns Dieter Hüsch/Uwe Seidel: Ich stehe unter Gottes Schutz, S. 32, 2016/14 ©tvd-Verlag Düsseldorf 1996]

Musik: Krystof Harant/Jacob Handl-Gallus - Qui confidunt in Domino – 3:17 Min.

Musikauswahl: Regionalkantor Ludwig Zeisberg, Eschwege

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