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Der kleine Moment des Erbarmens
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Der kleine Moment des Erbarmens

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Vor drei Tagen geschieht Folgendes (n-tv. 20.8.17): Ein Mann läuft auf der Straße. Von der Arbeit nach Hause. Am Straßenrand sieht er einen Jungen sitzen,

etwa sieben Jahre alt. Der hat ein Stofftier in der Hand und wirkt trostlos.

Der Mann spricht den Jungen an und fragt ihn, was los ist. Der Junge sagt, dass er Hunger hat. Er will sein Stofftier tauschen gegen etwas zu essen. Der Mann nimmt den Jungen mit. Sie gehen zu einem Imbiss. Der Junge isst sich satt. Sein Stofftier darf er behalten. Dann ruft der Mann beim Jugendamt an. Die nehmen die Dinge in die Hand, schlimme Dinge. Der Junge aber ist satt und bekommt jetzt ein Bett.

Solche Geschichten gibt es. Bestimmt mehrmals am Tag. Längst nicht alle stehen in der Zeitung. Die Welt vergisst schnell. Das Gute noch schneller als das Böse. Aber die Geschichte erzählt etwas. Ich erkenne einen kleinen Moment des Erbarmens. Vielleicht denkt der Mann: du darfst jetzt nicht weitergehen. Du musst den Jungen fragen. Kann sein, dass vorher schon andere vorbeigelaufen sind. In einer Stadt sitzen viele am Straßenrand und wollen dies oder das. Manchmal pöbeln sie auch oder sind betrunken. Der Junge sitzt nur da. Mit seinem Stofftier im Arm. Diesen Mann berührt das. Mehr ist nicht.

Doch. Wenn ich genau hinsehe, ist noch mehr. Etwas Großes. Die Welt kennt kein Erbarmen. Mit nichts. In Syrien nicht und in der Türkei auch nicht. Nur der Mensch kennt Erbarmen. Manchmal. Er kann vorübergehen und denken: Was geht mich das an. Oder er bleibt stehen und beugt sich zu dem Jungen. Empfindet etwas. Ist angerührt von schmutzigen Kleidern oder dem traurigen Gesicht. Vielleicht auch vom zerschlissenen Stofftier. Und spürt das, was der Welt fremd ist: den kleinen Moment aus Erbarmen. Den gibt es, weil es Gott gibt. Der uns bittet: Geht nicht vorüber. Seht bitte hin.

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