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Der Heilige Willigis und die Fastnacht
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Der Heilige Willigis und die Fastnacht

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

Katholischer Pfarrer und Dekan, Friedberg
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Heute, am Fastnachtssonntag, erreicht vielerorts bei uns in Hessen die Straßenfastnacht ihren Höhepunkt. Und auch in den Fastnachtshochburgen am Rhein geht es jetzt hoch her, nicht zuletzt rund um den Mainzer Dom. Dort, in der berühmten Kathedralkirche der alten Bischofsstadt, hat sich für den Sonntag vor dem Rosenmontag eine ganz eigene Tradition entwickelt. Die Garden und Korporationen der Mainzer Fastnacht gestalten einen eigenen Gottesdienst. Der Dom ist dann vollbesetzt mit Gardisten, Amazonen, Majoretten, Offizieren, Prinzessinnen und Kadetten in ihren prachtvollen Fastnachtsuniformen. Mitglieder der Garden übernehmen auch die Aufgaben der Ministranten und der Vorsänger oder tragen die Lesungen aus der Bibel vor. Der erste Gardegottesdienst im Mainzer Dom fand heute vor genau 25 Jahren statt.

Mittlerweile gehört dieser Gottesdienst für viele Fastnachtsbegeisterte fest zum persönlichen Programm der närrischen Tage. Ein Gardist hat mir mal gesagt: „Das ist ganz wichtig für mich: Ich freu mich schon das ganze Jahr so auf die Fassenacht und das Fastnachtswochenende, wenn wir aus unsern Uniformen kaum noch raus kommen. Und das ist richtig schön, sich am Sonntagmorgen noch mal zu besinnen und dem Herrgott zu danken, eh es dann draußen auf der Straße richtig losgeht!“ Das hat mir gut gefallen: Ganz bewusst bringen Fastnachter ihre Lebensfreude und ihren Spaß am Brauchtum als erstes morgens in der Kirche vor Gott. Auch in vielen anderen Kirchen überall in Hessen geht’s heute etwas bunter zu als sonst, sei es, dass Kinder in Kostümen kommen oder Pfarrer mit Clownsnasen predigen.

Im Mainzer Dom wird der Gardegottesdienst zum Fastnachtssonntag gefeiert, nachher um halb neun. Ich weiß nicht, ob in den Ansprachen und Gebeten davon die Rede sein wird: Aber es ist schon ein witziger Zufall, dass der heutige Fastnachtssonntag auf den 23. Februar fällt. Dieser Tag ist nämlich auch der Gedenktag des Heiligen Bischofs Willigis. – Und der hat der Überlieferung nach vor über 1000 Jahren den Mainzer Dom bauen lassen.

In dieser Morgenfeier will ich mal dem Willigis-Tag und der Fastnacht nachgehen. Für mich haben sie nämlich miteinander zu tun, der Heilige Willigis und die Fastnacht. Auch die Musik hab ich danach ausgewählt. Sie hören als erstes „Marche du Carneval“ und „Air des masques chinois“ aus der Ballettoper „Le Carnaval de Venise“ von André Campra.

Musik 1:

André Campra: Marche du Carnaval / Air des masque chinois, aus „Le Carnaval de Venise”. CD: „Karneval anno dazumal”, Label Berlin Classics / Edel GmbH 0300555BC / LC 06203; Track 08 und 09, 01:18 und 01:20

Der heilige Willigis, dessen Gedenktag heute, am Fastnachtssonntag, im Kirchenkalender steht, er gehörte zu den einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Dabei hätte wohl kaum einer vermutet, dass aus dem Sohn eines Wagners in Sachsen mal ein Erzbischof und Reichskanzler werden könnte. Allerdings heißt es: schon in seiner Jugend hätten ihn “außerordentliche Geistesgaben, unermüdlicher Fleiß und tiefe Frömmigkeit“ ausgezeichnet. Was folgte, das muss eine Art Blitzkarriere gewesen sein: Willigis wird als Kaplan an den Hof von König Otto nach Goslar berufen, erhält dort später die Kanzlerwürde und wird im Jahr 975 Erzbischof von Mainz. Der Überlieferung zufolge, war Willigis auf seine bürgerliche Herkunft stolz und hat deswegen im Gedenken an seinen Vater ganz demonstrativ ein Wagenrad in sein Wappen gesetzt, und zwar, weil sich der Adel so darüber geärgert hätte, dass ein Handwerkerssohn einen der wichtigsten Posten im ganzen Reich erhält.

Das berühmte „Mainzer Rad“ ginge demnach auf den Handwerkerssohn und Erzbischof Willigis zurück. Streng geschichtlich ist diese schöne Episode wahrscheinlich nicht haltbar. Aber sie illustriert treffend, dass er wohl persönlich bescheiden blieb. Seine Ämter und Aufgaben, heißt es, hätte er umsichtig und vor allem uneigennützig ausgeübt. Ein weitblickender und gewandter Kanzler sei er gewesen, der durch kluge Personalpolitik und ein festes Wertefundament für stabile Verhältnisse in Staat und Kirche sorgte. Aber er war nicht nur Politiker und Diplomat. Als Bischof lag ihm ebenso die Seelsorge besonders am Herzen.

Als Willigis Ende des 10. Jahrhunderts in Mainz regierte, wurde die Stadt am Schnittpunkt der wichtigen alten Völkerstraßen zum kirchlichen Zentrum nördlich der Alpen. Wann genau er den Baumeistern den Auftrag gab, im inzwischen mächtigen Mainz ein Gotteshaus nach dem Vorbild der alten Peterskirche in Rom zu errichten, ist nicht überliefert. Weil die Kirchenhistoriker zunächst aber davon ausgegangen sind, dass das sicher bald nach Willigis‘ Amtsantritt geschehen sein musste, wurde in im Jahr 1975 schon einmal eine „1000-Jahr-Feier“ begangen. Inzwischen geht man eher von einem Baubeginn um die Jahrtausendwende aus.

Noch tausend Jahre nach Willigis gibt der Mainzer Dom seiner Stadt ihr Gesicht. Und als Zufluchtsort, in Situationen der Freude ebenso wie in mancher Sorge, prägt er das Lebensgefühl der Menschen durch die Jahrhunderte. Von dieser Zuflucht, die Menschen bei Gott und im Gotteshaus finden, singt der 81. Psalm in der Bibel. Hier ist er, vertont von Palestrina, in einer Aufnahme aus dem Mainzer Dom mit der Domkantorei St. Martin.: „Jubelt Gott zu, er ist unsere Zuflucht; jauchzt dem Gott Jakobs zu! – Exsultate deo!“

Musik 2:

Pierluigi da Palestrina: “Exsultate deo”, CD: „Laudate Domino. Chormusik aus dem Mainzer Dom“, Label ACO (CD 91309 /LC 11662), Track 02, 01:45

Ich mag die alten Legenden um Willigis und seinen Dom in Mainz. Und ich finde, beides passt auch gut zum Fastnachtssonntag. Willigis hat auf Gott vertraut und konnte sich deswegen auch sein Leben lang hoher Verantwortung stellen. Er hatte eine ganze Menge schwieriger Aufgaben zu lösen. Und obwohl er mit dem Bau des Doms die Bedeutung seiner Stadt für das Reich ausdrücken wollte, scheint er sich selbst als Person dabei nicht allzu wichtig genommen zu haben. – Davon erzählt die Geschichte um das Rad in seinem Wappen.

Wenn heute landauf, landab die Rathäuser von den Narrenregierungen erstürmt werden, dann weist dieser Brauch in eine ähnliche Richtung. Die Narren übernehmen für vier Tage im Jahr die Gewalt über die Städte. Schon in vordemokratischer Zeit war die Fastnacht dadurch so eine Art „närrisches Hoheitsgebiet“, auf dem es die vielzitierte Narrenfreiheit dem Volk erlaubte, das sagen zu können, was man sich vielleicht sonst nicht zu sagen getraut hätte. Heutzutage nutzt sogar die politische Prominenz selbst gern die Fastnacht, um ihren Standpunkt gereimt und möglichst humorvoll vorzutragen.

Vielen Autoritäten, die ansonsten im Alltag oft recht gravitätisch und bedeutungsschwanger und manchmal auch ziemlich humorlos daherkommen, will die Fastnacht auch heute noch einen Spiegel vorhalten: Adel und Ordenszeichen, Militär und Uniformen, gekrönte Häupter und auch kirchliche Würdenträger: fast alles hat im Karnevalsbrauchtum, in den Kostümen und Symbolen eine Entsprechung, die alles übertrieben Selbstherrliche karikiert und närrisch aufs Korn nimmt.

Für mich sind der Fastnachtssonntag und der Gedenktag des Heiligen Bischofs Willigis eine gute Gelegenheit, mit dem unverzichtbaren Augenzwinkern über das eigene Verhalten und die eigene Geisteshaltung nachzudenken. Ich bin von der positiven Wirkung des Humors auf meine Kirche und auf mein Leben überzeugt.

Ich frag mich dann auch: Wie ist das denn bei mir so? Wie wichtig sind mir Autorität und Posten? Lebe ich so, dass ich in meinem Alltag anderen Grund zur Freude gebe? Und reicht, nicht nur an Fastnacht, mein Humor dafür aus, auch sonst immer mal wieder mit Abstand zu mir selbst die Dinge unverkrampfter und gelassener zu sehen?

„Glaube ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“, so hat es mal Papst Johannes XXIII. gesagt. Und die hat auch in der Kirchenmusik immer wieder besonders inspirierend gewirkt. Hören wir den Schlusschoral aus der Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“. Johann Sebastian Bach vertonte darin eine Liedstrophe, die auf Martin Luther zurückgeht:

„Du heilige Brunst, süßer Trost,

nun hilf uns, fröhlich und getrost

in deinem Dienst beständig bleiben,

die Trübsal uns nicht abtreiben.

O Herr, durch dein Kraft uns bereit

und stärk des Fleisches Blödigkeit,

dass wir hie ritterlich ringen,

durch Tod und Leben zu dir dringen. Halleluja, halleluja.

 

Musik 3:

Johann Sebastian Bach: Choral „Du heilige Brunst“, aus Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ (BWV 226); CD: Georg Christoph Biller, Thomanerchor Leipzig: Die Motetten BWV 225-230, Label Decca 456 422-2 (LC 0305), Track 5, 01:31

Auch Papst Franziskus hat vor knapp sieben Jahren in seinem ersten großen Rundschreiben gesagt: Der Glaube ist Freude; Freude, die von Gott ausgeht und durch uns Menschen hindurch in die Welt einfließen soll. Seinem Lehrschreiben hat er den Titel den Titel gegeben: „Die Freude des Evangeliums“. Darin bezieht er sich auf ein Bibelwort aus einem Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude.“ (2. Korintherbrief Kapitel 1, Vers 24). Das sagt Paulus von sich selbst und von den Leuten, die in der Gemeinde unter den Christen wichtige Aufgaben haben.

Ich stelle mir vor: Der Heilige Willigis hat versucht, inmitten der Wirren seiner Zeit und in seinem Handeln als Bischof und Reichskanzler, ein solcher „Helfer zur Freude“ für seine Gemeinde zu sein. So zu leben, dass andere dadurch Grund zur Freude haben, das ist, meine ich, schon immer eine besondere Herausforderung für die Christen: zur Zeit des Paulus in den ersten Gemeinden nicht weniger als zur Zeit des Willigis im Mittelalter oder für uns Heutige.

Schon die wechselvolle Geschichte seines Doms erinnert daran: das ist manchmal auch ganz schön schwierig, - besonders, wenn die Zeiten alles andere als lustig sind: Siebenmal hat die Bischofskirche im Lauf der Jahrhunderte gebrannt. Das erste Mal fiel sie, kaum fertiggestellt, direkt am Tag der Einweihung im August des Jahres 1009 einem verheerenden Feuer zum Opfer. Den Wiederaufbau hat Willigis dann zwar noch in Auftrag gegeben, aber den Abschluss selbst nicht mehr erlebt. Er starb keine zwei Jahre später, nach 36 Jahren im Bischofsamt. Sein Nachfolger Bardo war es, der den Dom schließlich ein Vierteljahrhundert später fertigstellte. Von dem ursprünglichen Bau ist heute über den Fundamenten nur noch etwas Mauerwerk zu sehen Immerhin gibt es aber noch die großen Bronzetür am Marktportal, die tatsächlich noch aus der Anfangszeit stammt.

In allen Umbrüchen und Umbauten bleibt aber in der Sicht des Glaubens ein tiefer liegender Grund zur Freude, und das ist die Osterbotschaft. Weil Jesus auferstanden ist, sind wir erlöste Menschen. „Glaube ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“. Das ist mehr als Zweckoptimismus oder vordergründige laute Lustigkeit. Darin steckt die Hoffnung, dass selbst in der größten Dunkelheit des Todes ein Licht leuchtet.

Musik 4:

Joseph Haydn: Finale / Vivace; aus: Lerchenquartett. CD: Frühlingserwachen I. Musik voller Lebensfreude, Label Classical Choice, 4801824 (LC 00173), Track 06, 02:11

Gar nicht wenige Leute denken leider auch heute noch bei Worten wie „Glaube“ und „Kirche“ mitunter schnell an finstere Orte voll gedrückter Stimmung, an getragene Gesänge und dunkel gekleidete Menschen mit ernsten Gesichtern. Ich bin mir ziemlich sicher: Nicht nur am Fastnachtssonntag ist in der Kirche glücklicherweise weit öfter das Gegenteil zu erleben. Ich kenne seit meiner Kindheit und Jugend Kirche als einen ruhigen, aber auch freundlichen Ort, an dem ich willkommen bin und die Gemeinschaft untereinander und Gottes Nähe ganz besonders spüren kann. Und das ist dann keine „aufgesetzte“ Fröhlichkeit, sondern eine tief gehende Freude.

Erlöste Menschen, mit und ohne Heiligenschein, an Fastnacht und zu allen anderen Jahreszeiten, kennen das Leben in all seiner Zwiespältigkeit. Zwischen den Extremen der Lebenserfahrungen lädt mich aber der Fastnachtssonntag heute ein, einem Lebensgefühl Raum zu lassen, das im Glauben seinen Grund hat. Im Glauben, dass ich nicht allein durch mein Leben gehe, weil Gott es mit mir lebt. Das kann mir helfen, meine Grenzen mit Humor anzunehmen und nicht verbiestert zu werden. Der Kabarettist und Christ Hanns Dieter Hüsch hat das in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht, mit dem ich schließen möchte:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
im meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Musik 5:

Camille Saint-Säens: Finale aus Le Carnaval des animaux, CD: Saint-Säens: Carnival of the animals, Label Elap Music, 44027, Track 14, 02:09

 

 

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