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An und unter der Last wachsen
Bild: Andrea_Maschke

An und unter der Last wachsen

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf
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Im Sommer bin ich mit einer Gruppe von Freunden und Freundinnen über die Alpen gewandert. In Südtirol haben mich oberhalb von Bozen die sogenannten Erdpyramiden schwer beeindruckt: Das sind große beachtliche Gesteinsformationen am Berghang, die so ähnlich aussehen wie die Stalagmiten in den Tropfsteinhöhlen: wie spitze Nadeln ragen die Erdpyramiden säulenartig nach oben in den Himmel – und oft liegt auf den Spitzen ein Stein, manchmal ein recht unförmiger. Mein erster Gedanke war: Wie kann so eine spitze Säule auch noch einen großen Steinbrocken tragen? Aber es ist genau diesem Stein zu verdanken, dass die Erdpyramide entstanden ist und so groß werden konnte: Der Steinbrocken hat das weichere Gestein darunter davor bewahrt, vom Regen langsam weggetragen zu werden. So hat sich die Säule gebildet. Irgendwann fällt der Stein von der Spitze so einer Erdpyramide herunter und dann wird auch diese im Laufe der Jahre und Jahrzehnte kleiner. Also, erst ermöglicht der Stein die Säule, dann trägt sie den Stein. Faszinierend. Auf den Schautafeln am Rande der Erdpyramiden-Felder wird dieses Naturschauspiel erklärt.

Deine Last hat mich stark gemacht

Ich musste bei diesen Steinbrocken in luftiger Höhe an eine orientalische Geschichte denken: Ein Mann, der anderen nichts Gutes gönnte, sah am Rand einer Oase eine kleine, aber augenscheinlich wohl gewachsene Palme. In seiner Bosheit gönnte er weder der kleinen Palme ihre zukünftige Pracht noch den anderen Menschen den ersehnten Schatten dieser Palme. Und so suchte er einen richtig schweren Steinbrocken und legte ihn mitten auf die Pflanze. „So,“ dachte er voller boshafter Befriedigung, „wachsen wirst du nicht mehr“. Wie sehr wunderte er sich, als er einige Jahre später wieder in die Oase kam: Er sah sich um, ob die von ihm malträtierte Palme überhaupt noch am Leben war und staunte nicht schlecht, als er einen wunderbaren, starken, hohen Baum vorfand, den er an dem Stein ganz oben erkannte. Die Palme hatte sich mit all ihrer Kraft gegen den Stein gestemmt und ihre Wurzeln so tief es nur ging in die Erde gesenkt, bis hin zu den nur schwer zugänglichen Wasserreserven. So war es ihr gelungen, sogar den schweren Stein hochzuheben. Als sie den boshaften Mann sah, der sie staunend betrachtete, beugte sie sich ein wenig und flüsterte ihm zu: Ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht.

Staunen über Menschen, die in schweren Zeiten über sich hinauswachsen

Immer wieder lerne ich Menschen kennen, die in Zeiten großer Belastung über sich hinauswachsen und sich nicht unterkriegen lassen. Sie bringen mich zum Staunen, wie die Erdpyramiden oder die aufrechte Palme. Ich frage mich dann, aus welchen Quellen sie ihre Kraft nehmen. Aus einem Grundvertrauen ins Leben, aus ihrem starken Glauben, aus der Überzeugung das Richtige zu tun oder aus zornigem Trotz? Und ich merke: Widerständiges Leben ist vielfältig. Respekt!

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