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„We don’t need another hero“ – Tina Turner
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„We don’t need another hero“ – Tina Turner

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Pastoralreferent in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden

Guten Morgen!

Also, ich bin schon gerne dabei, wenn wir kirchlichen Radioleute Ihnen hier einen Sommer lang „Heldengeschichten“ erzählen. Beziehungsweise vorsingen lassen: Mit Popsongs auf Heldensuche! Ach nein, Sinnsuche! Oder ist das am Ende dasselbe?

Wenn Sie mich fragen, wer für mich ein Held ist? Also, ich könnte schon antworten. Aber der „Held“ im antik-kämpferischen Sinn, mit Power und Pathos a là Götter- und Heldensagen, von Herkules bis Batman, der gehört irgendwie nicht wirklich zu meinem Sprachspiel. Auch nicht zu meinen Denkmustern und Lösungsstrategien.

Vielleicht weil ich als Christ ohnehin eher dem absoluten „Anti-Helden“ zu folgen versuche. Meinem „Looser“ vom Kreuz. An dessen Auferstehung ich glaube! Aber nicht im triumphalistischen Heldenmodus. Sondern in der nur verborgen wahrnehmbaren, sanft-zärtlichen Herzenskraft verwandelnder Liebe.

Nein, Hirn und Herz sind bei mir in Sachen klassisches Heldentum deutlich auf Abstand.

Und für diesen Abstand habe ich eine der gigantischsten Popzeuginnen des letzten Jahrhunderts auf meiner Seite…

„We don’t need another hero“! Ein Top-Hit von Tina Turner aus der Mitte der 80er Jahre. Längere Zeit damals in den deutschen Charts auf Platz eins. Kenner der Szene werfen natürlich sofort das Stichwort „Mad-Max-Filme“ in den Ring, beziehungsweise in die „Donnerkuppel“! Man braucht tatsächlich ein paar Infos zur Herkunft des Liedes, um es einigermaßen zu kapieren. Dazu kommen wir gleich. Zunächst ist da aber für mich erst mal nur diese Titelzeile:

Wie verstehen Sie den Satz: „We don’t need another hero“? Für mich ist er mehrdeutig. Er bedeutet entweder: Wir brauchen überhaupt gar keine Helden mehr. So im Sinne von: Die haben genug Unglück angerichtet! Dankeschön, von Helden haben wir die Nase voll!? Oder er bedeutet: Wir brauchen keinen weiteren Helden. Im Sinne von: Danke, wir haben schon einen! Der macht seinen Job noch ganz ordentlich. Wir brauchen keinen neuen!

Also: Lieber gar keine Helden mehr oder nur keinen neuen?

Die Frage bleibt zunächst offen. Betrachten wir das Lied etwas näher.

Es herrscht düstere Endzeitstimmung. Kindergesang begleitet die Solostimme, denn es geht um „eine letzte, übrig gebliebene Generation“, „last generation“, so „last“ wie „lost“. Sie schildert im Song ihren Weg zwischen Untergang und Hoffnung. Wird ihre Geschichte alles überstrahlen oder in Finsternis enden?

  1. Strophe) „Weg aus den Ruinen, weg von den Trümmern. Wir dürfen diesmal die alten Fehler nicht wiederholen! Wir sind die Kinder, die letzte Generation, die, die sie übriggelassen haben. Und ich frage mich, wann wir endlich mit der Veränderung beginnen werden? Leben in Angst, bis nichts als Angst übrig bleibt. …

  1. Strophe ohne die beiden letzten Zeilen) „Worauf können wir uns verlassen? Irgendwo da draußen muss es doch etwas Besseres geben. Ja, Liebe und Mitgefühl, eines Tages werden sie Wirklichkeit. Alles andere bleiben Luftschlösser. …

Und alle Kinder sagen:

(Refrain) Wir brauchen keinen neuen Helden! Wir müssen den Weg nach Hause nicht kennen. Das einzige, was wir brauchen, ist ein Leben jenseits der „Donnerkuppel“!

Spätestens bei diesem gewaltigen Powerwort „Donnerkuppel“ zeigt sich der Erklärungsbedarf für den Hintergrund von unserem Song. „Donnerkuppel“ ist der geradezu programmatische Schlüsselbegriff für die Herkunft und die Pointe von Tina Turners Anti-Helden-Song.

„We dont need another hero“ ist das Titellied für den dritten Film der vierteiligen Mad-Max-Reihe. Regisseur: der Australier George Miller. Filme mit absolutem Kultstatus. Von den beiden ersten Mad-Max-Filmen Anfang der achtziger Jahre war Tina Turner total begeistert. Sie ist damals Anfang vierzig und hat sich gerade von Ike Turner getrennt. Nun arbeitet sie an ihrer Solokarriere. Diese hatte – aus heutiger Perspektive betrachtet – noch nicht wirklich Fahrt aufgenommen. Da war es ihr sowohl große Ehre wie Riesenchance, am dritten Teil, ‚Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel‘ gleich auf doppelte Weise mitwirken zu können! Sie spielte die Hauptrolle der bösen Gegenspielerin von Mad Max, Aunty Entity, und sie steuerte eben jenen Titelsong bei, mit dem wir heute in Sachen ‚Helden‘ auf Sinnsuche sind.

Die Mad-Max-Filme haben das Genre „Action-Thriller“ wesentlich mit geprägt: Finstere Weltuntergangsstimmung im Kampf von Gut und Böse. Jede Menge exzessiver Gewalt auf allen Seiten, sowohl bei den Bösen, wie bei den Guten. Das kostet jede Menge Kraft, Nerven und Leben. Auch auf allen Seiten, im Film wie bei den Zuschauern. Am Ende geht alles irgendwie einigermaßen gut aus.

Für „Seelchen“ wie mich können diese kleinen HappyEnds allerdings die großen Schrecken des Filmverlaufs kaum aufwiegen…

Das gilt auch für „Jenseits der Donnerkuppel“. Mad Max wird von Aunty Entity gefangen gehalten. Sie verspricht ihm die Freiheit, wenn er ihren Gegner, den „Master“ ausschaltet. Dazu muss er gegen dessen monströsen Handlanger „Blaster“ kämpfen. Kampfarena ist die Donnerkuppel. Dort müssen - zur öffentlichen Belustigung wie zur Sicherung von Auntys Terrorherrschaft - Menschen auf Leben und Tod miteinander kämpfen. Altrömische Gladiatorenspiele im postmodernen Metallkäfig…

Mad Max überlebt seinen Fight in der Donnerkuppel, wird aber von Aunty zum letzten tödlichen Überlebenskampf in die Wüste gejagt. Dort rettet ihn eine marodierende Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Als diese auf ihrer Suche nach Heimat und Überleben schließlich auch von Aunty Entity verfolgt und bekämpft werden, rettet Mad Max diese „last generation“, indem er ihre Verfolger besiegt. Die Kinder finden ohne ihn in ihre Heimat zurück. Dort erzählen sie, zur Legende stilisiert, das Heldenepos ihres Retters Mad Max.

Der Held bleibt also Held. Er ist sogar noch etwas bedeutender geworden. Im Sinne unserer Frage, die noch im Raum steht, hieße das wohl: Wir brauchen also keinen neuen Helden, denn unser alter tut‘s noch! Mad Max forever!

Soweit zum Film, dem Heldenepos. Unser Lied aber, es weist für mich deutlich über den Horizont der Filmerzählung hinaus. Es enthält Aspekte, die den Power- und Pathos-Helden doch auf spannende Weise relativieren. Da ist zunächst diese Schlusszeile des Refrains…

„Alles, was wir uns wünschen, ist ein Leben jenseits der Donnerkuppel!“ Die Donnerkuppel ist für mich ganz klar und stark ein Synonym und Symbol für die Gewalt. Die Children der last generation sehnen sich nach Gewaltlosigkeit. Dem so gewalttätigen Film und seinem Helden, Mad Max, mag man ein Plädoyer für Gewaltlosigkeit nicht abnehmen. Das Lied aber setzt trotzdem darauf. Es lässt seinen Helden und dessen Gewaltlösungen hinter sich. Anders kann und wird der weiter oben beschworene „Tag von Liebe und Mitgefühl“ niemals kommen!

Und es gibt da noch eine Strophe, die die ersehnte Rettung nicht von irgendeinem Helden erwartet. Sondern von wem?

„Also, was machen wir aus unserem Leben? Hinterlassen wir Spuren? Wird unsere Geschichte hell aufstrahlen oder gehen wir im Dunkel unter? Gib, was du hast; tu, was du kannst, oder lass es bleiben!“

Mad Max, der Held, entkommt der Donnerkuppel nicht wirklich. Die Gewalt wird immer sein Prinzip bleiben. Aber Tina Turners Titelsong führt uns mutig darüber hinaus. Ich finde es so klasse wie außergewöhnlich, dass die Botschaft der Filmmusik größer ist als die Botschaft des Filmes:

“We don’t need another hero!” Ich deute es so: Wir brauchen keine neuen Helden. Wir beginnen selbst mit der Verwandlung. Wir wagen Gewaltlosigkeit! Dann endlich dämmert uns der Tag von Liebe und Mitgefühl!

Ob wir dann selbst Helden sind?

Wie gesagt, der Held gehört nicht wirklich zu meinen Denkmustern.

Wenn aber Leute, die die Welt gewaltlos zum Guten verändern, Helden genannt werden, soll’s mir recht sein…

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