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Der „Sonntag des Guten Hirten“
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Der „Sonntag des Guten Hirten“

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

Katholischer Pfarrer und Dekan, Friedberg

Das Bild eines Schafhirten: Ich kann mich noch gut erinnern, wo ich es zum ersten Mal in meinem Leben bewusst wahrgenommen habe: im Esszimmer von „Tante Minna“, unserer damaligen Vermieterin. Ich muss so vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Das Bild lag, schön bunt auf eine Tablettenschachtel gedruckt, auf dem Tisch. Es sprach mich wahrscheinlich deshalb so an, weil es vom Stil her an die Zeichentrickfilme von damals erinnert hat: ein lächelnder Mann mit langem weißem Bart und Pfeife unter einer strahlenden Sonne auf einer grünen Wiese mit drei, vier Schäfchen.

Diese Werbegrafik hat mich als Kind irgendwie tief beeindruckt. so viel Zufriedenheit und Fröhlichkeit in einem kleinen Bild. Genau in dieser Zeit hab ich mich auch einmal an Fastnacht als Schafhirte verkleidet: mit Umhang, einem alten Schlapphut, einem großen Spazierstock vom Großvater und dem Stoffhund aus meinem Kinderzimmer.

Kein Wunder, dass mir zurzeit diese alten Kindheitserinnerungen wieder einfallen. Heute, drei Wochen nach Ostern, sind die Lesungen in den katholischen Sonntagsgottesdiensten vom biblischen Bild des Schafhirten geprägt. Jesus sagt in der Bibel von sich: „Ich bin der Gute Hirte“, einer, der sein Leben hingibt für die Schafe. Und auch lange vor Jesus, in der Bildersprache des Alten Testaments, wird Gott selbst als ein solcher Hirte beschrieben.

Sicher war das Symbol des Schafhirten damals in der orientalischen Kultur den Leuten geläufiger und vertrauter als uns. Aber noch immer trägt der heutige Tag im Kirchenkalender seinen Namen: Wir feiern heute den „Sonntag des Guten Hirten“.

Dass einem heute im wirklichen Leben noch Schafhirten begegnen, kommt wahrscheinlich eher selten vor. Vielleicht noch da und dort im Urlaub, zum Beispiel auf Bergwanderungen.

In meiner oberhessischen Heimat, im Gießener Land, konnte ich in meiner Schulzeit durchaus noch Angehörige dieses uralten Berufsstandes sehen – wie sie mit ihren Schafherden über die Wiesen rund um die Dörfer zogen. Besonders idyllisch war das Bild der Schäfer in den Neunzigern freilich nicht: Keine Bärte, Hirtenstäbe, Tabakspfeifen und Lodenumhänge, dafür aber Funktionsjacken, Jeans, Profilstiefel und moderne Schäferschippen aus Edelstahl.

Die Schäferei, so habe ich nachgelesen, ist übrigens auch heute noch ein Ausbildungsberuf. Amtlich heißt er heute: „Tierwirtin oder Tierwirt, Fachrichtung Schäferei“. Ein Absolvent beschreibt im Internet seine Arbeit so:

Wir müssen das Schaf kennen und verstehen. Krankheiten müssen frühzeitig erkannt und behandelt werden, wir müssen (…) unser Jahr lange im Voraus planen. Ständig müssen wir auch den Zustand der Herde und der Lämmer beurteilen. Die Verantwortung, die man mit seiner Schafherde hat, ist riesig. Verantwortungsbewusstsein, Einfühlungsvermögen, große Belastbarkeit und die Fähigkeit, über lange Zeiträume von früh bis spät zu arbeiten, sind unbedingt notwendig. Beschenkt werden wir mit der täglichen Arbeit an einem wunderbaren Wesen. Einer Aufgabe, an der man wachsen kann, einer Arbeit nach der man weiß, was man getan hat.“

Mir gefällt diese aktuelle Berufsbeschreibung gut. Es geht um Fürsorge, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Das war in biblischer Zeit nicht anders. Das Bild vom „guten Hirten“ war für die Israeliten ein geläufiger Begriff. Als eine Art Ehrentitel wurde er besonderen Persönlichkeiten zugesprochen, die sich um das Volk Gottes in besonderer Weise verdient gemacht hatten. Zum Beispiel den großen Königen und Propheten im Alten Testament wie Mose, David oder Salomo. Für das Volk sorgen, es auf guten Wegen führen und im Glauben an Gott bewahren - das waren die Ideen, die jeder mit dem Begriff des „guten Hirten“ verbinden konnte.

Eines der bekanntesten biblischen Lieder, der 23. Psalm, spricht in solchen Bildern von Gott selbst. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ (Psalm 23,1-2) Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen dieses Lied aus dem Alten Testament auch heute noch auswendig können. Jetzt hören wir es in einer Fassung des zeitgenössischen Komponisten Jean Berger. Er vertonte den 23. Psalm in englischer Sprache mit meditativer Melodie: „The lord to me a shepherd is.“

Wenn jemand einen Psalm auswendig kann, dann meistens diesen. Es gibt wohl kein Lied aus der Bibel, das bekannter ist als der Psalm 23. Ich war da lange Zeit etwas skeptisch und dachte oft: Da wird doch irgendwie eine falsche Idylle beschworen und eine Wohlfühlatmosphäre herbeigeredet - vielleicht fromm, aber irgendwie doch lebensfern.

Irgendwer gab mir dann mal einen wichtigen Hinweis. Dieser Psalm kommt nämlich aus der Lebenswelt der orientalischen Nomaden biblischer Zeit. Für die Nomaden damals war die Gastfreundschaft ein besonders heiliges Recht. Und wer bei einem Nomaden im Zelt zu Gast war, der konnte sich dort ganz sicher fühlen. „Der Herr ist mein Hirte“, das war wohl ursprünglich das Gebet eines Verfolgten. Dem Beter war die Luft weggeblieben, und dann darf er bei einem schützenden Gastgeber wieder Atem schöpfen, wird gesalbt und verpflegt und darf bleiben, solange er will.

Seitdem kann ich gut nachvollziehen: Diese uralten Bilder bringen Bedürfnisse und Sehnsüchte zur Sprache, die damals wie heute im Alltagsleben tatsächlich oft auf der Strecke bleiben. Mir kommt der Psalm 23 ja oft auch genau dann in den Sinn, wenn ich selbst mal wieder besonders deutlich merke: Ich brauche so sehr „Ruheplätze“. Orte, an denen ich durchatmen kann. Und ich brauche immer wieder jemanden, der bei mir ist und mitgeht, wenn ich Angst habe und im Leben durch dunkle Täler durch muss.

Es tut mir dann gut, zu hören, dass Gott da ist, wenn ich mich alleine nicht mehr richtig auskenne. Und dass er mir neue Kraft gibt. In der protestantischen Kirchenmusik des 20 Jahrhunderts hat Eberhard Wenzel eine besonders schöne Vertonung des 23. Psalms geschaffen. Sie kommt ganz ohne aufgesetzte und unpassende Hirtenromantik aus. In der vierten Liedstrophe heißt es da:

Er wird, was mich quäle,

vergleichen und stillen,

er lenkt mich ohn Fehle

dem Namen zu willen,

der alles regiert,

der Herr ist mein Hirt.

Gott wird in der Bilderwelt des Alten Testaments als ein solcher „guter Hirte“ beschrieben. Erscheint es dann nicht ziemlich anmaßend, dass die Herrschenden der damaligen Zeit den gleichen Ehrentitel mitunter auch für sich selbst beansprucht haben? Andererseits steckt genau darin eine ernste Warnung an die Mächtigen. Die biblischen Propheten nehmen die Hirtenfunktion von Führenden nämlich ziemlich kritisch in den Blick: Hirte sein, das ist nicht einfach willkürliches Bestimmen, sondern das heißt: Man ist verantwortlich. Man muss sich um sein Volk sorgen und sich ernsthaft um die Menschen kümmern. Vor allem soll es nicht um den eigenen persönlichen Profit gehen, sondern um das Wohlergehen aller.

Der „gute Hirte“ verzichtet darauf, Gewinn für sich selbst herauszuschlagen. Sein Markenzeichen: Die Bereitschaft, ein Höchstmaß an Mühe auf sich zu nehmen.

Jesus gilt deshalb im Neuen Testament als der Hirte schlechthin. Davon erzählen die Verse aus dem Johannesevangelium, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen werden: Jesus sammelt und schützt seine Herde. Er kennt die Schafe und die Schafe kennen ihn. Als guter Hirt gibt er sogar sein Leben für sie. Die Empfehlung des Evangelisten Johannes ist: Man soll nur dem einen echten Hirten trauen, Jesus!

Ich finde diesen Hinweis auch für uns heute ganz wichtig: Wem kann ich denn trauen in meinem Leben, auf wen mich verlassen? Auf meine Familie, meine guten Freunde. Aber wie viele Produkte oder Versicherungen versprechen mir in der Werbung das Blaue vom Himmel, dass ich mich auf sie verlassen, mein Leben mit ihnen besser und sicherer machen kann.

Johannes hingegen sagt: „Pass auf! Nicht jeder, der mit riesigen Versprechungen daherkommt, hat wirklich dein Vertrauen verdient. Jesus als der „Gute Hirte“ allerdings schon.“ Das hab ich immer wieder erfahren: - in Krisenzeiten, wenn mir ein Gebet geholfen hat. Oder wenn ich mich nach dem Gottesdienst auf den Heimweg mache und mich unterwegs fröhlich und aufgeräumt fühle.

Diese ermutigende Botschaft hat auch in der Musik vielfältige Spuren hinterlassen. Hören wir ein Beispiel aus der Motettenliteratur des frühen 16. Jahrhunderts. Im Hymnus „Vox Angelorum nuncia“ wird Jesus selbst angesprochen mit den Worten „Tu Christe, pastor optime“:

O Christus, treuester Hirte,

vereine deine verstreuten Lämmer,

führe zu höchster Freude

die Herden, erlöst durch dein Blut.

Jesus als der gute Hirte - oder auch Gott als Hirte der Menschen – das passt auch gut in diese Osterzeit, die ja noch bis Pfingsten dauert. An Ostern feiern wir Christen das Fest des Lebens, das Gott uns schenkt. Und dass das Leben stärker ist als der Tod. Jesus hat sein Leben am Kreuz eingesetzt.

Er ist selbst durch den Tod hindurchgegangen und lebt. Damit hat Gott gezeigt: Er geht uns Menschen nach. Und so wie ein guter Hirte seine Schafe aufmerksam begleitet, wenn der Weg gefährlich ist, so bietet Gott uns seine Begleitung an, wenn wir niedergeschlagen sind und uns verloren vorkommen, sogar durch den Tod hindurch ins Leben.

Orlando di Lasso hat in der Renaissance-Zeit diese Sicht des Glaubens in eine beeindruckende Chorkomposition gefasst. Mit Blick auf Jesus, den Auferstandenen, heißt es da: „Surrexit pastor bonus. – Auferstanden ist der Gute Hirt. Er gab sein Leben für die Schafe. Er ist für seine Herde gestorben. Halleluja.“

In meinem Büro steht auf einem Wandpodest eine alte Figur des „Guten Hirten“, aus Holz, unbemalt und schon etwas rissig. Ich sehe sie jeden Tag, wenn ich zur Tür hereinkomme. Jedes Mal, wenn ich an die Arbeit gehe, erinnert sie mich daran: Gott lässt mich nicht im Stich. Ich bin überzeugt: Gott begleitet mich bei allem, was ich mache, auf allen meinen Wegen.

Dieser „Gute Hirte“ sagt mir aber auch, wenn ich ins Büro komme: Du hast Verantwortung für andere! Geh damit sorgsam um. Und das heißt: Kümmer dich. Bleib vertrauenswürdig. Und mach keine falschen Versprechungen.

Der „Sonntag des Guten Hirten“ bedeutet für mich ganz konkret: Jede und jeder kann im Alltag für andere zum Hirten, zur Hirtin werden, in unseren Beziehungen, Familien und Freundeskreisen. Und Gott, der „Gute Hirte“, - der hilft dabei mit und ruft: Nur Mut! Ich bin bei dir!

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