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Zwei sind besser dran als einer allein
Pixabay/Anita Morgan

Zwei sind besser dran als einer allein

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim
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Seit einem Jahr ist Anke Fink-Bieber Gemeindesekretärin, in der Gemeinde in Frankfurt, in der ich Pfarrer bin. Freundlich und kompetent organisiert sie unser Büro. Und sie hat gesagt, ja, du kannst meine Geschichte im Radio erzählen. Auch weil sie hofft, anderen damit Mut zu machen.

Zu den Aufgaben der Gemeindesekretärin gehört, zu kirchlichen Hochzeiten die Trausprüche der Paare in die Urkunden einzutragen. Ich habe sie mal gefragt: „Was war eigentlich der Trauspruch von dir und Siegfried?“ Sie antwortete sofort: „Aus dem Buch des Predigers: Zwei sind allemal besser dran als einer allein. Wenn zwei unterwegs sind und hinfallen, dann helfen sie einander wieder auf die Beine. (Das Buch Prediger 4,9f) Den Spruch haben wir uns ganz bewusst ausgesucht.“

Ich wusste: Siegfried ist ihr zweiter Mann. Ihr erster Mann war vor 20 Jahren gestorben. Er war schwer krank gewesen, Lungenkrebs. Ein kurzer Kampf zwischen Hoffen und Bangen. Plötzlich war sie verwitwet. Alleinerziehende Mutter von zwei Jungs, damals elf und fünfzehn Jahre alt. 

Eine ganz schwere Zeit war das für sie, erinnert sich Anke. „Ich war erst 40. Meine Freunde wussten gar nicht genau, wie sie mit mir umgehen sollten“, erzählt sie. „Einmal war ich auf einer Geburtstagsfeier eingeladen. Der Gastgeber platzierte mich an einem Tisch mit älteren Frauen. Nur Witwen. Alle erzählten sich nur, wie schwierig es jetzt sei, und wie allein sie sich fühlten. So wollte ich nicht trauern. Meine Freunde saßen alle an einem anderen Tisch. Alles Pärchen. Ich hätte mich gerne dahin gesetzt. Ich wollte einfach am Leben teilnehmen.“

Nach einem Jahr lernte sie Siegfried kennen. Im Internet, das damals noch recht neu war. Auf einer Plattform, auf der sich Menschen austauschten, die in der gleichen Situation waren. Siegfried hatte seine Frau ganz plötzlich verloren. Zuerst haben sie sich geschrieben, dann getroffen und ineinander verliebt.

Für ihre beiden Söhne war Siegfried anfangs wie ein Eindringling in ihre verschworene Gemeinschaft. Und überhaupt, erinnert sich Anke: „Zuerst war das ein seltsames Gefühl. Irgendwie war es so, als seien unsere Ehepartner noch mit dabei. Fast wie eine Beziehung zu viert. Aber genau das hat uns geholfen: Wir haben unsere Gefühle miteinander geteilt. Auch die Schmerzen, die wir hatten, wenn wir an unsere verstorbenen Partner gedacht haben.“

Anke hat beschlossen: Ich will mir die neue Liebe erlauben. Da war zwar die Angst, wieder neu zu lieben und wieder jemanden verlieren zu können. Doch sie dachte sich: Es bringt nichts, sich zurückziehen. Unsere Partner sind gestorben, wir aber sind am Leben. Sie und Siegfried spürten: Zwei sind besser dran als einer. Sie haben einander verstanden und die Angst genommen.

Sie und Siegfried haben ein Haus gebaut und sind hier angekommen. In dem Verein „Jung verwitwet“ haben sie jahrelang anderen Betroffenen Mut gemacht, einen neuen Weg zu beschreiten. Sie sagt: „Da wollte ich anderen vermitteln: Trauer ist auch etwas Positives. Ich konnte neu lieben, weil ich wusste: Ich darf trauern.“

Als Gemeindesekretärin begegnet sie häufig trauernden Menschen. Sie kann sich gut in ihre Gefühlslage hineinversetzen. Genauso wie in glückliche Brautpaare, die ins Büro kommen. Dann denkt sie manchmal an ihre eigene Hochzeit mit Siegfried vor fünf Jahren. Ihre beiden Söhne waren ihre Trauzeugen.

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