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Träume nach vorwärts!
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Träume nach vorwärts!

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

„Nenne dich nicht arm, weil Träume nicht in Erfüllung gehen; wirklich arm ist nur, wer nicht geträumt hat.“ Dieser Satz soll von der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach stammen. Für mich drückt er etwas Ur- Menschliches aus: den Traum von einem erfüllten Leben. Die Vorstellungen davon, was ein erfülltes Leben ist, sind so verschieden wie wir Menschen selbst. Was man sich erträumt, ist je nach Lebensalter oder Situation unterschiedlich.

Wer arm ist, träumt davon reich zu werden. In vielen Märchen wird das erträumte Glück mit Gold oder Reichtum beschrieben. Ein einsamer Mensch sehnt sich nach einer liebevollen Beziehung, nach wirklicher Freundschaft. Wer krank ist, wünscht sich gesund zu werden. Wer in einer Bruchbude haust, träumt von einer gemütlichen Wohnung. Und wer ständig ausgenutzt wird, braucht Anerkennung. Manches, was man sich erträumt, geht nicht in Erfüllung. Aber das Träumen, das heißt für mich die Vision von einem erfüllten Leben, die soll man nicht aufgeben.

Der Philosoph Ernst Bloch hat zwei Arten von Träumen unterschieden. Die einen nennt er archaische Träume; sie sind rückwärtsgewandt. Sie erinnern an das, was einmal war, was aber vorbei ist. Und es gibt die utopischen Träume. Sie sind visionär, nach vorne gewandt. Dieses Träumen nach vorwärts bezeichnet Bloch als den Hoffnungsmotor des Menschen, der ihn antreibt, das Leben und die Welt zum Guten zu verändern. In diesen Träumen nach vorwärts entstehen Vorstellungen von einem sinnerfüllten Leben, Hoffnungsbilder von einer versöhnten Welt. Solche Täume darf man nicht aufgeben, auch dann nicht, wenn sie gegen die Realität stehen. Sie gehören zum Menschen; malen seine tiefe Sehnsucht aus – nämlich die nach Erfüllung und Glück.

Es braucht manchmal Mut, sich eine andere Welt vorzustellen als die gegebene Realität. Diesen Mut hatten die Propheten in der Bibel. Die haben sich getraut, ihren kriegerischen Königen die Botschaft vom Frieden entgegen zu stellen: Schwerter zu Pflugscharen. (Jesaja 2) Diesen Mut, sich eine andere Welt vorzustellen als die gegebene Realität, haben viele in unserem Volk gehabt, als die friedliche Revolution, wie die Wiedervereinigung oft genannt wird, sich ereignete. Wir haben erfahren, wie Kerzen, Gebete und friedliche Demonstrationen eine Mauer zum Einstürzen bringen. Das Träumen nach vorwärts ist der Hoffnungsmotor, der uns zu Veränderung antreibt.

Ich träume davon, dass Arbeit Spaß macht und nicht nur Geld bringen muss, dass wir mit mehr Genügsamkeit und weniger Konsum leben können. Ich träume davon, dass wir uns in unserem Dorf als Nachbarn entdecken, die sich einander zuwenden. Ich träume, dass die alten Menschen im Dorf bleiben können, bis sie sterben, und dass wir ihre Lebensweisheit würdigen und nutzen, solange es geht. Ich träume davon, dass die verschiedenen Generationen wieder mehr Orte im Dorf finden, an denen sie sich begegnen, erzählen, miteinander spielen oder arbeiten. Das kann im Kindergarten oder auf dem Spielplatz sein, im Dorfladen oder dem Wirtshaus, in der Spinnstube oder der Dorfwerkstatt.

Es werden nicht alle Träume in Erfüllung gehen. Aber ich will nicht aufhören, sie zu träumen. Nenne dich nicht arm, wenn Träume nicht in Erfüllung gehen; wirklich arm ist nur, wer nie geträumt hat.

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