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Als mein Vater "Tochter Zion" nicht mehr singen durfte
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Als mein Vater "Tochter Zion" nicht mehr singen durfte

Heidrun Dörken
Ein Beitrag von

Heidrun Dörken,

Evangelische Pfarrerin, Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk
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Dieses Lied singen wir nicht mehr. Wir haben genug deutsche Weihnachtslieder.“ Mein Vater war ungefähr acht Jahre alt, als er das gesagt bekam. Er hatte beim adventlichen Familien-Singen nach seinem Lieblingslied verlangt: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!“ Das singen wir nicht mehr, war die Antwort.

Mein Vater hat sich als Kind nichts dabei gedacht, auch nicht gefragt, warum das Lied auf einmal verboten war. Eltern, Onkel und Tanten erklärten nichts. Nur seine Großmutter sagte: „Ihr versündigt euch.“ Aber auch das hat er nicht verstanden.  

Die Nationalsozialisten haben Lieder ausgemerzt

Als Erwachsenem wurde meinem Vater bewusst: Die Nazis, unter deren Herrschaft er Kind war, wollten Lieder ausmerzen, die ausdrücken: Das Christentum kommt vom Judentum. Es sollte an keiner Stelle klar werden, wie viel sie verbindet. Darum wollten die Nazis „Tochter Zion“ nicht hören.

Was Juden und Christen verbindet

Dabei vereint Juden und Christen der Glaube an Gott. Christen haben die meisten biblischen Schriften mit Jüdinnen und Juden gemeinsam. Darüber hinaus haben Christen vom Judentum die Hoffnung übernommen auf einen, der Frieden bringt. So wie es in dem Adventslied „Tochter Zion“ heißt: „Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt der Friedefürst.“

Die meisten haben es hingenommen

Der christliche Glaube schöpft aus dem Judentum. Für diese Wahrheit sind damals nur ganz wenige in den christlichen Kirchen eingetreten. Die meisten haben hingenommen, dass ein Lied wie Tochter Zion stumm blieb. Oder sie haben das sogar gutgeheißen. Als mein Vater später uns, seinen Kindern, davon erzählte, hat er gesagt: Im Nachhinein verlangt er keinen Widerstandsmut. Niemand weiß, ob man diesen Mut  selbst gehabt hätte. Doch die Worte seiner Großmutter machten ihm Jahre später klar: Es gab Alternativen zur Gleichgültigkeit. Sie hatte Sünde genannt, was mit dem Verbot von Liedern und Büchern begonnen hatte und dem viel Schrecklicheres folgte.

Ein evangelischer Pfarrer aus dem Fränkischen dichtet 

Noch in anderer Hinsicht war verkehrt, was mein Vater gehört hatte. Tochter Zion ist ein deutsches Advents- und Weihnachtslied. Der evangelische Pfarrer Friedrich Heinrich Ranke aus der Nähe von Nürnberg hat 1820 für das Lied biblische Worte des Propheten Sacharja nachgedichtet. Tochter Zion ist ein anderer Name für Jerusalem. In der zweiten Strophe ist vom Nachkommen des großen jüdischen Königs Davids die Rede. Dieser Nachkomme, der Sohn Davids, wird Freude und Frieden bringen.

Die Melodie ist von Georg Friedrich Händel

Friedrich Ranke hat seine Dichtung mit einer Melodie von Georg Friedrich Händel verbunden. Das Reizvolle an der Melodie: Sie hat etwas Majestätisches und Triumphales und wird doch an manchen Stellen ganz innig.  

Weihnachten im Frieden und in einer Demokratie ist nicht selbstverständlich

Tochter Zion blieb ein Lieblingslied meines Vaters. In seiner Kindheit unterm Hakenkreuz hat er eine Diktatur erlebt, in der Deutsche Millionen Jüdinnen und Juden ermordet haben und der ganzen Welt Elend und Tod brachten. Am Ende auch dem eigenen Land. Wohl deshalb hat mein Vater uns vermittelt: In einer demokratischen Gesellschaft und im Frieden Advent und Weihnachten zu feiern, ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Grund zur Freude.

Tochter Zion steht im Evangelischen Gesangbuch Nr. 13. Text: Friedrich Heinrich Ranke 1820/26 Musik: Georg Friedrich Händel 1747

Mehr zu „Weihnachten unterm Hakenkreuz“: https://www.deutschlandfunkkultur.de/nazi-propaganda-weihnachten-unter-dem-hakenkreuz.1278.de.html?dram:article_id=306126

Zur Geschichte des Lieds Tochter Zion: https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kultur/die-fraenkisch-schottischen-wurzeln-des-weihnachtslieds-tochter-zion

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