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Ostern konkret: Aufstehen - Aufstand - Auferstehung
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Ostern konkret: Aufstehen - Aufstand - Auferstehung

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Wie geht Auferstehung? Das ist das Thema von Ostern aus christlicher Sicht. Die Ostergeschichten der Bibel berichten über die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Also: Wie geht Auferstehung?

Die erste, die auf diese Frage stößt, ist eine Frau: Maria Magdalena. Jesus hatte sie von sieben bösen Dämonen befreit. Maria Magdalena war mit ihm gezogen – als seine Jüngerin, als enge Vertraute. Manche vermuten sogar als seine Geliebte. Jedenfalls: Sie bleibt bei ihm - bis zuletzt. Als er gekreuzigt wird, ist sie da und setzt sich diesem Schmerz aus. Hilflos sieht sie mit an, wie der Mann ihres Lebens qualvoll stirbt - und mit ihm auch all ihre Hoffnungen. Dann trägt sie den Toten mit zu Grabe. Tiefpunkt ihres Lebens? Noch nicht ganz. Denn noch hat sie etwas, woran sie sich klammern kann: Seinen Leichnam. Ihm will sie nahe sein. Dafür kommt sie früh am Ostermorgen zurück zum Grab. Es liegt in einem Garten, ein wohlhabender Mann hat es zur Verfügung gestellt. Was Maria Magdalena dort erlebt, berichtet der Evangelist Johannes so (Johannes 20): Sie findet das Grab geöffnet vor. Ihr erster Gedanke: „Der Leichnam ist weg!“ Zutiefst erschrocken denkt sie: „Nicht einmal den wollen sie mir lassen.“ Sie läuft zu Petrus und Johannes, zwei der Jünger. Ihnen berichtet sie, was sie gesehen hat. Die beiden kommen sofort mit und untersuchen das Grab.

Tatsächlich: Der Leichnam ist weg. Kopfschüttelnd gehen die beiden davon. Nur Maria Magdalena bleibt noch dort. Sie weint. Nun schaut auch sie mit tränenverhangenen Augen in das Grab hinein – und sieht darin zwei Engel in weißen Gewändern. Sie spricht mit ihnen. Dann merkt sie, dass noch jemand in ihrer Nähe ist. Sie hält ihn für den Gärtner, der diesen Garten pflegt. Ob er den Leichnam weggeschafft hat? Das fragt Maria Magdalena. Sie will ihn wiederhaben. Die Gestalt antwortet, indem sie einfach nur ihren Namen ausspricht: Maria. Da erkennt Maria seine Stimme, die Stimme von Jesus. Sie will ihn umarmen. Doch er wehrt ab. Berühren kann sie ihn nicht. Nur sehen und spüren darf sie das Unglaubliche: Jesus ist nicht mehr bei den Toten, er ist auferstanden.

Wie geht Auferstehung? Offenbar nicht so, dass man genauso aussieht wie vorher. Der Auferstandene ist nicht der reanimierte Jesus, sondern eben der Auferstandene. Auferstehung ist eine neue Existenz. Und die erste, die das erlebt, ist Maria Magdalena. Für sie bedeutet Auferstehung noch etwas anderes: Der Beginn von etwas Neuem, wo alles zu Ende zu sein schien. Wer am Boden liegt, kann aufstehen. Was Maria nicht einmal zu hoffen wagte, kann doch geschehen. Damit wird sie zur Mutmacherin für die Hoffnungslosen. Und als solche taucht sie auch in einem Song von Bruce Springsteen auf. Der Song trägt den Titel „The Rising“, also: Aufstehen. 

Musik: Bruce Springsteen, The Rising, Strophe 4

„Ich habe Maria im Garten gesehen. Im Garten der Tausend Seufzer. Sie hält Bilder von unseren Kindern, wie sie im Himmel tanzen, erfüllt von Licht. Möge ich deine Arme um mich spüren. Möge sich dein Blut mit meinem mischen. Der Traum vom Leben komme zu mir wie ein Wels, der am Ende meine Leine tanzt.“

Das ist ein typischer Springsteen-Song. Einfache Musik mit ganz viel Gefühl. Dazu ein Text voller geheimnisvoller Bilder und vager Andeutungen. In seinen Songs nimmt Springsteen oft die Perspektive eines einzelnen Menschen ein. Einer von vielen. Der Song „Rising“ handelt von jemandem, der sich in einer Extremsituation befindet: Unter Druck, in Gefahr, ratlos, atemlos. In seinem Kopf flimmern Bilder und Gedankenfetzen. Wer damit gemeint ist? Darüber wird im Internet viel debattiert. Manche sagen: Der Song beschreibt einen Feuerwehrmann nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. In dem getroffenen Gebäude hastet der Feuerwehrmann durch das Treppenhaus. Er will löschen und retten. Zugleich weiß er, dass er sich selbst in Lebensgefahr befindet. Während er sich durch Staub und Rauch kämpft, schießen ihm Gedanken durch den Kopf – und Bilder der Hoffnung. Darunter auch Maria Magdalena, die als erste von der Auferstehung Jesu erfahren durfte.

Andere sagen, dass dieser Song für jeden Menschen geschrieben ist, der am Boden zerstört ist. Vielleicht stimmt beides. Denn Bruce Springsteen ist der Sänger mit dem feinen Gespür für die Menschen, die unter der Last des Lebens leiden, die zu verzweifeln drohen. Die erste Strophe klingt so:

Musik: Bruce Springsteen, The Rising, Strophe 1

Kann vor mir nichts sehen. Kann auch nicht sehen, was von hinten kommt. Ich gehe meinen Weg durch diese Dunkelheit. Ich kann nichts fühlen außer dieser Kette, die mich fesselt. Habe die Orientierung verloren, wie weit ich gekommen bin und wie hoch ich geklettert bin. Auf meinem Rücken ist ein Sechzig-Pfund-Stein, auf meiner Schulter eine Halbmeilen-Leine.

Schwer bepackt und orientierungslos. So erleben nicht wenige ihr Leben. Bruce Springsteen ist ihre Stimme, ihr Anwalt. Einfühlsam beschreibt er in seinen Songs die Stimmungslage der Perspektivlosen, der Hoffnungslosen, der am Boden zerstörten. Er kennt das aus seinem eigenen Leben. Er stammt aus kleinen Verhältnissen mit wenig Geld. Sein Vater war ein verschlossener und frustrierter Mensch, der seinem Sohn nur wenig Geborgenheit geben konnte. Dieses Lebensgefühl liegt den Songs von Bruce Springsteen zugrunde. Sie sind zutiefst melancholisch und eröffnen meist auch keine echte Perspektive. Liebeslieder sucht man vergeblich. Glückliche Momente dauern nie lange an.

Und doch glimmt in den Songs Hoffnung auf. Mag sein, dass Springsteen sie seiner Mutter verdankt. Sie war nicht nur liebevoll und herzlich, sondern auch streng religiös, katholisch. Sie vermittelte ihrem Sohn die biblischen Bilder von der Liebe Gottes und von der Hoffnung, die im Glauben entstehen kann. Diese Bilder tauchen später auch in seinen Songs auf - wie kleine Leuchtzeichen der Hoffnung. Meist sind sie wirklich nur klein. Aber manchmal leuchten sie so hell auf wie ein Osterfeuer. Das geschieht auch im Refrain des Songs „Rising“.

Musik: Bruce Springsteen, The Rising, Refrain

Mach mit beim Auferstehen. Komm schon, leg deine Hände in meine. Mach mit beim Auferstehen heute Nacht.

Plötzlich setzt der traurige Song einen Impuls, er ruft auf zur Tat: Mach mit! Hand in Hand. Gemeinsam. Gemeinsam aufstehen - sich erheben – aufstreben - aufsteigen - den Aufstand proben - neu anfangen – auferstehen. All das steckt in dem englischen Wort Rising. Ein schillerndes Wort. Es beginnt beim ganz banalen Aufstehen. Es kann gemeint sein als Streben nach etwas Höheren und Besseren. Oder als beruflicher Aufstieg. Rising kann auch politisch werden und zum Aufstand aufrufen – oder zu einer Neubesinnung, einem Neuanfang. Und es kann eine religiöse Tiefendimension annehmen – auferstehen wie Jesus. All das geht ineinander über. Wie in den Zeilen der Dichterin Marie Luise Kaschnitz:

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.


Davon handelt der Song von Bruce Springsteen wie auch die Ostergeschichte von Maria Magdalena. Sie richten sich an die, die am Boden zerstört sind, um sie aufzurichten. Sie wenden sich an die, die sich aufgeben, um ihnen Mut zu machen. Sie sprechen zu den Totgeweihten von einem ewigen Leben bei Gott. Und das nicht etwa mit einer Hurra-Geste, sondern zurückgenommen. Sanft sagen sie: Gib dich niemals geschlagen. Halte nichts für unvermeidlich. Noch im Tod kann Gott dein Schicksal wenden.

Obwohl Bruce Springsteen nie direkt politisch Stellung bezieht, werden seine Songs in den USA zu Recht auch politisch verstanden – und genutzt. Die Songs geben denen eine Stimme, die sonst keine haben. Sie prangern soziale Missstände an. Oder sie finden Worte für die kollektive Trauer einer ganzen Gesellschaft. Dafür steht der Songs „Rising“. Mit ihm singen die Menschen in den USA gegen das Trauma der Terroranschläge im World Trade Center an. Drei demokratische Präsidentschaftskandidaten haben den Song auch im Wahlkampf genutzt. Sie schürten damit patriotische Gefühle für einen politischen Neuanfang. Vor gut zehn Jahren eröffnete Barack Obama sogar seine Amtseinführung mit diesem Song.

Bruce Springsteen lässt das zu und macht mit. Doch für ihn gehören dabei Politik und der einzelne Mensch immer zusammen. Er singt von Mensch zu Mensch, geradezu seelsorglich-therapeutisch.

Er ist ein Prediger der Hoffnung im Hoffnungslosen. Ein Prophet des Lebens inmitten des Todes: Komm schon, mach mit beim Auferstehen …

Musik: Bruce Springsteen, The Rising, Strophe 4

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