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Nach dem Mord an Walter Lübcke: Mutig einstehen für Respekt und Toleranz

Nach dem Mord an Walter Lübcke: Mutig einstehen für Respekt und Toleranz

Verena Maria Kitz
Ein Beitrag von

Verena Maria Kitz,

Pastoralreferentin im Refugium für Mitarbeitende in Caritas und Pastoral des Bistums Limburg
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Ich bin wirklich erschüttert – wie geht das zusammen?

Letzte Woche war ich in der Frankfurter Paulskirche zum Gedenken an den 90. Geburtstag von Anne Frank, dem jüdischen Mädchen aus Frankfurt: Weltberühmt durch ihr Tagebuch. Zu Tode gekommen im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wohin die Nazis sie verschleppt hatten. Und jetzt, nur ein paar Tage, nachdem wir an sie und das Schicksal der sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden gedacht haben, wird bekannt:

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke, der Anfang Juni erschossen wurde, ist sehr wahrscheinlich aus rechtsextremistischen Motiven ermordet worden. Eine DNA-Spur weist auf den vorbestraften Stephan E. hin. Der wurde schon wegen anderer rechtsextremer Gewalttaten verurteilt. Wie kann das sein, in Deutschland, mit unserer Geschichte? Und was heißt das für unser Zusammenleben?

Mir gehen die Reden am Anne-Frank-Tag immer noch nach: Besonders bewegt hat mich Agnes Heller, die jüdische Philosophin aus Ungarn. Im Unterschied zu Anne Frank hat sie das Konzentrationslager überlebt und sie hat das als lebenslange Verantwortung empfunden. Eine kleine, zarte Frau, 90 Jahre alt, mit einer unglaublichen Präsenz. Ohne jeden Vorwurf hat sie zu uns in der Paulskirche gesprochen, es waren auch viele Schülerinnen und Schüler da: Sie hat gesagt, dass sie uns beneidet in Deutschland, um unsere Freiheit und Demokratie, aber dass die eben auch eine Verantwortung mit sich bringt:

Die Verantwortung nämlich, sich für diese Freiheit, für Demokratie und Toleranz einzusetzen. Statt gleichgültig zu bleiben, wenn ethnischer Nationalismus und Hassreden zunehmen. Auch der ermordete Walter Lübcke hatte Morddrohungen im Internet erhalten.

Ich will mir die Worte von Agnes Heller zu Herzen nehmen: Mutig zu sein, zu widersprechen, wenn Menschen beschimpft oder ausgegrenzt werden. Egal, ob das beim Kaffeetrinken mit Bekannten, in der Warteschlange an der Kasse oder in der Straßenbahn ist. Unsere Freiheit und Demokratie in Deutschland, unser Grundgesetz, das allen Menschen die gleiche Würde zuspricht, ist ja auch aus den Schrecken des Nationalsozialismus erwachsen. Deswegen sind wir alle verantwortlich, es zu schützen und uns einzusetzen: Für ein respektvolles Zusammenleben von allen Menschen hier bei uns. 

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