Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Musik öffnet Schleusen
Bild: aks9215/Pixabay

Musik öffnet Schleusen

Maike Westhelle
Ein Beitrag von

Maike Westhelle,

Evangelische Pfarrerin, Schulseelsorgerin, Kassel
Beitrag anhören:

Die 9jährige Emmi hat mir eine Mail geschickt:

"Liebe Frau Westhelle!

Gestern habe ich zum ersten Mal im Hospiz Geige gespielt. Meine Pfarrerin hat gefragt, ob ich sie bei der Andacht begleite. Ich fand es gar nicht schrecklich dort. Die Atmosphäre war sehr schön. Aber als wir Musik gemacht haben, war ein Mann dabei, der furchtbar geweint hat. Ob ihm unsere Musik nicht gutgetan hat? Eigentlich würde ich gern wieder dort spielen. Was sagen Sie dazu?

Viele Grüße, Emmi."

"Liebe Emmi,

vielen Dank, dass du mir von dem Erlebnis erzählst! Ich finde es klasse, dass du im Hospiz Musik machst – das ist bestimmt für viele Menschen eine Wohltat.

Du hast dich aber auch erschrocken, weil der Mann so arg geweint hat.

"Musik öffnet Schleusen", so sagt man manchmal. Musik rührt an die Gefühle der Menschen. Vielen tut es gut, wenn die Musik sie dazu bringt, sich auszuweinen. Andere macht die Musik fröhlich oder tröstet sie.

Der Mann im Hospiz ist unheilbar krank. Vielleicht ist ihm durch eure Musik das nochmal besonders deutlich geworden. Das hat ihn dann traurig gemacht. Oder er ist vielleicht selbst Musiker und war traurig, dass er jetzt nicht mehr für andere spielen kann – das wissen wir nicht genau.

Aber ich stelle mir vor, dass es gut ist, nicht allein traurig zu sein. Gewiss hatte sich der Mann gewünscht, bei der Andacht dabei zu sein. Vielleicht waren das Weinen und die Traurigkeit in diesem Rahmen für ihn genau richtig.

Ich habe schon häufig erlebt, dass Menschen in Gottesdiensten oder Andachten weinen. Weil sie sich dort gut aufgehoben fühlen oder sich ihre Traurigkeit sonst nicht eingestehen. Oft sind die Menschen dann dankbar dafür, dass sie die Musik und den Ort zum Weinen haben.

Wenn du also öfter dort spielen willst, dann kann es sein, dass wieder Menschen weinen – aber das bedeutet nicht, dass es nicht gut für sie ist. Gott begleite dich dabei!"

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren