Müßiggänger
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Müßiggänger

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von Carmen Jelinek, Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Dieser Satz ist mir seit meiner Kindheit im Ohr. Er steht sogar in der Bibel.

Ich habe ihn früher als Ansporn zu hören bekommen, um meine Pflichten zu erfüllen. Für die Schule arbeiten, Hausarbeiten verrichten usw. Dabei hätte ich öfter gern mal abgehangen oder gechillt wie heutzutage nicht nur die Jugendlichen sagen.

Bis heute sitze ich manchmal gern einfach so da und tue nichts. Dann starre ich Löcher in die Luft und beobachte die Äste und Blätter der Bäume, wie sie vom Wind hin her bewegt werden.

Müßiggang ist aller Laster Anfang, geht mir durch den Kopf. das ist als Mahnung gemeint und als Warnung.

Doch man höre und staune, durch die griechische und römische Antike hindurch bis weit ins christliche Mittelalter hinein war Müßiggang nicht mal bei uns ein Makel, sondern ein Privileg, ein Lebensideal, ein Weg zur tieferen Erkenntnis. Die Arbeit stand eher im Weg. 

Vorbildlich lebte der griechische Held Diogenes, der angeblich in einem Fass dem reinen Müßiggang nachging. Als Alexander der Große ihn voller Mitleid nach seinen Wünschen fragte, soll Diogenes nur gesagt haben: „Geh mir aus der Sonne.“

Martin Luther machte Schluss mit dem „Lotterleben“ und leitete die auf das Jenseits gerichteten Lebensenergien der Menschen zurück in das Diesseits.  „Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben; denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen“, wetterte Martin Luther.

Luther hat die Arbeit wertgeschätzt. Für ihn ist alle Arbeit Gottesdienst. Aus seiner Sicht liegt der Segen Gottes auf allen, die in der Welt ihrer Verantwortung nachkommen.

In der Folgezeit stieg die Arbeit immer mehr im Ansehen der Menschen.

Einen Menschen, der nur noch seine Arbeit im Blick hat, beschreibt Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert so: „Man schämt sich der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet, - man lebt wie einer, der fortwährend etwas „versäumen könnte“.

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt der Volksmund. Und ich möchte ihm entgegenhalten: Das Gegenteil ist der Fall. Das merkt derjenige, der sich der Muße hingibt und sich dabei in Bewegung setzt. Im „Müßiggang“ steckt das Wort „gehen“.

Wie anregend ist es doch, an einen anderen Ort zu gehen oder einfach durch die Landschaft. Ich erlebe das so: Die Gedanken werden frei. Auch sie wandern an einen anderen Ort.  Sie schweifen ziellos dahin – und werden gerade dann erfinderisch. Alle Sinne sind wach und aufnahmebereit für das Schöne der Welt.

 Wahrscheinlich ist die goldene Mitte ein gutes Ziel. Die Balance zu entdecken zwischen Arbeit und Müßiggang.

 

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