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Mit beiden Füßen auf dem Boden
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Mit beiden Füßen auf dem Boden

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Gleich ist es soweit: Füße aus der wohlig-warmen Decke ziehen und auf den kalten Fußboden setzen. Die Pantoffeln, die den kühlen Auftritt abpolstern könnten, sind mal wieder außer Reichweite. Es hilft nichts: Schnell barfuß über den kalten Boden ins Bad gesprungen, als würde man in einem Fluss von Stein zu Stein hüpfen.

Eigentlich könnten die Füße diesen ersten Gang des Tages genießen. Schließlich haben sie meistens nur zwei Gelegenheiten – beim Aufstehen und zu Bett Gehen -, sich so unverhüllt zu zeigen. Den übrigen Tag verbringen sie weggepackt in Strümpfen und Socken, eingeschnürt in Schuhen und Stiefeln.

Füße führen ein höchst ambivalentes Dasein – meist kaum beachtet und doch grundlegend wichtig. Über die Füße sind wir mit der Erde verbunden. Füße stehen für Anziehungskraft und Macht. Sie entscheiden darüber, ob wir ein gutes „Standing“ haben, mit beiden Beinen gut auf dem Boden der Tatsachen stehen. Es lohnt sich, hin und wieder zu überprüfen, ob man wirklich beide Füße gut auf dem Boden hat statt abgehoben zu sein. Wer nervös von einem Fuß auf den anderen trippelt, wirkt unsicher in dem, was er oder sie zu sagen hat.

Der Pharao Tutenchamun hatte sich auf die Sohlen seiner Sandalen die Abbilder seiner Feinde ritzen lassen. Auf Schritt und Tritt konnte er den Gedanken genießen, mit den Füßen auf seinen Gegnern herumzutrampeln. Gott will seine Menschen anders sehen. „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen!“, spricht Gott aus dem brennenden Dornbusch zu Mose. „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ (2. Mose 3,5) Als ein Zeichen der Ehrfurcht vor Gott ziehen Muslime bis heute die Schuhe aus, wenn sie eine Moschee betreten.

In der Symbolwelt der Bibel bedeutet das Ausziehen der Schuhe noch mehr als Machtverzicht und Ehrfurcht. Die nackten Füße erinnern an den Urzustand von Adam und Eva im Garten Eden, als noch kein Sündenfall sie von Gott trennte. In der christlichen Kunst werden Erzengel mit großen Flügeln, himmlisch wallenden Gewändern und mit nackten Füßen dargestellt. Denn sie gehören ganz in die Nähe Gottes. Unsere nackten Füße geben uns sozusagen etwas Engelhaftes.

Die Schuhe ausziehen, ohne Furcht, sich eine Blöße zu geben, das ist ein paradiesischer Zustand, ein bisschen wie „zurück nach Eden“. Also, liebe Füße, nackt und bloß am Morgen, ihr erinnert daran: Jeden Morgen den Kontakt zur Erde finden, die uns trägt. Jeden Morgen die Gelegenheit und Chance, neu anzufangen von Fuß bis Kopf, mit etwas Engelhaftem an uns, mit der Sehnsucht nach Paradies im Herzen.

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