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König – ganz anders
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König – ganz anders

Martina Patenge
Ein Beitrag von

Martina Patenge,

Katholische Referentin für Glaubensvertiefung und Spiritualität, Kardinal-Volk-Haus Bingen
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Majestätisch sitzt der thailändische König Rama X. auf seinem Thron, auf dem Boden vor ihm aber liegt die Königin, demütig ausgestreckt. Die Inthronisation verlangt ihre sichtbare Unterwerfung. Dieser König hat eine unfassbare Macht. Mit schlimmen Folgen. Die leiseste Kritik am König ist in Thailand bei Lebensgefahr verboten. Dieser König ist ein extrem autokratischer Herrscher – der aber die meiste Zeit des Jahres in einer Demokratie lebt, bei uns in Deutschland nämlich…Hier genießt er die Freiheit eines modernen Lebens. In seiner Heimat zwingt er die Menschen in ein Regiment aus einer anderen Zeit.

Lebensweisen, die uns fremd sind!

Könige und Königinnen von solch umfassender Macht kennen wir eher aus Märchen und Sagen: Niemand kontrolliert sie, sie schwimmen im Geld, dürfen einfach alles. Das sind Lebensweisen, die uns heute fremd sind. Es gibt aber – die Regenbogenpresse zeigt es – offensichtlich auch jetzt ein unstillbares Bedürfnis nach Bildern und Geschichten von gekrönten Häuptern. Je glamouröser oder skurriler, desto besser. Vermutlich möchte aber hier niemand mehr in einer Monarchie leben, die den Menschen entrechtet. Die Königinnen und Könige in unseren Nachbarstaaten haben zum Glück nur noch sehr begrenzte Funktionen und Rechte. Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie sind schließlich sehr hohe Güter, die unser westliches Leben bestimmen. Da haben Könige und Königinnen keinen so großen Platz mehr.

Die katholische Kirche feiert heute den Christkönigssonntag. Da wird Christus als der König gefeiert. Jedes Jahr fremdle ich von Neuem mit diesem Tag und frage mich: Worum geht es da -  heute?

Gerne singe ich „Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit“. Gleichzeitig sehe ich vor meinem inneren Auge große Wandbilder in manchen Kirchen: wie Christus vorne an die Wand gemalt ist als Weltenherrscher. Auf diesen Bildern schaut er meistens sehr ernst auf uns. Christus, der König, der alles im Blick hat! Als Kind habe ich mich vor solchen Bildern gefürchtet.

Ja, ich bin ein König!

„König“ ist ein sehr alter Name für Jesus Christus. Schon die Sterndeuter, die später selber „drei Könige“ genannt werden, suchen den „neugeborenen König“. In vielen Bildern und Worten der Bibel wird Jesus als König bezeichnet, als „König der Könige“, als „Sohn des Höchsten“, als „Sohn Davids“. Da ist vom Thron die Rede, und dass „seine Herrschaft kein Ende“ hat. Und dann gibt es noch diese Szene vor Pilatus, der ihn verurteilen soll. Nach allem, was er über diesen Jesus gehört hat, fragt er: Bist du ein König?“ Und Jesus bestätigt: Ja, Du sagst es!

Der Evangelist Johannes legt ihm in den Mund: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Johannes-Evangelium 18,37)

Was hat es also auf sich mit Christus, dem König?

Musik 1: Max Reger, Choralvorspiel „Lobe den Herren“ (CD: „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“, Thomas Drescher, Kath. Kirchengemeinde  St. Paulus, Ingelheim, 1.34 min).

Jesus sagt: „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“

Ein König, der den Menschen dient.

Mit diesen Worten gibt er die Richtung vor, wie er „König sein“ versteht. Er will keine irdischen Machtansprüche -  und keine Unterwerfung. „Bei euch soll es nicht so sein“ (Matthäus-Evangelium 20,25), sagt Jesus einmal. Seine Königsmacht ist anders: Es ist die Macht der Barmherzigkeit und der Liebe. Jesus möchte den Menschen vom Reich Gottes erzählen und sagt: Vor diesem Gott braucht ihr Euch nicht zu fürchten. Es ist ein barmherziger Gott. Um diese Wahrheit kümmert sich Jesus mit aller Macht. „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, sagt er. (Johannes-Evangelium 18,36) Damit ist alles gesagt. Die menschlichen Vorstellungen von Königtum und Königreich stehen Kopf. Er ist ein König, der den Menschen dient. Er spricht durchaus von Macht – aber von der Macht zugunsten der Menschen. Von der Macht gegen das Böse. Es ist auch eine Macht, die die Menschen nicht ohnmächtig machen will, sondern ihnen ihrerseits Macht gibt. Das ist der Verhaltensrahmen für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger.

Die Macht von Jesus zeigt sich in seinen Reden, in seinen Wundern. Und wie er sich durchsetzt. Es ist ihm ernst. Ja, er kommt mit Macht. Mit der Macht der Liebe. Er ist solidarisch, gewaltlos, friedfertig. Und er kämpft für Gerechtigkeit.  All das fordert er auch von denen, die ihm nachfolgen. Das ist ein anspruchsvolles Programm.

Er meinte es wirklich!

In der Realität von Kirche und kirchlichem Leben ist das allerdings nicht immer zu erleben. Und im privaten Leben sicher auch nicht.  Da ist noch sehr viel zu tun! Bis heute spielen Macht und Unterordnung gerade in der katholischen Kirche eine große Rolle. Denn sie bleibt ein monarchisches System. Ein großes Machtgefälle betrifft fast alle Bereiche kirchlichen Lebens. Besonders grausam wirkt dieses Machtgefälle sich im Bereich von sexuellem und geistlichem Missbrauch aus.  Aus einer stärkeren Position hatten und haben Verursacher es leicht gehabt, sich gegen Kinder, Jugendliche oder andere Schutzbefohlene zu vergehen. Diese erlebten und erleben sich ohnmächtig, gedemütigt, verletzt, meistens lebenslang beschädigt. Am schlimmsten ist, wie lange solche Untaten völlig ungesühnt blieben. Eher vertuscht wurden. Erst allmählich ändert sich das. Opfer von missbräuchlichem Verhalten erleben sich auch jetzt oft noch sehr schlecht unterstützt. Mühsam kämpfen sie darum, ihre Integrität und Würde wieder zu erlangen, ringen um Hilfe für ihre Verletzungen und entgangenen Lebenschancen. Das alles steht absolut im Gegensatz zu dem, was Jesus gelehrt hat: „Bei euch aber soll es nicht so sein. Sondern wer bei euch groß werden will, der soll euer Diener sein“ – das hat er nicht einfach mal so dahergesagt. Sondern er meint es wirklich!

Musik 2: Christian Heinrich Rinck, „Largo“ aus Klaviertrio Es-Dur (CD: Christian Heinrich Rinck, Chamber Music, Trio Parnassus, 2.39 min).

Das Evangelium, das am heutigen Christkönigssonntag im katholischen Gottesdienst gelesen wird, kreist um die Frage nach der Macht, wie Jesus sie versteht. Das hört sich so an:

„In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt…wird er sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zu seiner Linken.

Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid und empfangt das Reich als Erbe…! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben…

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben?

Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus-Evangelium 25,31-40),

Geboren....um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen!

Jesus, der König, identifiziert sich mit den Schwächsten: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ So versteht Jesus sein König-Sein: Statt Hofstaat, Leibwache und Sänfte sieht er sich an der Seite derer, die selbst machtlos sind. Der Dreck, das Fremde, die Armut: darin ist Jesus zu Hause. Darum kümmert er sich - und darauf schwört er seine Jüngerinnen und Jünger ein: Das ist euer Arbeitsfeld! Er brennt dafür, das Verhältnis von Gott und Glaubenden zu erneuern. „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Und diese Wahrheit heißt: Gott ist nicht fern, sondern nah. Gottes Reich hat schon da begonnen, wo die Verhältnisse sich ändern. Wo Liebe statt Unterordnung herrscht, Frieden statt Macht, Freiheit statt Abhängigkeit. „Ihr müsst anders hingucken“, sagt Jesus. „Und anders handeln. Ich zeige euch eine neue Perspektive“.

Musik 3: Josef Rheinberger, „Vision“ aus 12 Meditationen op. 167 (CD: „Laetabitur cor nostrum“ Orgellandschaft Schlesien vol. 12, Thomas Drescher, 3.52 min).

Jesus fordert seine Jüngerinnen und Jünger zu einem Perspektivwechsel auf.  Königsein, das heißt jetzt radikale Einfachheit, und: von Jesus aus gesehen bedeutet es sogar Diener sein. Das Reich Gottes ist keine politische Größe. Sondern die Gemeinschaft derer, die an Gott glauben und mit ihm auch in der Ewigkeit verbunden sind. Dieses Königreich von Jesus hat dort schon begonnen, wo Menschen in seinem Sinn zu leben versuchen.  Zu Jesus dem König gehört, dass er radikal das lebt, was er predigt. Zu ihm gehört auch, dass er ohnmächtig am Kreuz landet. Seine Königskrone hat Dornen!

 

Für die, die an Jesus glauben, hat das eine große religiöse, ethische und moralische Bedeutung. Jesus will, dass sie mitarbeiten an seinem Reich. Das ist nicht wenig, und es kann durchaus schwer sein. Papst Franziskus zum Beispiel betont unablässig die Sorge um die Armen. Wir hier in Deutschland tun ja immerhin auch einiges für die Armen dieser Welt, wir sind groß im Spenden und in der Nothilfe – und trotzdem… - was ist mit den ungerechten Verhältnissen der globalen Wirtschaft? Mit den billigen Produkten hier, die Ausbeutung und Umweltschäden bei anderen verursachen? Was ist mit der Klimakrise, die Menschen in armen Ländern noch ärmer macht? Was mit den Folgen der Corona-Pandemie, die etliche Länder noch viel härter trifft als uns? 

"Was kann, was muss ich da tun"?

Wenn Christus mir in den Mitmenschen begegnet, muss das doch Folgen für mein Verhalten haben. Für die Art und Weise, wie ich lebe, rede und was ich kaufe. Auch für meine politischen Einstellungen. Tatsächlich stelle ich mir persönlich immer wieder die Frage: Was kann, was muss ich da tun? Kann ich mein Verhalten noch weiter ändern? Das sind keine einfachen Fragen. Einfach geht es auch in dem Evangelium aus der Bibel heute nicht weiter, das von Jesus als König erzählt. Im Gegenteil: Da gibt es noch einen verstörenden zweiten Teil der Rede von Jesus.

Denn: Auf das Lob derer, die hilfsbereit waren, folgt die Verdammung der anderen. Da heißt es: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, …! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; … Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“

Es ist Jesus ernst. Am Ende unseres Lebens werde ich Rechenschaft ablegen müssen. Manchmal hilft mir dieser Gedanke in schwierigen ethischen Situationen. Dann überprüfe ich mein Verhalten noch einmal: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Was würde er mir raten, wenn jemand z.B. meine Unterstützung braucht, mich dies aber selbst in Schwierigkeiten bringen könnte?

Musik 4: György Ligeti, „Molto vivace. Capticciooso“ aus „Sechs Bagatellen“ (CD: Domus Quintett, 1.26 min).

Jesus Christus ist einerseits der König, der Rechenschaft fordert. Aber er ist auch der König, der sich wie ein Hirt um seine Herde kümmert. Dann drückt sich die Königswürde plötzlich in Hirtensorge aus. Der Hirt, der jedem einzelnen Tier seiner Herde nachläuft. Weil er jede und jeden kennt, beim Namen ruft, liebevoll ansieht.

Kann Gott "mich" wirklich lieb haben?

Ich mache die Erfahrung: Vielen Menschen fällt es schwer, diese positive Seite im Blick zu behalten: Dass diese Hirtensorge allen gilt. Dass niemand ausgenommen ist. In vielen Exerzitiengesprächen erlebe ich mit, wie schwer das sein kann. Menschen, die durchaus selbstbewusst und sicher sind, fragen ganz vorsichtig: Kann Gott wirklich jemanden wie mich liebhaben? Ich bin doch ganz und gar nicht perfekt.

Als Begleiterin empfehle ich dann, es einmal probehalber zu versuchen. „Sie können doch einmal versuchen, sich vorzustellen, dass wirklich Sie gesegnet und geliebt sind. Und zwar genauso, wie Sie sind.“ In Exerzitien und stillen Tagen ist ja Gelegenheit, das wirklich einmal auszuprobieren. Irgendwann später frage ich nach, wie sich das anfühlt. Oft sehe ich schon an den strahlenden Gesichtern, dass sich hier etwas ereignet hat. Plötzlich ist etwas von der königlichen Würde Jesu auf die Gesichter gefallen und bringt sie zum Leuchten. Und aus diesem Glück entwickelt sich Kraft zum Handeln. Denn auch darin ist niemand auf die eigene Energie alleine angewiesen. In der Taufe wird jedem Christenmenschen zugesagt: „Du bist getauft zum Priester, Propheten und König, zur Priesterin, Prophetin und Königin“. Die Quelle der Kraft und das Ziel sind eins. Der König Jesus Christus macht die, die an ihn glauben, nicht zu Untertanen. Sondern er hebt sie auf Augenhöhe. Und gibt ihnen Anteil an seiner königlichen Kraft und Würde!

Musik 5: Johann Sebastian Bach, „Ouvertüre“ aus Orchestral Suite C-Major BWV 1066 (CD: Bach: 4 Orchestral Suites, Amsterdam Barock Orchestra, Ton Koopmann, 1.58 min bzw. fade out).

 

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