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Haarige Geschichten
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Haarige Geschichten

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Bei dem einen fängt es mit Geheimratsecken an. Ein anderer streicht über die sonst dichte Mähne und ertastet auf einmal eine lichte Stelle am Hinterkopf. Im Kamm und auf dem Kopfkissen findet man immer mehr Haare. Nun hat man zwei Möglichkeiten. Man lässt den verbleibenden Haarkranz lang wachsen und gelt die Strähnen über die kahle Fläche. Meistens sieht dieser Versuch nicht glücklich aus. Dann lieber Möglichkeit zwei: zur Glatze stehen, die Restbestände kurz scheren und den Charakterkopf mit Würde präsentieren. Manchem Betroffenen hilft Humor. „Gott schuf einige vollkommene Schädel. Die übrigen bedeckte er gnädig mit Haar.“

Haare, ob man welche hat oder nicht, erzählen viel von einem Menschen. Wer einen „bad hair day“ hat und am Morgen die Frisur nicht in den Griff bekommt, fürchtet, der ganze Tag wird ihm oder ihr entgleiten. Ist nach einer Trennung oder Krise das Tal der Tränen durchschritten, dann machen besonders gerne Frauen den Neubeginn mit einem neuen Haarschnitt sichtbar. Hier bin ich, auferstanden wie der Phoenix aus der Asche!

Haare. Eigentlich sind sie nichts anderes als Fäden aus Kreatin, Restbestände des Fells, das wir einst am ganzen Körper hatten. Doch Haare sind mehr. Was Haare über uns erzählen, fängt schon bei den biblischen Frisuren an. In der Bibel ist Frisur keine Privatsache. Haare sind ein Politikum. Schon an der Haartracht sollte man im biblischen Israel erkennen, ob einer zum Volk Gottes gehört oder nicht. Im Prophetenbuch Jeremia heißt es: „Alle, die sich das Haar stutzen“, das sind die anderen, die Unbeschnittenen, die Gott heimsucht. Von denen sollen sich die Israeliten unterscheiden. Das biblische Buch Levitikus macht konkrete Frisurvorschriften: „Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen.“ Eine Vokuhila – die Haare vorne kurz, hinten lang – kombiniert mit einem episch langen Bart ging also biblisch in Ordnung.

Dem Apostel Paulus allerdings würden bei dem Anblick von Männern mit Löwenmähne die Haare zu Berge stehen. Er meinte nämlich, dass es für einen Mann widernatürlich und „eine Unehre ist, wenn er langes Haar trägt“. Wer also die Bibel wortwörtlich verstehen will, hat spätestens beim Friseur ein Problem: Soll er sich nach Levitikus nur hie und da Spitzen schneiden lassen oder mit Paulus alle Haare unbedingt kurz? Paulus hat übrigens auch eine feste Vorstellung, wie Frauen ihre Haare tragen sollen.

Was ich auf dem Kopf habe, erzählt viel über mich. Haare spielen darum auch in den Religionen eine Rolle – ob man sie offen trägt oder verhüllt, ob lang oder kurz. Da gibt es manchmal Vorstellungen, die wir heute zum Schmunzeln finden. Der Apostel Paulus zum Beispiel fand: Männer müssen ihre Haare kurz tragen. Alles andere wäre widernatürlich. Für die Frau dagegen kämen nur lange Haare in Frage. Alles andere wäre eine Schande. Ihre wallende Mähne sollte sie jedoch beim Beten bedecken. Die Frau sei schließlich der Abglanz des Mannes und könnte mit ihrer zur Schau gestellten Pracht auf dem Kopf die Engel durcheinanderbringen. Der Mann als Abglanz Gottes dagegen kann selbstverständlich unverhüllt beten. Der Apostel Paulus denkt und schreibt sonst brillant. Aber seine Vorstellung von Mann und Frau im Allgemeinen und ihren Haaren im Besonderen ist ziemlich festgefahren.

Haare spielten eben im alten Orient eine besondere Rolle. In der Bibel stehen sie für Vitalität und Erotik. Sie wachsen und sind damit ein Zeichen für eine Lebenskraft. Ein starker Kerl dank seiner üppigen Haare ist in der Bibel ein Mann namens Simson. Schon vor seiner Geburt verheißt ein Engel seinen Eltern: Euer Sohn ist Gott geweiht und wird anfangen, Israel zu retten.

Gott geweiht, das bedeutet: Simson soll sein Leben lang nichts Unreines essen und keinen Alkohol trinken. Außerdem soll ihm, so steht es wörtlich in der Bibel, „kein Schermesser aufs Haupt kommen“. Darin zeigt sich der besondere Segen Gottes, der auf ihm liegt. Simson, der Hippie Gottes, wird zum Schrecken der Philister, die das biblische Israel damals bedrängen. Er zerreißt einen jungen Löwen mit bloßen Händen und erschlägt eben mal 1000 seiner Feinde mit dem herumliegenden Kinnbacken eines Esels.

Aber auch das Kraftpaket Simson hat eine Schwäche. Simson ist ein Frauenheld. Besonders auf die Philisterinnen hat er ein Auge geworfen. Nach verschiedenen Affären wird ihm Delila zum Verhängnis. Er ist der Femme fatale verfallen und merkt nicht, wie sie seine Lust für ihre List verwendet. Sie handelt als bezahlte Agentin ihres Volkes, der Philister, und will Simson das Geheimnis seiner Kraft entlocken. Delila muss ihre falschen Absichten nicht einmal verbergen. Simson ist so verknallt, dass er nicht von ihr lassen kann, obwohl klar ist, welches Spiel sie spielt.

Ein ums andere Mal flötet sie ihm ins Ohr: „Sag mir doch, worin deine große Kraft liegt!“ Die ersten drei Male erzählt Simson ihr etwas von frischem Bast, neuen Stricken oder geflochtenen Zöpfen, mit denen man ihn fesseln könne. Das alles ist natürlich eine Finte von ihm. Delila probiert es aus und scheitert. Da fährt sie hartes Geschütz auf. „Du hast mich nicht lieb, sonst würdest du mich nicht belügen.“ Emotionale Erpressung nennt man so was heute. Bei diesen Worten wird Simson schwach und verrät ihr das Geheimnis seiner Haare: Wenn man sie abschneidet, hat er keine Kraft mehr. Als Simson in Delilas Schoß einschläft, greift sie zur Schere. Ab ist die Lockenpracht und alle Kraft dahin. Die Philister überwältigen Simson, stechen ihm die Augen aus und legen den geschorenen, erschlafften Helden in Ketten. Doch Haare haben eine unschlagbare Stärke. Sie wachsen nach.

In der Bibel bedeuten Haare Lebenskraft. Weil seine Haare noch nie geschnitten wurden, darum ist in der Bibel Simson ein starker Held. Doch ausgerechnet Delila, seine Geliebte, schert Simson den Kopf kahl und liefert ihn an seine Feinde aus. Die wollen Simson zur Volksbelustigung bei einem Fest vorführen. Sie halten ihn für restlos besiegt. Doch sie haben nicht darauf aufgepasst, ihm die Haare nachzuscheren. Arglos präsentieren sie den nicht mehr völlig kahlköpfigen Mann zwischen zwei Säulen in einem Haus voller Leute. Simson ruft: „Herr, gib mir Kraft, noch dies eine Mal!“ Und bringt die Säulen zum Einsturz. Das Haus fällt ein und begräbt alles Volk unter sich.

Die Mischung aus Heldentaten und Abenteuer, Erotik und Intrige hat die Geschichte von Simson und Delila zu einem beliebten Motiv in der Kunst und zum Erzählstoff für Literatur und Hollywoodfilme gemacht. In illustrierten Bibelausgaben aus dem Mittelalter werden gerne Szenen aus der Simsongeschichte neben Darstellungen vom Wirken Christi gestellt. Simson besiegt einen Löwen – Christus überwindet den Teufel. Simson bringt Tore zum Einsturz. Christus sprengt die Pforten der Hölle.
Haare stehen für die Kraft Gottes. Das findet sich auch in den Bildern von Jesus wieder. Oder haben Sie schon einmal einen Jesus mit Glatze gesehen? Auch einem 33-Jährigen können die Haare ausgehen. Doch Jesus wird selbst am Kreuz mit langen Haaren dargestellt.

Die Bibel findet auch graue Haare schön. Das Buch der Sprüche weiß: „Graue Haare sind eine Krone der Ehre; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden.“ Und auch für Menschen mit Haarausfall hält die Bibel Trost bereit. Ob man am Hinterkopf kahl wird oder die Haare vorne ausfallen – beides erklärt die Bibel für rein. Glück gehabt!

Haarausfall bei Männern ist normal und trotzdem eine Herausforderung. Ich hatte drahtige Haare, die kaum zu bändigen waren. Die fielen mir schon mit Anfang 20 aus. Ich musste mich verabschieden von dem Bild, das ich von mir selber hatte, und von dem Bild, das die anderen sich von mir gemacht haben. Dünner werdendes Haar gibt es auch bei Frauen, und auch nicht nur als Alterserscheinung. Julika Weiherer war Mitte 20, bekam ein Kind – und totalen Haarausfall. Sie war bekannt für ihre langen, vollen Haare. Nun fielen sie ihr büschelweise aus. Alle. Die Kopfhaare, die Augenbrauen, die Wimpern. Sie lief von Arzt zu Arzt. Keiner fand eine Ursache, geschweige denn ein Gegenmittel. Bei ihrer Hochzeit trug Julika eine Perücke. „Doch die habe ich danach nie wieder aufgesetzt“, erzählt sie. „Ich habe gemerkt: Das bin nicht mehr ich. Ich bin nicht mehr die Frau mit den langen Haaren. Ich bin die Frau mit Glatze.“

Heute versteckt sie ihren Kopf nicht mehr. Sie hat ihn zu ihrer Marke gemacht. Privat wie beruflich. Sie macht nebenbei „Werbung mit Kopf“. Firmen können ihre Glatze als Werbefläche zum Beispiel auf Messen mieten. Julikas Kopf wird dann kunstvoll bemalt – ein Hingucker. Jesus sagt einmal: „Die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Fürchtet euch nicht!“ Als Mann mit Glatze mache ich dem Schöpfer also wenigstens beim Haarezählen nicht so viel Arbeit. Und ich denke, er gibt mir Kraft – mit oder oben ohne.

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