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Gude wie. Muss ja
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Gude wie. Muss ja

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Der kürzeste Dialog auf hessisch geht so: „Gude, wie?“ Also, „schön dich zu sehen, wie geht’s dir?“ Volker fragt so einen alten Schulfreund, den er auf der Straße trifft. Und der antwortet knapp: „Muss ja.“ Das Gespräch ist kurz genug für den nötigen Sicherheitsabstand. Da sind ja lange Gespräche schwierig. Volker nickt seinem Schulfreund vielsagend-verständnisvoll zu. Das macht man so, wenn jemand „Muss ja“ sagt. Man fragt nicht weiter. Die beiden wechseln noch ein paar kurze Sätze. Dann verabschieden sie sich.

"Muss ja" - eine Durchhalteparole in Krisenzeiten?

Volker bleibt hängen an diesem „Muss ja“. Er fragt sich: „Ist das nicht auch mein Lebensgefühl?“ Durchhalten, standhalten. Tag für Tag. Aber ohne Freude. Immer mit der vagen Hoffnung, dass es bald besser wird. Aber ist das wirklich noch eine echte Hoffnung? Oder nur noch eine Durchhalteparole auf das Ende eines Tunnels, das nie kommt?

Volker macht das unruhig. „Muss ja“ – auf Dauer ist das zu wenig. Aber was fehlt eigentlich? Eine Wohnung ist da, wenn auch teuer. Die Familie ist da, wenn auch nicht innig. Arbeit ist da, wenn auch immer mühsamer. Was also fehlt?

In den Wochen danach macht sich Volker auf die Suche. Er spricht mit seiner Familie, mit Freunden. Er beobachtet sich und seine Tage.

Auf der Suche nach Lebensfreude

An einem Sonntagmorgen schaut er sich sogar einen Gottesdienst im Fernsehen an. Vielleicht findet er ja dort etwas, das über dieses „Muss ja“ hinaus reicht. Zunächst passiert nicht viel. Doch dann wird das Vater Unser gebetet. Mitten drin hört Volker sich mitsprechen und zu Gott sagen: „Dein Wille geschehe.“ Das schießt Volker heiß durch den Kopf. „Jetzt will ich etwas Lebensfreude finden. Stattdessen höre ich „Dein Wille geschehe“!“

"Dein Wille geschehe"

Volker ärgert sich: Mehr als „Muss Ja“ ist in der Kirche wohl auch nicht zu finden. Doch dann kommt Volker ein ganz anderer Gedanke: „Wer sagt denn, dass Gott mir etwas aufbürden will? „Dein Wille geschehe“ - das bete ich doch zu einem Gott, der liebt. Warum sollte Gott für mich etwas Schlechtes wollen? Im Gegenteil: Gottes Wille ist sicher, dass es mir gutgeht! Dass ich mich etwas traue. Freiheit!“

Inzwischen geht der Gottesdienst zu Ende. Die Orgel fängt an zu spielen. Mit wuchtigen Tönen, die so ganz anders klingen als die Musik des Alltags. Festliche Klänge, die das Leben in einen anderen Horizont stellen. Sie erreichen Volkers Seele. Ja, sie überspülen geradezu seine Seele.

Selbst Trauer und Schmerz ist besser als dumpfes Durchhalten

Volker spürt, wie seine Augen feucht werden. Tränen rollen herunter. Volker ist froh, dass er zuhause ist und niemand seine Tränen sieht. Denn das kennt er nicht. Weinen fand er immer peinlich. Doch nun merkt er: Die Tränen bringen etwas Warmes mit: Gefühle. Im Moment bringen sie Trauer und Schmerz. Aber selbst das ist besser als dumpfes Durchhalten, als das ewige „Muss ja“.

Irgendwann macht Volker das Fernsehen aus. Er trägt einen Schatz mit sich, der ihm irgendwann abhandengekommen war: Ein intensives Gefühl von Leben, von Ich, von Wert, von Lebensfreude. Er ist fest entschlossen, diesen Schatz gut zu hüten.

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