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"Ertrag" - ein Gedicht von Erich Fried
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"Ertrag" - ein Gedicht von Erich Fried

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf
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Heute vor 30 Jahren ist der österreichische Lyriker Erich Fried gestorben. Als junger Mann ist er nach London ausgewandert, weil er aus einer jüdischen Familie stammte. Er gilt als bedeutender Shakespeare-Übersetzer und war sein ganzes Leben lang politisch aktiv, auch in seinen Schriften. Die meisten Menschen aber kennen seine Liebesgedichte, allen voran das Gedicht „Was es ist“ mit dem wieder kehrenden Refrain: „Es ist was es ist, sagt die Liebe“.

Mir ist ein anderes, weniger bekanntes Gedicht von Erich Fried wichtig geworden. Es trägt den Titel „Ertrag“, und es geht so:

Ertrag
Hoffnung sammeln
aus lösbaren Problemen,
aus Möglichkeiten,
aus allem
was etwas verspricht

Die Kräfte sparen
für das was wirklich
zu tun ist

So wächst im Stillen
der Vorrat
an unverbrauchter
Verzweiflung

Erich Fried hat diese Zeilen in den 60er Jahren geschrieben, vor über 50 Jahren, und trotzdem bringen sie in mir etwas zum Schwingen:

Ich mag die Vorstellung des Hoffnung-Sammelns, der Erinnerung und der Erfahrung, dass Probleme lösbar sind oder zumindest schon mal lösbar waren, dass es Möglichkeiten gibt. Solche Hoffnung stärkt – und gehört wohl zu dem, was wir heute Resilienz nennen: die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen. Auch den Ratschlag, die Kräfte zu konzentrieren für das, was wirklich wichtig ist, nehme ich gerne an.

Rätselhaft bleibt mir der dritte Teil: So wächst im Stillen der Vorrat an unverbrauchter Verzweiflung. Wollte Erich Fried sagen: durch die gesammelten Hoffnungserfahrungen kann die Verzweiflung unverbraucht, also unangetastet bleiben? Ich muss sie sozusagen gar nicht hervor holen und nutzen? Oder sagt er: im Notfall, da habe ich noch Verzweiflung gut, die mich dann nicht völlig aus der Bahn wirft? Oder ist die Verzweiflung selbst, so wie Wut oder Empörung, für ihn eine Kraft, eine Triebfeder, die er als kostbares Gut bewahrt, bis sie gebraucht wird?

Wie gerne würde ich ihn, den Dichter, das fragen! Was ja leider nicht geht, schließlich ist heute sein 30. Todestag. Und vielleicht bekäme ich auch gar keine Antwort, denn Gedichte, Lyrik, die führen ja oft so ein Eigenleben und wirken in denen, die sie hören oder lesen.

Also noch einmal:

Ertrag

Hoffnung sammeln
aus lösbaren Problemen,
aus Möglichkeiten,
aus allem
was etwas verspricht

Die Kräfte sparen
für das was wirklich
zu tun ist

So wächst im Stillen
der Vorrat
an unverbrauchter
Verzweiflung

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