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Ein Augenzwinkern

Ein Augenzwinkern

Dr. Paul Lang
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Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Das Orchester hat Beethovens 9. auf dem Programm. Die bald 100 Musiker auf der Bühne spielen routiniert. Gespannt folgen die Blicke dem Dirigenten. Sie gleiten über die souverän spielenden Musiker, Streicher und Bläser. Sie scheinen zu einem Ganzen zu verschmelzen. Ein Genuss für Augen und Ohren. Nur hin und wieder geht ein Raunen durch die Reihen. Der arme Dirigent, denke ich, das arme Orchester: Das Atemholen und -anhalten, das leise Zischeln des Publikums werden sie ebenfalls wahrnehmen. Aber sie kennen den Grund dafür nicht. Anders als die Akteure auf der Bühne haben wir Zuhörer nämlich einen weiteren Blickfang. An den Seiten des Saals sind große Monitore installiert. Darauf zeigt die Bildregie immer wieder den Ehrengast des Abends. Er sitzt vorne in der ersten Reihe. Ein alter Mann, zusammengesackt auf einem als Thron stilisierten Rollstuhl. Auf dem Kopf ein kleines weißes Käppchen, ein Pileolus, bekleidet mit einer weißen Soutane. Es ist Papst Johannes Paul II. 
In Jahrzehnten der Zusammenarbeit haben die Kameraleute des Vatikanischen Fernsehsenders gelernt, seine Reaktionen einzufangen, seine Gestik und sein ausdrucksstarkes Minenspiel. Auch in seinen letzten Lebensjahren und -wochen gilt das. Irgendwann während Beethovens Sinfonie nickt der Papst ein. Vergrößert auf den Monitoren löst die Szene verhaltene Heiterkeit aus. Da aber hebt der alte Mann den Kopf kaum merklich an, öffnet langsam die beiden Augen und blickt direkt in die Kamera. Alle halten den Atem an: Was wird jetzt geschehen? Ein verschmitztes Lächeln huscht über das alte Gesicht, dann ein Augenzwinkern. Verhaltenes Lachen durchzieht die Audienzhalle. Ein Augenzwinkern. Es gibt zu verstehen: Ich bin da, ich nehme Euch wahr, ich stehe mit Euch in Kontakt. Auch wenn ich alt bin und nicht mehr alles so beherrsche wie früher. Mag sein, dass die Kräfte meines Körpers nachgelassen haben. Mag sein, dass auch mein Geist müde geworden ist und vergesslich in den Jahren – und nicht mehr so wach, wie er es einmal war. Aber ich bin da. Ich gehöre zu Euch. Auch als alter Mensch, als Mensch mit Einschränkung, als Kranker, auch als vom nahen Tod gezeichneter.
 „Dieser Papst kann nicht zurück treten. Er würde sich selbst verraten. Seine Botschaft ist: Auch die Schwachen, die Alten, die, die nicht mehr viel leisten können, sind wichtig, sie gehören dazu.“ Das sagt mir ein junger Journalist, mit dem ich nach dem Konzert ins Gespräch komme. Heute gedenkt die katholische Kirche dieses Papstes, den sie als Heiligen verehrt. Heute vor 40 Jahren wurde Karol Wojtyła im Petersdom in sein Amt als Papst eingeführt.Vor den Augen der Öffentlichkeit alt zu werden, alle Kräfte zu verlieren, das ist ein Lehrstück seines Lebens, denke ich. Für uns, die wir es miterlebt haben, sicher auch für ihn selbst. Ich muss manchmal an dieses Augenzwinkern denken, wenn ich einem alten Menschen begegne und merke, dass vieles nicht mehr so geht wie früher. Das Augenzwinkern sagt mir: „Da ist eine Schwelle zwischen uns, aber ich bin da. Hier drüben. Keine Sorge.“ Danke, lieber Papst Johannes Paul, für dieses Lehrstück.

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