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Driving home for christmas
Holger Schué/pixabay

Driving home for christmas

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt
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Noch zwei Tage bis Weihnachten, und so langsam hat sich sortiert, wer wann wohin fährt. Das hört sich zum Beispiel so an: „An Heiligabend sind wir bei uns. Dann fahren wir am ersten Weihnachtstag zu deiner Mutter, am zweiten Weihnachtstag weiter zu meinen Großeltern und am 27. zurück, denn dann kommen die Nichten und Neffen zu uns und machen Station auf ihrem Weg in den Skiurlaub. Dafür sollten wir dann schon am 23. groß einkaufen, damit wir die Horde satt bekommen.“

Logistische Meisterleistung

Weihnachten bedeutet für viele eine logistische Meisterleistung und ein Besuchsprogramm, das jedes Jahr neu ausgeklügelt sein will. In meiner Familie bringt fast jede und jeder an Weihnachten mehrere hundert Kilometer hinter sich: von München nach Frankfurt, von Leipzig nach Worms, von Brüssel nach Bamberg. Und wir sind nicht die einzigen, die sich für die Festtage von A nach B bewegen. Ganz schön viel Auftrieb rund um die „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Von wegen „alles schläft, einsam wacht“. Die meisten Leute sind alles andere als einsam. In den Zügen kann man froh sein, wenn man rechtzeitig einen Sitzplatz reserviert hat. Auf den Autobahnen rollt man dicht an dicht mit den vielen anderen, die auch zu Weihnachten ihr Ziel erreichen wollen.

Gemischte Gefühle auf dem Weg nach Hause

Man fährt nach Hause, was immer Zuhause für einen ist: da, wo ich aufgewachsen bin. Oder wo die Familie sich trifft. Wo der Partner, die Partnerin wohnt. Oder die Kinder und Enkel. Man fährt zu den Menschen, die man an Weihnachten sehen möchte - oder muss. Die eine mit gemischten Gefühlen, weil sie denkt: „Meine Schwester wird mich wieder fragen: Na, wie läuft’s bei dir? Und ich werde lächeln und sagen: Gut! Obwohl es überhaupt nicht gut läuft. Das weiß meine Schwester natürlich, und trotzdem fragt sie.“

Vorfreude aufs Heimkommen

Der andere fährt mit Vorfreude nach Hause. Er war lange nicht da, und ihm gehen schon auf der Fahrt tausend Erinnerungen durch den Kopf, die er mit Weihnachten zu Hause verbindet. An Würstchen mit Kartoffelsalat, die es immer gibt. An den Schmuck am Christbaum. An die Freunde von früher. Er freut sich schon jetzt auf den Moment, in dem er am Ortsschild seines Heimatdorfs vorbeifährt.

Von diesem Gefühl singt Chris Rea in seinem Weihnachts-Song: „Driving home for christmas“. „Weihnachten fahre ich nach Hause. Ich kann es kaum erwarten, endlich in all die Gesichter zu sehen.“

Musik: Chris Rea, „Driving home for christmas“

Der Song handelt von einer ganz einfachen Geschichte: Ein Mann sitzt in einem Auto. Er will zu Weihnachten nach Hause fahren. Ewig war er nicht mehr dort. Er kann es kaum erwarten, alle die bekannten Gesichter seiner Familie und Freunde wiederzusehen. Die Musik drückt seine Vorfreude aus: ein treibender, hüpfender Rhythmus. Aber darin mischt sich auch Ungeduld, denn gerade geht es nicht voran: Stau. Deshalb singt er seine Ungeduld und seine Vorfreude vor sich hin. Beim Singen werden viele Erinnerungen wach. Er will Weihnachten zu Hause sein und seine Füße wieder auf „heiligen Boden“ setzen. So singt Chris Rea. Get my feet on holy ground. Heiliger Boden. Es geht also um etwas Bedeutsames, etwas, das über den Alltag hinausragt. Etwas, das mit Heimat im tiefsten Sinne zu tun hat.

Zu meiner Familie oder zu deiner?

Ob sich seine Sehnsucht erfüllt und er tatsächlich seinen Fuß auf heiligen Boden setzen kann, das erfahren wir im Song nicht. Ich weiß auch nicht, ob meine Vorstellung aufgeht von einem frohen Weihnachten. Aber der Wunsch danach und die Sehnsucht sind da. Und die verbindet sich immer aufs Neue mit den Menschen, die ich lieb habe. Denn heiliger Boden, dazu gehört Begegnung. Deshalb stellt mich Weihnachten alle Jahre wieder vor die Frage: Mit wem und wie will ich feiern? Ich bin verheiratet. Insofern ist schon mal klar: mit meinem Mann. Aber dann: Bleiben wir zu zweit, laden wir andere ein? Fahren wir zu seiner Familie oder zu meiner? Das handeln wir immer neu aus.

Weihnachten ist gleich und doch immer anders

Aber selbst die, die immer am gleichen Ort Weihnachten feiern, auch die erleben: Es bleibt nicht alle Jahre gleich, sondern verändert sich. Aus Kindern werden Jugendliche. Und die halten es gerade mal bis nach der Bescherung zu Hause aus. Es gibt Paare, die spüren gerade in dieser Zeit: Hinter der Fassade werden die Gemeinsamkeiten weniger, und jeder bleibt mit sich allein. Manche fragen sich, ob es das letzte Weihnachten in diesen vier Wänden ist, weil sie sich die Wohnung im nächsten Jahr nicht mehr leisten können. In diesen Tagen ist auch die schmerzliche Lücke, die der Tod eines lieben Menschen gerissen hat, besonders zu spüren: Letztes Weihnachten war er, war sie noch da.

Ausgerechnet jetzt hochschwanger

Heimatgefühl und Heimweh liegen an Weihnachten ganz eng zusammen. Wenn ich mich aufmache, Weihnachten zu feiern, weiß ich nicht, ob meine Sehnsucht sich erfüllt. Aber mich tröstet: Das war in der biblischen Weihnachtsgeschichte auch schon so. Von wegen „Stille Nacht!“ In der Heiligen Nacht in der Bibel ist jede Menge los. Viele sind weite Strecken unterwegs.

Denn im fernen Rom hat der Kaiser Augustus beschlossen: Er will die Bevölkerung in seinem riesigen Reich zählen. Dafür soll jeder an den Ort, von dem seine Familie stammt, und sich dort in Listen erfassen lassen. Josef und Maria wohnen eigentlich in Nazareth im Norden von Israel. Aber Josefs Familie stammt nicht von dort, sondern aus Bethlehem im Süden. Also macht auch Josef sich auf mit Maria, seiner Frau, die ist ausgerechnet jetzt hochschwanger.

Vielleicht nicht „Driving home“, aber „Walking home for christmas“, das hätte der Reise-Song von Maria und Josef gewesen sein können. Josef hätte Maria vorgesungen: „And it's been so long. But we will be there.“ – „So lange her, aber wir werden schon ankommen.“

Musik: Chris Rea, „Driving home for christmas“

Josef und Maria sind in der biblischen Weihnachtsgeschichte unterwegs so wie viele jetzt zu Heiligabend und an den Feiertagen. Maria und Josef müssen von Nazareth nach Bethlehem, dem Herkunftsort der Familie von Josef. Das sind 113 Kilometer Luftlinie. Und das ohne Auto und ohne Bahn. Ein Pferd hatten sie auch nicht, vielleicht einen Esel.

Ein anstrengender Weg für die beiden. In Bethlehem angekommen ist von Heimatgefühl nicht viel zu spüren. „Denn“, so steht es knapp in der Bibel, „denn sie hatten keinen Raum in der Herberge“. Alles überfüllt schon damals in der ersten Weihnacht. Irgendwo abseits von diesem Gedränge bekommt Maria ihr Kind und legt es in eine Futterkrippe, weil sie nichts anderes hat. Immerhin liegt das Baby darin ein bisschen geschützt, so dass kein Mensch und kein Tier aus Versehen drauftreten kann. Diese Situation hat zunächst nichts Heiliges. Ein provisorischer Platz für ein Kind, das unterwegs zur Welt gekommen ist.

Warum ist die Heilige Nacht heilig?

Chris Rea singt: „Get my feet on holy ground.“ Setze meinen Fuß auf heiligen Boden. Was ist für ihn heilig? Im Song sind es vor allem die vertrauten Gesichter, auf die er sich freut. Die Sehnsucht nach den anderen und nach Zusammensein.

Darum geht es an Weihnachten. In der biblischen Erzählung von der Geburt Jesu sehnt Gott sich nach den Menschen. Aus Liebe wird Gott Mensch, bekommt ein Gesicht, das Gesicht eines Neugeborenen in einer Futterkrippe. Ein Futtertrog ist normalerweise kein besonders heiliger Ort. Aber genau dahinein legt Maria ihr Baby - Jesus, den Sohn Gottes.

An jedem Ort der Welt kann ich Gott begegnen - sogar in einem Futtertrog

Damit kann jeder Ort dieser Welt heilig werden, also ein Ort, an dem ich Gott und seiner Liebe begegne. Ein Ort, an dem ich weiß: Ich bin angekommen. Ich bin zu Hause. Das Kind in der Krippe zeigt: Gott ist ganz und gar da, mit Haut und Haaren. Gott gibt sich in diesem verletzlichen Säugling Jesus in die Hände der Menschen, in unsere Hand. So findet er Heimat, und er gibt Heimat.

Gott next to me

Mich rührt das. Ich kenne immer wieder Zeiten, in denen ich mich unbehaust fühle in meinem Leben. Das sichere Dach über meinem Kopf, die Menschen, die für mich Zuhause sind – das sind die Leitpfosten meines Lebens. Sie sind nicht selbstverständlich immer da. Sie können verloren gehen. Sie können sich ändern. Leben ist Unterwegs-Sein. Und wenn ich rechts und links schaue, sehe ich: Den anderen geht es genauso. Chris Rea singt: „I take look at the driver next to me. He's just the same.“ Ich sehe den Fahrer im Wagen neben mir. Er ist wie ich.

Ich glaube: Gott macht es an Weihnachten genauso. Gott wird Mensch next to me, uns nahe. Gott ist unterwegs zu uns und mit uns. Das könnte Gottes Lied sein: Ich kann es kaum erwarten, all eure Gesichter zu sehen. Weihnachten komme ich nach Hause.“ Gott will den Menschen nahe sein – wohin sie auch immer an den Weihnachtstagen fahren und wo sie sind.

Musik: Chris Rea, „Driving home for christmas“

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