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Das Gute will ich tun...
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Das Gute will ich tun...

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Sabine hatte den ganzen Nachmittag mit ihrem Sohn für die anstehende Mathe-Klausur gepaukt. Am nächsten Tag ruft ihre Schwester Monika an. „Wo warst du denn gestern Nachmittag? Ich habe dich die ganze Zeit nicht erreicht. Du wolltest doch nach Mama schauen. Warum kannst du dich nicht an Absprachen halten?“ Sabine ist erschrocken. Ja, sie hatte versprochen, gestern für ihre Mutter einkaufen zu gehen, die alleine lebt und nicht mehr gut laufen kann. Sie hatte es nicht in ihren Kalender eingetragen und den Termin vergessen. Und das nicht zum ersten Mal.

Sabine ärgert sich über sich selbst. Sie ärgert sich über ihre schlechte Organisation. Sie hat den Anspruch an sich, den anderen Menschen gerecht zu werden. Alle unter einen Hut zu bekommen. Noch dazu ist die Beziehung zu ihrer Schwester nicht einfach. Immer wieder gab es Missverständnisse, unausgesprochene Erwartungen. Sabine will aber doch eine gute Beziehung zu ihrer Schwester. Deshalb ist sie jetzt über sich selbst enttäuscht.

Das Gute, das ich will, tue ich nicht. Das ist schon die Erfahrung des Apostels Paulus, darüber hat schon vor 2000 Jahren in seinen Briefen geschrieben, die zur Bibel gehören. Paulus hat sein Leben lang versucht, die Gebote Gottes einzuhalten. So wollte er Gott und seinen Mitmenschen gerecht werden. Doch immer wieder merkte er: Ich bleibe hinter meinen eigenen Ansprüchen zurück. So schreibt er: „Ich will das Gute tun, bringe aber immer wieder Schlechtes zustande. Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen. Zu vergesslich, oberflächlich und manchmal zu selbstsüchtig. Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das, was wir nicht wollen.“

Das erlebt auch Sabine gerade. Sie hat den Termin vergessen. Wie schon öfter. Obwohl sie sich grundsätzlich um ihre Mutter kümmern will. Schnell ist es unabsichtlich passiert. Einer verletzt den anderen. Und wenn Verabredungen zu häufig nicht eigehalten werden, ist das Vertrauen irgendwann aufgebraucht.

Paulus orientierte sich an dem, was er über Jesus wusste. Jesus wollte, dass sich Menschen an die Gebote Gottes halten. Aber er hat sie nicht auf ihre Fehler festgelegt. Er hat denen, die wegen ihrer Fehler außerhalb der Gemeinschaft standen, eine zweite Chance gegeben. Und hat die mit liebevollen Augen angesehen, die ohne Gnade mit sich selbst umgegangen sind. Er wusste: Niemand ist perfekt.

Daran hat Paulus die Gemeinde in Rom erinnert. Auch wenn wir Fehler machen: Gottes Liebe gilt ohne Bedingung und ohne Leistung. Wir müssen uns nicht erst würdig erweisen, damit er sich uns zuwendet. Er wendet sich uns zu, weil er uns liebt. Noch bevor wir etwas tun.

Was heißt das jetzt für Sabine? Mit Gottes Liebe im Rücken kann sie barmherziger mit sich und anderen umgehen.
Das heißt eben nicht, dass es egal ist, wenn ich was falsch mache und was Wichtiges vergesse. Aber wenn ich weiß, ich darf Fehler machen, kann ich zu meinen Fehlern stehen und mich neu sortieren. Im konkreten Fall war es so: Sie hat um Entschuldigung gebeten, ihre Mutter und ihre Schwester. Und anschließend hat sie sich in Ruhe hingesetzt und geklärt, was ihr wirklich wichtig ist. Und was sie leisten kann. Dafür will sie Energie einsetzen, um es gut zu organisieren. Sie kann sich die Erlaubnis geben, nicht immer für alles zuständig zu sein. Das wichtigste war, dass ihr das klar geworden ist.

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