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Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
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Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Norbert Mecke
Ein Beitrag von

Norbert Mecke,

Dekan, Evangelischer Kirchenkreis Melsungen
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„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“ – den Spruch kenne ich schon, seit ich Grundschüler war. Da musste ich mich im Kunstunterricht immer melden, wenn ich einen Rat der Lehrerin haben wollte. Den wollten mit Pinsel in der Hand aber meistens ganz viele zur gleichen Zeit. Also wurde der Arm gerenkt und geschnipst, was das Zeug hielt. Und irgendwie kam Lutz meist als erster dran. Der zappelte am besten beim Melden. Und mit Siegermine guckte er dann über den Gruppentisch und sagte: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“ Damals dachte ich noch, das mit dem Mahlen meint die Sache mit Wasserfarbe oder Wachsstiften: Wer zuerst an die Lehrerin rankommt, malt zuerst sein Bild fertig.

Wann hat man als Grundschüler schließlich auch schon mit Mehl und Mühlen zu tun? Und mit korrekter Rechtschreibung? Na klar: Da kommt´s her – das Zuerst-Mahlen mit „h“. Wer zuerst mit seinem Korn an die Mühle kommt, der mahlt auch als Erster. Das war ursprünglich gegen die Vordrängler gerichtet. Im Sachsenspiegel, einem Rechtsbuch aus dem Mittelalter, wurde ganz fair geregelt, dass die Bauern an der Mühle ordentlich der Reihe nach bedient werden: ohne Bonus wegen Vitamin B. Ohne Vorzugsbehandlung der reichen Landvögte. Also: Nix „Privatpatient vor Kassenpatient“.

„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“ So soll´s sein. Auch heute noch. An der Kasse im Supermarkt zum Beispiel. Selbst, wenn ich es natürlich viel eiliger habe als die Frau mit dem übervollen Einkaufswagen. Selbst, wenn mir meine Frage im Kunstunterricht viel bedeutsamer vorkam als die von Lutz und ich zuerst weitermalen wollte.
Nein, fair soll´s zugehen. Nicht danach, für wie wichtig ich mich halte.
Und wenn ich mal der Erste bin, gibt es sogar gut Gründe, ab und an auf mein Recht, zuerst zu mahlen, zu verzichten: Weil´s mit drei Kindern an der Kasse anstrengender ist, die junge Mutter mal freiwillig vorzulassen. Weil´s höflich ist, mal den zuerst ergatterten Sitzplatz im Bus für jemand anderen freizumachen. Und über die „Schnipser-Lutze“ dieser Welt nicht nur zu schimpfen, sondern ab und an einfach locker zu bleiben. Dann kommen die Kunstlehrerinnen halt erst zu ihnen.

Man selbst kann währenddessen nämlich eine viel wichtigere Kunst lernen: die Gelassenheit. Die ist anmutigste Form des Selbstbewusstseins. Gelassene Menschen geben ein schönes Bild ab.

Und wer weiß: Vielleicht werden die Letzten sogar die Ersten sein! Denn bekanntlich mahlen Gottes Mühlen nach seinem eigenen Dreh.

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