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Weisst du wieviel Sternlein stehen?
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Weisst du wieviel Sternlein stehen?

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Generalvikariat Mainz
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In der letzten Nacht konnte man mit ein wenig Glück einige Sternschnuppen sehen. Auch in der nächsten Nacht wird das möglich sein, wenn das Wetter mitspielt.
Die Orioniden sind nämlich unterwegs. Das ist ein Sternschnuppenschauer, der aus dem Sternbild des Orion kommt und in diesen beiden Nächten seinen Höhepunkt erreicht. Bis zu 25 von ihnen sind bei guter Sicht in der Stunde zu beobachten.
Ich bleibe in solchen Nächten gerne mal bis nach Mitternacht auf, um die Sternschnuppen zu sehen. Bei einer ähnlichen Gelegenheit im Sommer habe ich sechs in einer Stunde gezählt, das war großartig.

Für mich ist das immer wieder ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ich einen dieser Funken über den Himmel flitzen sehe. Es lässt mich daran denken, dass da draußen noch etwas ist. Es zeigt mir: Es gibt noch mehr als diese Erde, auf der wir leben, und es gibt noch mehr als meine eigene kleine Welt. Und es lässt mich ahnen: Da hat einer diese Welt ganz wunderbar geschaffen und geordnet.
Ich muss in solchen Situationen immer an das Lied denken, das meine Mutter uns Kindern früher vorgesungen hat,  auch ich hab das meinen Kindern zum Einschlafen gesungen: „Weißt du wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?“ Ehrfurcht und Staunen, das ist mir bis heute geblieben, wenn ich in den Sternenhimmel schaue.

Und seit zwei Jahren machen mein Mann und ich das noch öfter und mit wachsender Begeisterung: in die Sterne schauen! Wir haben uns nämlich ein Teleskop gekauft, ein kleines nur, für den Hausgebrauch. Aber seitdem nutzen wir, wenn möglich, jede halbwegs laue Nacht, um den Himmel zu erkunden. Das ist weit besser als Fernsehen. Eine App auf dem Smartphone informiert uns über Besonderheiten am Nachthimmel, wie zum Beispiel eben die Orioniden. Die App hilft uns auch, uns am Himmel zurecht zu finden. Aber mittlerweile haben wir darin Übung und können das auch selbst schon recht gut.

Durch unser Teleskop kann man die Gebirgslandschaften auf dem Mond erkennen, in das Sternenmeer der Milchstraße eintauchen, und tatsächlich haben wir letztes Jahr zum ersten Mal den Planeten Jupiter mit seinen vier großen Monden gesehen. Das war ein erhebendes Gefühl. Plötzlich wird das, was man sonst nur in Sachbüchern liest, zu einer erfahrbaren Wirklichkeit, und man steht nur noch still und staunend da.

Musik

Ehrfurcht und Staunen, das haben wir ganz eindrücklich auch in diesem Sommer erlebt. Wir waren nämlich in einem Observatorium. Es steht auf dem Calar Alto, einer 2000 Meter hohen Erhebung in Andalusien. Seit 2016 darf man auch als Besucher dorthin. Das Observatorium ist eigentlich eine wissenschaftliche Einrichtung. Sie wird gemeinsam vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg und vom Institut für Astrophysik der Uni Granada getragen und betrieben und bisher haben wir es immer nur von Weitem gesehen. Aber in diesem Sommer war es so weit.

Wir haben uns zu einer Sternbeobachtung dort angemeldet und wurden von Victor empfangen, einem Astrophysiker auf dem Calar Alto. Mitten im Sommer in dicke Jacken und Mützen gehüllt, hat Victor uns und zehn weiteren Hobbyastronomen den Sternenhimmel erklärt. Und wir durften durch ein Teleskop schauen, natürlich nicht durch die riesigen, die man von Weitem sehen kann, da kann man sowieso nicht durchschauen. Aber auch das Teleskop, das Victor uns mitgebracht hat, hat unser eigenes kleines Teleskop zuhause deutlich in den Schatten gestellt.

Der Ausblick war gigantisch. Wir haben nicht nur den Jupiter mit seinen Monden gesehen, sondern auch noch die Farben dieses Planeten. Nur den charakteristischen roten Fleck konnten wir nicht sehen, der war auf der uns abgewandten Seite.

Ich habe dort im Observatorium in Spanien außerdem zum ersten Mal den Saturn mit seinen Ringen gesehen, die Venus und  auch den rot schimmernden Mars, der richtig groß war, weil er der Erde im Sommer so nahe war. Aber umgehauen hat mich der Sternhaufen in Form einer Wildente, den Victor uns gezeigt hat, der Blick in eine Nachbargalaxie und ein Doppelstern, der in zwei unterschiedlichen Farben geschimmert hat.

Es lag sicher nicht nur an der Müdigkeit und der Kälte, dass es immer stiller wurde.
Und auch da ist mir das Lied von Wilhelm Hey wieder in den Sinn gekommen, dem evangelischen Dichterpfarrer aus dem 19. Jahrhundert: „Weißt du wieviel Sterne stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du wieviel Wolken gehen, weithin über alle Welt? Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.“
Es ist ein Rätsellied, das dem Menschen eine für ihn zunächst unlösbare Frage stellt: Weiß du wieviel Sterne stehen an dem blauen Himmelszelt?
Man könnte wissenschaftlich antworten. Es gibt in unserer Galaxie schätzungsweise 100-300 Milliarden Sterne. Es gibt außer unserer aber noch weitere hunderte Milliarden Galaxien. Diese zu zählen, ist bis heute unmöglich. Und mit bloßem Auge lassen sich sowieso maximal nur 3000 Sterne erkennen. Aber die Frage in der ersten Strophe des Liedes ist keine wissenschaftlich motivierte Frage eines Hobbyastronomen.

Weißt du wieviel Sterne stehen? Das ist eine zutiefst spirituelle Frage. Das zeigt die Antwort, die der Autor des Liedes selbst gibt. „Gott, der Herr, hat sie gezählet.“
Ich, Mensch, kann es nicht wissen, aber Gott weiß es, er hat sie gezählt, aber nicht wie ein Herrscher, der seinen Besitz zählt, sondern wie einer, der in Sorge ist, ihm könnte eines dieser Sternlein fehlen, verloren gehen.

Musik

Keines der Sternlein soll fehlen, verloren gehen. Dahinter steckt der Glaube an einen Schöpfer, der seine Schöpfung, alles, was er geschaffen hat, liebt. Und wenn er sich schon um die Sterne und Wolken sorgt, wie viel mehr dann um die lebenden Geschöpfe, die Mücken, die Fischlein, wovon die zweite Strophe erzählt und schließlich vor allem um den Menschen, um jeden und jede einzelne von uns. Damit endet das Lied in der dritten Strophe: „Gott kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.“

Wenn ich in die Sterne schaue, geht mir das oft durch den Kopf. Ich denke dann: Gott hat eine so unfassbar schöne und unzählbare Schöpfung geschaffen und hat trotzdem jeden einzelnen von uns im Blick. Er liebt jeden einzelnen Menschen, der über diese Erde geht.
So wie in diesem Lied haben auch schon Menschen 1000 Jahre vor Jesu Geburt gebetet und geglaubt, und auch sie haben wohl wie ich staunend und ehrfürchtig vor dem Sternenhimmel gestanden.
Im Buch der Psalmen in der Bibel kann man davon lesen. In einem dieser Psalmen staunt der Beter: „Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, / Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, / des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8, 4-5). In einem anderen Psalm heißt es von Gott: „Er bestimmt die Zahl der Sterne / und ruft sie alle mit Namen.“ (Psalm 147,4)

Wenn Gott die Sterne mit Namen kennt, dann kennt er auch meinen Namen. Das glauben zu können, bedeutet Geborgenheit für mich. Diese Geborgenheit erlebe ich, wenn ich in den Sternenhimmel schaue – mit Staunen und Ehrfurcht.

Ich werde mich heute Nacht wieder nach draußen begeben und in den Himmel schauen. Vielleicht haben Sie ja auch Lust, es einmal auszuprobieren, heute Nacht oder morgen ganz früh, bevor es hell wird. Vielleicht sehen Sie dann mit ein wenig Glück auch einen Funken über den Himmel flitzen – wie ein Gruß von Gott an uns, seine Geschöpfe, die er kennt und liebt und um die er sich sorgt.

 

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