Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden
Bild: Fastenaktion 7 Wochen ohne

Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden

Johannes Meier
Ein Beitrag von

Johannes Meier,

Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel
Beitrag anhören:

In Südhessen nennt man es "Lockdown" – in Nordhessen "Alltag". Oder anders gesagt: Während der Süden dieses Jahr unter heftigen Entzugserscheinungen litt, war im Norden eigentlich alles wie immer. Ich rede von Fasching, Fastnacht, Karneval, von der fünften Jahreszeit! Und natürlich ist das ein Klischee: Denn es stimmt ja gar nicht, dass die nur im Süden ordentlich gefeiert wird. Natürlich gibt es auch nördlich vom Rhein-Main-Gebiet närrische Hochburgen wie Fulda oder Fritzlar und in fast jeder Kleinstadt einen Karnevalsverein.

Faschingsfeiern müssen dieses Jahr ausfallen

Dass in diesem Jahr die Stadthallen und Dorfgemeinschaftshäuser geschlossen blieben und sämtliche Faschingsfeiern ausfallen mussten, sogar die auf der Straße, das wurde wohl nicht nur im Süden, sondern auch von ein paar nördlichen Närrinnen und Narrhalesen heftig bedauert. Aber, zugegeben, hier bei uns in Kassel ist mir der Unterschied zu den Jahren zuvor nicht wirklich aufgefallen.

Was bedeutet die Wörter Fasching und Karneval?

Egal, seit Aschermittwoch ist sowieso wieder alles vorbei. Und es beginnt etwas Neues. Wer es zur Fastnacht nochmal hat mächtig krachen lassen, hat die "Nacht vor dem Fasten" gefeiert. Das Wort "Fasching" geht auf den mittelalterlichen Begriff "vas-chanc" zurück, auf das "Ausschenken des Fastentrunks". Und echte Karnevalisten werden wissen, dass Karneval vom italienischen Wort "carnevale" abstammt, was in etwa "Fleisch, lebe wohl" heißt und eben an die bevorstehende Fastenzeit erinnert.

Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern

Die beginnt am Aschermittwoch und endet mit dem Osterfest, an dem Christen die Auferstehung von Jesus feiern. Dazwischen liegen ziemlich genau sieben Wochen. Sieben Wochen ohne Fleisch, wenn man das Wort Karneval wörtlich nimmt, sieben Wochen ohne Alkohol, wenn man mit dem letzten Ausschank des Fastentrunks zu Fasching ernstmacht.

"Sieben Wochen ohne..." -die Fastenaktion der evangelischen Kirche

"Sieben Wochen ohne..." heißt daher auch die Fastenaktion der evangelischen Kirche, die jedes Jahr mit vielen guten Anregungen und Ideen ausgerufen wird. Ein ziemlich freudloses Motto, könnte man meinen, dieses "Sieben Wochen ohne..." – Sieben Wochen ohne Fleisch, ohne Alkohol, ohne Schokolade, ohne Sex – suchen Sie sich was aus! Aber Hauptsache: ohne Spaß!

Tatsächlich aber kommt die alljährliche Fastenaktion der evangelischen Kirche ganz anders daher: "Zeig dich! – Sieben Wochen ohne Kneifen" lautete zum Beispiel das Motto der Fastenaktion 2018. Ein Jahr später hieß es dann "Mal ehrlich! – Sieben Wochen ohne Lügen" und letztes Jahr ging es um "Zuversicht – Sieben Wochen ohne Pessimismus".

Das Motto der Fastenaktion 2021: "Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden."

Das Motto der Fastenaktion für dieses Jahr 2021 gefällt mir besonders gut und es könnte passender kaum sein in einer Zeit des schon wieder verlängerten Lockdowns, der geschlossenen Schulen und der allgemeinen Kontaktbeschränkungen. Es lautet: "Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden." 

Wie passt dieses Motto denn zur Fastenzeit?

"Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden." – Wie passt dieses Motto denn zur Fastenzeit, in diese freudlosen Tage nach dem närrischen Treiben, diese grau-in-graue Zeit zwischen Winter und Frühling? Heißt fasten nicht vielmehr verzichten, also sich einschränken? Kein Fleisch mehr, kein Alkohol, keine Schokolade... Diät machen! – Genau daran würden wohl die meisten denken, wenn man sie nach der Bedeutung einer „Fastenaktion“ fragt. Tut ja auch gut, nach Tagen der Völlerei und des Feierns mal wieder etwas runter zu kommen, auch von den Kilos und dem Winterspeck, entschlacken, Heilfasten eben. Und Wikipedia bestätigt: "Als Fasten wird die völlige oder teilweise Enthaltung von allen oder bestimmten Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum hinweg (...) bezeichnet."

Themen der alljährlichen Fastenaktionen der EKD

Warum also drehen sie die alljährlichen Fastenaktionen der Evangelischen Kirche nicht ums Essen, sondern um Themen wie Ehrlichkeit, Zuversicht oder Spielräume? – Vielleicht, weil sie sich auf die eigentliche Bedeutung des Wortes zurückbesinnen wollen: "Fasten" stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet soviel wie "festhalten".

Wer fastet hält fest an Gottes Geboten

Wer fastet hält fest an Gottes Geboten – und die sind nun mal nicht allein Speiseregeln, sondern vielmehr Lebensregeln!

Ich finde, es ist daher eine ziemlich gut Idee, die sieben Wochen der Fastenzeit dafür zu nutzen, dem nachzuspüren, was gut für mein Leben und das Zusammenleben mit anderen ist: In der Familie, im Freundeskreis, an der Arbeit. – Genau dazu möchte die Fastenaktion der Evangelischen Kirche anregen.

Um 9:00Uhr- Eröffnungsgottesdienst der Fastenaktion im ZDF

Nachher um 9 Uhr wird zur Eröffnung der diesjährigen Aktion ein Fernsehgottesdienst im ZDF übertragen. "Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden". Vielleicht kennen Sie das: Da möchte man einmal klar die eigene Meinung vertreten - doch im entscheidenden Moment schweigt man wieder. Da weiß man, dass es doch eigentlich längst an der Zeit wäre, auch einmal "Nein" zu sagen, aber dann … Was hindert mich zu tun, was ich eigentlich tun möchte – oder längst hätte tun sollen? Wie gewinne ich Spielraum, wie überwinde ich Blockaden? – Mit diesen Fragen, wird sich der TV-Gottesdienst aus der Johanneskirche in Erbach nachher auseinander setzen – und ich bin gespannt, welche Antworten sich dort darauf finden lassen.

Wie gewinne ich Spielraum, wie überwinde ich Blockaden?

Wie gewinne ich Spielraum, wie überwinde ich Blockaden? – Gute, schwierige Fragen gerade jetzt in Pandemiezeiten. Längst diskutieren nicht mehr nur Politiker und Wissenschaftler darüber, welche Einschränkungen nötig und welche Spielräume möglich sind, auch am Mittagstisch, in Kirchengemeinden, Vereinen und kulturellen Organisationen streiten wir über die Regeln und den richtigen Umgang mit Corona. Und dann gibt es die einen, die sich leicht in Rage reden, gegen die Einschränkung der Grundrechte wettern und Deutschland bereits am Rande einer Diktatur wähnen, während andere schlicht meinen, es helfe ja alles nichts, das sei jetzt halt so.

Neue Wege aus der Welt der Blockaden

Aber eine dritte Gruppe versucht, aus der Welt der Blockaden neue Wege zu menschlicher Gemeinschaft zu finden und mit viel Fantasie und Kreativität Spielräume aufzutun: Wenn die Menschen nicht mehr zum Gottesdienst in die Kirche gehen dürfen, kommt die Kirche eben mal zu ihnen! Ein Kollege von mir spaziert jetzt jeden Sonntag mit seiner Trompete durchs Dorf, schmettert ein einladendes Signal und feiert dann mit den Nachbarn ringsum kleine Andachten an "Hecken und Zäunen". Von den inzwischen vielerorts selbstverständlichen Angeboten via YouTube oder Videokonferenz will ich gar nicht erst reden: Ob digitaler Gottesdienst- oder Museumsbesuch, ob gestreamtes Konzert oder Theaterstück, ob Homeoffice oder Online-Vorlesung. Da wurden und werden viele neue Spielräume entdeckt und ängstliche Blockaden gegenüber der neuen Technik überwunden.

Statt Rosenmontagsumzug-Rosenmontags-Autokino

Auch die sprichwörtliche Narren-Freiheit hat im Corona-Karneval für viele kreative Lösungen gesorgt: in Fritzlar gab’s zum Beispiel statt Rosenmontagsumzug ein Rosenmontags-Autokino vor dem Vereinshaus.

Zur Entdeckung neuer Spielräume gehört dabei immer, dass sie niemals das Gegenüber, meine Mitmenschen aus dem Blick verlieren darf. Wenn die einen allein auf ihre Freiheiten pochen und damit die Gesundheit der anderen gefährden, wird die Missachtung von Regeln zu reiner Rücksichtslosigkeit und purem Egoismus. Auch das haben wir in dieser Pandemie leider erfahren.

Sieben Wochen, die uns an Gottes Lebensregeln erinnern.

"Spielraum! – Sieben Wochen ohne Blockaden." – Sieben Wochen, die uns an Gottes Lebensregeln erinnern. Das Motto der Fastenaktion lädt dazu ein, sich trotz aller Einschränkungen nicht bange machen zu lassen. In der Bibel finde ich ein Gebet aus alter Zeit: Darin klagt jemand Gott seine Not, weil er oder sie krank ist und einsam. Und während dieses absolut berechtigten Jammerns spürt jener Mensch auf einmal, wie gut es tut, Gott das Herz auszuschütten. Langsam wächst wieder die Hoffnung und das Vertrauen, auf einmal ist da wieder Boden unter den Füßen zu spüren. So wandelt sich die Klage schließlich in ein Lobgebet: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum!" (Psalm 31,9)

Amen. Damit will ich fasten, daran will ich festhalten. Erst recht in Zeiten wie diesen.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren