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Rettungsgasse
Michael Schwarzenberger/Pixabay

Rettungsgasse

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim
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Jörg Helmrich ist Branddirektor bei der Berufsfeuerwehr Duisburg. Er hat so viel Spannendes in seinem Beruf erlebt, dass er nun ein Buch geschrieben hat. Es heißt „Rettungsgasse“ Er erzählt humorvoll von gelungenen Einsätzen. Er schreibt aber auch über seine größte Krise und darüber, wie ihm sein christlicher Glaube geholfen hat, sie durchzustehen.

Es ist der 24. Juli 2010. Jörg Helmrich hat Dienst, als die  Massenpanik bei der Love Parade in seiner Stadt Duisburg beginnt. Im Stabführungsraum der Feuerwehr verfolgt er auf Bildschirmen, wie die Situation außer Kontrolle gerät. Bilder, die Jörg Helmrich nie mehr vergessen wird. Zusammen mit anderen koordiniert er den Einsatz der Feuerwehr. Sie können die Katastrophe nicht verhindern. 21 Menschen sterben. Hunderte werden verletzt.

Dieser Einsatz hat Jörg Helmrich verändert. Er erzählt: „Vorher war ich der Meinung, man müsse die Brust raus tun und sich gegen ein Trauma stellen. Dann wird das schon vergehen. Erst durch die Love Parade und mein eigenes Erleben weiß ich, wie verwundbar die menschliche Seele ist.“ (Jörg Helmrich, Rettungsgasse, Asslar 2019, 123)

Jörg Helmrich findet über vier Jahre lang keine innere Ruhe. Wann immer er etwas über das Unglück liest, schießt sein Puls in die Höhe. Oft versetzt er sich in die Lage der Hinterbliebenen der Opfer und der Verletzten, die verständlicherweise nach Schuldigen suchen. Er macht sich Vorwürfe. Immer wieder fragt er sich: Hätte ich etwas besser machen können?

Ich kann Jörg Helmrich annähernd verstehen. Ich habe Gott sei Dank nicht so Schreckliches erlebt wie er. Aber auch im kleineren Maßstab kenne ich die Erfahrung: Ich will mein Bestes geben und für andere da sein. Und dann kann ich doch nicht verhindern, dass andere zu Schaden kommen. Das muss nicht im Beruf sein. Auch in meinen privaten Beziehungen. Das nagt an der Seele, verursacht Zweifel und Schuldgefühle.

Mich beeindruckt, wie intensiv sich Jörg Helmrich in seiner Krise mit Gott auseinandergesetzt hat. Eine Bibelstelle hat ihm dabei besonders geholfen. Im Philipperbrief im Neuen Testament heißt es: „Macht euch keine Sorgen. Ihr dürft in jeder Lage zu Gott beten. Sagt ihm, was euch fehlt. Dann wird Gottes Friede, der all unser Verstehen übersteigt, eure Herzen und Gedanken bewahren.“ (Philipperbrief 4,6 f)

„Macht euch keine Sorgen.“ Ich finde: Das ist leicht gesagt. Aber es hilft, darauf zu vertrauen: Gott steht mir bei, wenn ich mit meiner Schuld ringe. Gerade in einer Situation, die mit dem Verstand nicht zu lösen ist.

Jörg Helmrich hat versucht, sich nicht von den Sorgen erdrücken zu lassen. Und das Ziel ins Auge zu fassen: den Frieden, den Gott schenkt. Und er hat sich der Situation offen gestellt. Er hat viel mit seiner Frau und Freunden gesprochen. Er konnte Frieden mit sich selbst schließen, weil er weiß: Gott vergibt ihm, was er womöglich versäumt hat. Das ist für ihn zu einer Rettungsgasse aus den Selbstvorwürfen geworden.

Heute weiß er: Die Erinnerungen an damals werden ihn begleiten. Aber sie sollen ihn nicht beherrschen. Er wünscht sich, dass alle Betroffenen von damals eines Tages Frieden finden können.

Jörg Helmrich ist weiterhin begeisterter Feuerwehrmann. Die Auseinandersetzung mit dem Unglück im Sommer vor neun Jahren hat ihn gefestigt. Er ist dankbar, dass da noch jemand Größeres ist, der Rettungsgassen auftut.

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