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Mut zum Perspektivwechsel
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Mut zum Perspektivwechsel

Christoph Hartmann
Ein Beitrag von

Christoph Hartmann,

Lehrer und Referent für Schulpastoral, Fulda
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Was haben ein Englischlehrer, eine Moschee auf dem Ölberg in Jerusalem und Christi Himmelfahrt gemeinsam? Für mich persönlich eine ganze Menge. Der Lehrer, die Moschee und das Fest, das Christen heute feiern, haben mir dabei geholfen, meine Perspektive zu verändern. Ich finde es gar nicht leicht, Verhaltensmuster zu überdenken und neue Perspektiven zuzulassen. Denn wer gibt schon gerne liebgewordene oder gewohnte Perspektiven auf? 
Ein Beispiel: John Keating ist Englischlehrer. Er ist die Hauptfigur im Film „Der Club der toten Dichter“. Als Lehrer an einem Elite-Internat macht Keating seine ganz eigenen Erfahrungen. Er möchte seine Schüler dazu ermutigen, die Welt mal aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Kurz um, in einer ersten Übung fordert er seine Schüler auf, sich auf das Lehrerpult zu stellen. Erst mit skeptischen Blicken, doch dann neugierig, folgen sie einer nach dem anderen seiner Aufforderung. Diese Szene aus dem Film hat sich bei mir sehr eingeprägt!
Warum? Weil ich glaube, dass ein Perspektivwechsel für ein gelingendes Miteinander in Staat und Kirche, im Familienleben und im Berufsalltag unerlässlich ist.
Damit das klappt, sind folgende Eigenschaften nützlich: sich zurücknehmen und zuhören können. So kann es gelingen, dass meine persönliche Perspektive und die meines Gegenübers zu einer neuen Sichtweise werden. 
Dieses Ansinnen kann John Keating im Film nur anstoßen. Aber mich ermuntert die Filmszene dazu, meine „Welt-Perspektive“ immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Das könnte zu einer Lebenseinstellung werden. Und diese Einstellung kann ich einüben. Einen Berg zu besteigen ist da eine Möglichkeit. Neben der körperlichen Ertüchtigung bietet es oftmals eine gigantische neue Perspektive. Ich finde, allein das ist die Mühe des Aufstiegs wert.
Darüber hinaus ist ein gutes Übungsfeld die eigene Familie! Familienleben ohne Perspektivwechsel ist gar nicht denkbar. Mal die Brille der Kinder oder meiner Frau aufzusetzen, bewirkt schon hier und da ein kleines Wunder. Ich gebe zu, dass mir das nicht immer gelingt. Es bleibt eben eine Herausforderung! Dennoch, dranbleiben lohnt sich!

Musik

Dranbleiben ist anstrengend, aber es lohnt sich. Nicht nur in der eigenen Familie. Nicht nur in Zeiten der Coronakrise. Dranbleiben lohnt sich auch bei Jesus von Nazareth. Denn ER hat mir für mein Leben viel zu sagen.
Mehr als alle mir bekannten Menschen ist ER für mich faszinierend, inspirierend und zutiefst menschlich. Mit seinem Wirken und seiner Predigt begeisterte er schon vor 2000 Jahren seine Jünger. Sie waren so beeindruckt, dass sie ihre gewohnten Lebensweisen zurückließen und ihm nachfolgten. Ob sie ahnten, auf was sie sich eingelassen haben?
Für die Jünger Jesu ist es sicherlich eine ganz spannende Zeit. Sie gehen in die Lebensschule Jesu! Durch diese Schule ermöglicht ER ihnen, neue Lebensperspektiven einzuüben.
Dazu gehört ein wertschätzender und mitfühlender Umgang. Nicht zu vergessen ist das intensive Einüben des Gebets und Gottvertrauens. 
Immer wieder stellen die Ereignisse um Jesus die Jüngererwartungen und ihre Sichtweisen auf den Kopf.  Die Kreuzigung Jesu versetzt die Jünger in Schockstarre. Wie soll es jetzt weitergehen? Alle Arbeit, aller Aufwand umsonst? Dann der Bericht von der Auferstehung. Langsam fangen die Jünger wieder an Mut zu schöpfen. Sie bleiben zusammen und beten. Sicherlich mit dem wunderbaren Privileg, dass Jesus  ihnen 40 Tage lang immer wieder begegnet. Schließlich fährt er in den Himmel auf! Das feiern Christen heute: Christi Himmelfahrt! Und wieder die Frage, wie soll es jetzt ohne Jesus weitergehen? Die Jünger sind erschüttert. Sie stehen da und schauen verträumt in den Himmel. Am liebsten hätten sie Jesus festgehalten. Jesus aber mutet seinen Jüngern diesen himmlischen Perspektivwechsel zu. Nicht zum Himmel, sondern auf die Erde sollen sie schauen. Sie sollen alle Menschen zu Jesus führen und Gutes tun. Damit dieser Perspektivwechsel auch funktioniert, sendet er Ihnen den verheißenen Beistand, den Heiligen Geist. Der wird sie stärken bis Jesus wiederkommt!
Diese neue Perspektive lebt von einer Spannung. Es ist die Spannung zwischen Himmel und Erde. Hier auf Erden fordert sie heraus, Jesus konkret nachzufolgen und den Menschen Gutes zu tun. Auf der anderen Seite die himmlische Perspektive. Als Christ baue ich darauf, dass nach meinem irdischen Leben noch etwas ganz Großes auf mich wartet: bei Gott im Himmel zu sein. Das ist keine billige Vertröstung. Vielmehr ist das Leben bei Gott die Konsequenz von Ostern. Diese Botschaft von Himmel und Erde übersteigt heute genauso wie damals unser aller Vorstellungskraft. Aber im Umgang mit meinen eigenen Begrenztheiten schenkt diese reale Jesus-Perspektive Zuversicht und Hoffnung. Ich darf meine Grenzen akzeptieren und Jesus ermutigt mich sogar, meine Grenzen zu überwinden

Musik

Oftmals liegt meine Begrenztheit darin, dass ich mir Dinge nur schwer vorstellen kann. Jetzt komme ich zu der eingangs erwähnten kleinen Moschee auf dem Ölberg.
Vor gut 20 Jahren war ich mit einer Pilgergruppe in Israel, im Heiligen Land. Viele heilige Orte wie z.B. der Berg der Seligpreisungen am See Genezareth oder die Grabeskirche in Jerusalem standen auf dem Programm. Schließlich führte unser Pilgerweg auch zur sogenannten Himmelfahrtskapelle Jesu. Sie steht auf der höchsten Stelle des Ölbergs - östlich der Altstadt von Jerusalem. Dort, so der Überlieferung zufolge, ist Jesus Christus zum Himmel aufgefahren. Wie passend für den heutigen Tag.
Doch zurück zu mir und meiner Reisegruppe. Als wir endlich an der Himmelfahrtskapelle ankamen, waren wir überrascht: Die vermeintliche Kapelle entpuppte sich als Moschee. Muslime verehren also an diesem Ort Jesus Christus. Und das seit dem 12. Jahrhundert.
Was mir dort oben an der kleinen Moschee noch einmal bewusst wurde:
Über 200 Verse widmen sich im Koran der Person Jesu. Natürlich ist Jesus für fromme Muslime nicht Gottes Sohn. Aber Jesus ist im Koran ein wichtiger Prophet. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass Jesus der Schlüssel zu einem fruchtbringenden christlich–islamischen Dialog sein kann. Das hätte ich mir vorher so nicht vorstellen können. Aber dieser für mich neu entdeckte Gedanke passt einfach zu diesem heutigen Fest Christi Himmelfahrt. Und der Gedanke gefällt mir. Trotz aller Unterschiede zwischen den beiden Religionen ermöglicht Jesus eine neue hoffnungsvolle Perspektive. Er ist es, der Christen am Herzen liegt und Muslimen wichtig ist. Genauso wie vor 2000 Jahren ist Jesus auch heute noch Stein des Anstoßes. Für was? In diesem speziellen Fall für den Dialog der Religionen. Jesus ist immer für eine Überraschung gut. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Muslime und Christen über Jesus ins Gespräch kommen.

Für den Englischlehrer, die Moschee auf dem Ölberg und Christi Himmelfahrt bin ich dankbar. Sie alle haben mir einen Anstoß gegeben. Offen zu bleiben und meine eigenen Perspektiven immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Das heutige Fest Christi Himmelfahrt lädt dazu ein, dem ganz persönlichen Perspektivwechsel auf der Spur zu bleiben. Bleiben Sie dran, bleiben gesund und behüt Sie Gott!

 

 

 

 

 

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