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Menschen wie Sie und ich
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Menschen wie Sie und ich

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Niemand kommt „eiskalt“ zur Welt, liebe Hörer. Auch Marcel nicht, 19 Jahre alt. Der hat vor gut einer Woche zwei Menschen umgebracht. „Eiskalt“ sei er gewesen
beim Verhör, sagt ein Polizist. Das mag so sein. Eiskalt kommt man aber nicht zur Welt. Eiskalt wird man gemacht im Laufe des Lebens. Nein, ich habe kein Verständnis für einen Mörder.  Verstehen muss ich ihn aber, auch wenn sich alles sträubt. Wenigstens  versuchen zu verstehen muss ich. Verstehen heißt nicht: richtig finden; heißt auch nicht, Verständnis zu haben. Verstehen heißt, Eiseskälte verhindern, wo immer es geht. Sonst wird nichts besser auf der Welt. Wir beweinen die Opfer. Die Täter verurteilen wir. Mit Recht. Und wenn wir auch wenig verstehen, versuchen wir doch zu erklären. Wie wird man so eiskalt, dass man tötet?           
Wenn man nichts empfindet. Keine Wärme, Mitgefühl. Keinen Schmerz der anderen. Weil man nie Wärme bekommen hat, kaum Zuhören. Weil man wie verloren durch seine Welt getrottet ist und sich niemand darum kümmert, wie es einem geht. Wirklich geht. Dann fehlt überall Wärme, jahrelang. Dann heißt es nur „Reiß dich zusammen“; oder: „Die andern schaffen das auch“. Das hilft meist nichts. Was hilft, ist Zeit, Achtsamkeit, Wohlwollen - und immer wieder Zuhören. Geduldig, bis zur Schmerzgrenze. Und noch weiter. Das kann helfen. Niemand soll uns verloren gehen. Niemand soll eiskalt leben oder in dunklen Räumen, wo nur im Internet gespielt wird. Das Internet fühlt nicht. Menschen fühlen. Eltern, Geschwister, Oma und Opa, Tanten und Onkel, Nachbarn. Sie und ich also. Niemand darf uns verloren gehen. Und wer angeblich selbst schuld ist, braucht gerade  Menschen. Menschen, die in den Arm nehmen; die achtsam sind und zuhören. Auch auf Zwischentöne. Menschen, wie Sie und mich. Gott helfe uns dabei.

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