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Mein Lebenshaus
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Mein Lebenshaus

Tina Oehm-Ludwig
Ein Beitrag von

Tina Oehm-Ludwig,

Evangelische Pfarrerin, Versöhnungskirche Fulda
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„In welchem Haus würden Sie gerne leben?“ So wurden Menschen im Rahmen einer Studie für die Zeitschrift „Das Haus“ einmal gefragt. Die meisten der Befragten antworteten: In einem romantischen Landhaus. Zum Beispiel Anke, 47 Jahre. Sie sagte: „Am liebsten würde ich in einer Villa auf dem Land wohnen. 100 bis 150 Quadratmeter reichen, aber ein Garten muss dazu gehören. Von der Straße aus sollte hinter dichtem Grün etwas vom Haus hervorblitzen. Schön wäre es, wenn es auf einer Anhöhe mit guter Fernsicht stehen würde.“ In einigem Abstand folgten dann die Liebhaber von Holz- und Blockhäusern, von Öko- oder Bioarchitektur und von modernem Wohnen – mit viel Glas und klaren Linien. Daran schlossen sich wiederum die Vertreter von Reihen- und Doppelhäusern, von repräsentativen Stadtvillen und von verspielten Jugendstilbauten an. Abgeschlagen auf dem letzten Platz landete der Flachdach-Bungalow. In welchem Haus würden Sie gerne leben? In einem von den genannten Häusern oder in einem ganz anderen?

„In welchem Haus würden Sie gerne leben?“ Wenn ich selbst unter den Teilnehmern der Studie gewesen wäre, hätte ich spontan vermutlich folgendes geantwortet: „Ich würde gern in meinem eigenen Haus leben – in einem Haus, das mir gehört, das meine ganz persönliche Handschrift trägt, das etwas von dem, wer ich bin und wie ich bin, widerspiegelt und das damit einmalig und unverwechselbar ist.“ Ob dieses Haus dann groß oder klein, alt oder modern, aus Holz oder Stein ist, wäre für mich erst einmal zweitrangig.

Ich würde gern in meinem eigenen Haus leben. Das gilt für mein Wohnhaus ebenso, wie für mein Lebenshaus. Das Leben gleicht ja irgendwie einem Haus. Denn wie ein Haus aus verschiedenen Zimmern besteht, so setzt sich auch das Leben aus verschiedenen Bereichen zusammen: Familie, Beruf, Freunde, Hobbys und vieles andere mehr. Das alles befindet sich unter einem Dach, unter dem Dach meines Lebenshauses. Von diesem Lebenshaus würde ich gern sagen können, dass es mein eigenes ist. Ich wünsche mir, dass es von Beziehungen geprägt ist, in denen ich so sein darf, wie ich bin, in denen ich wertgeschätzt und geliebt oder zumindest akzeptiert bin so, wie ich bin. Und ich wünsche mir, dass es in meinem Lebenshaus Aufgaben gibt, bei denen ich meine Stärken und Fähigkeiten einsetzen kann und an denen ich trotz meiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht zu scheitern drohe. Mein Lebenshaus müsste auch gar nicht besonders groß, es müsste auch gar nicht besonders bedeutend sein, es sollte nur mein eigenes sein.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele Menschen genau das Gegenteil möchten. Sie möchten nicht in ihrem eigenen, sondern in einem fremden Lebenshaus leben. Sie möchten nicht in ihrem eigenen, sondern in einem fremden Lebenshaus heimisch und glücklich werden. Der eine träumt davon, ebenso reich und erfolgreich zu sein wie der Klassenkamerad aus der Grundschulzeit, das Gleiche zu haben und sich das Gleiche leisten zu können wie er. Eine andere träumt davon, die gleiche Figur zu haben wie die beste Freundin oder ebenso schlagfertig und charmant, beliebt und bewundert zu sein wie die Kollegin. Oftmals wird nicht nur davon geträumt, sondern es wird auch hart daran gearbeitet. Es wird viel, bisweilen sogar alles dafür getan, ein anderes Leben zu leben als das eigene, jemand anderes zu sein als der, der man ist.

Vermutlich ist das nicht nur ein Phänomen unserer Zeit, sondern es gab das schon früher. Vielleicht gab es das sogar schon immer. Jedenfalls wird schon auf den ersten Seiten der Bibel davon berichtet. Da hatte Eva, als sie im Garten Eden umherging, eines Tages eine Stimme im Ohr, die ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Eine Stimme, die ihr sagte, dass das, was sie ist und was sie hat, nicht gut oder zumindest nicht gut genug sei. Dass ihr eigenes Lebenshaus nicht groß und schön genug sei. Sie, Eva, sei zwar ein Mensch – die Krone der Schöpfung, aber eben doch nur ein Mensch, ein Geschöpf und nicht der Schöpfer, nicht Gott selbst. Die Stimme versprach Eva, dass sie das ändern könne und dass sie dafür noch nicht einmal hart arbeiten müsse. Sie müsse einfach nur ihre Hand ausstrecken und eine Frucht vom Baum der Erkenntnis essen, dann würden ihr die Augen aufgehen, dann würde sie sein wie Gott. Doch Eva wurde betrogen. Sie und ihr Mann Adam mussten einen hohen Preis dafür bezahlen, dass sie jener Stimme gehorchten und von der Frucht des Baumes aßen. Sie mussten einen hohen Preis dafür bezahlen, dass sie jemand anderes sein wollten als sie selbst. Denn es hat die beiden das Paradies gekostet.

Was macht das Wohnen im eigenen Lebenshaus eigentlich aus? Für mich ist es das Gefühl, so sein zu können, wie ich bin. Wie ich von Gott geschaffen und damit auch gewollt bin. Das Gefühl, ich selbst sein zu können – ich selbst und niemand anderes. Und dieses Gefühl tut mir gut. Ich denke übrigens, dass auch gar nichts anderes von mir erwartet wird – nichts anderes als ich selbst zu sein. Eine jüdische Legende bringt das auf den Punkt. Von einem Gelehrten, einem Rabbi namens Sussja, wird berichtet, dass er kurz vor seinem Tod gesagt habe: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?‘ Man wird mich fragen: ‚Warum bist du nicht Sussja gewesen?‘“ Mit anderen Worten: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: ‚Warum bist du nicht der oder die gewesen? Sondern man wird mich fragen: ‚Warum bist du nicht du selbst gewesen? Warum bist du nicht du selbst gewesen, sondern hast ständig versucht, jemand anderes zu sein? Warum hast du nicht dein eigenes, einmaliges, unverwechselbares und unwiederholbares Leben gelebt, sondern wolltest immer nur in fremden Lebenshäusern heimisch und glücklich werden?‘“

Nun kann es ganz unterschiedliche Gründe dafür geben, dass Menschen in einem fremden Lebenshaus leben. Die einen mögen darin leben, weil sie sich ganz bewusst gegen sich selbst entschieden haben, weil sie um jeden Preis ein anderer oder eine andere sein wollten – koste es, was es wolle. Andere mögen aber auch in ein fremdes Lebenshaus hineingezwängt worden sein – entweder von sich selbst, weil sie meinten, es allem und jedem recht machen zu müssen, oder von einem anderen Menschen oder von beiden. Wie jener Sohn, der es nicht wagte, er selbst zu sein, weil er auch ein „guter Sohn“ sein wollte – ein „guter Sohn“, der dankbar und gern das Lebenshaus bewohnt, das sein Vater für ihn gebaut und eingerichtet hat. Vielleicht haben es auch die Umstände nicht zugelassen, dass Menschen in ihrem eigenen Lebenshaus heimisch geworden sind. Oder gewisse Ängste – wie die Angst vor Veränderung. Da fühlt sich eine Frau mittleren Alters an ihrem Arbeitsplatz nicht nur fremd, sondern sie leidet unter den gegebenen Bedingungen. Aber trotzdem scheut sie sich davor, die gewohnten Bahnen zu verlassen, zu kündigen und nach einer neuen Stelle zu suchen.

Ob man einfach so aus einem fremden in das eigene Lebenshaus umziehen kann? Einfach so vermutlich nicht. Denn vieles lässt sich nicht so einfach ändern, das eine oder andere auch gar nicht. Manches ließe sich vielleicht ändern, aber nur auf Kosten anderer. Da stellt sich dann die Frage: „Ist es mir das wert?“ Ich lebe ja nicht unabhängig von allem und jedem, sondern immer auch in gewissen Bindungen und Verpflichtungen. Ich kann beispielsweise nicht einfach so wieder arbeiten gehen, wenn die Versorgung der Kinder oder der pflegebedürftigen Eltern nicht geregelt ist. Doch es geht auch nicht um Selbstverwirklichung um jeden Preis, sondern darum zu überlegen, was man tun, was man umsetzen könnte an Ideen und Träumen, damit man das Gefühl hat, zumindest ein Stück weit bei sich selbst angekommen, ein Stück weit man selbst zu sein. Oder anders gesagt: Man muss nicht gleich in ein anderes Lebenshaus umziehen. Es genügt vielleicht schon, sich in dem Lebenshaus, in dem man wohnt, ein eigenes Zimmer einzurichten.

Wie das gehen könnte, davon hat der Apostel Paulus den Christinnen und Christen in Korinth einmal geschrieben. Er hat gesagt: „Es gibt zwar verschiedene Gaben, aber es ist immer derselbe Geist. Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle. Der eine ist durch den Geist in der Lage voller Weisheit zu reden. Ein anderer kann Einsicht vermitteln – durch denselben Geist! Ein dritter wird durch denselben Geist im Glauben gestärkt. Wieder ein anderer hat durch den einen Geist die Gabe zu heilen. Ein anderer hat die Fähigkeit Wunder zu tun. Ein anderer kann als Prophet reden. Und wieder ein anderer kann die Geister unterscheiden. Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so wie er es will.“ Für mich steckt in diesen Worten des Apostels Paulus der Rat: „Entdecke deine Gaben! Entdecke deine ganz persönlichen Begabungen! Und dann schau, ob du nicht bei dir selbst ankommst! Schau, ob du nicht ein Stück weit in deinem eigenen Lebenshaus oder zumindest in deinem eigenen Lebenshaus-Zimmer heimisch wirst! Denn deine Gaben sind nichts Fremdes. Sie sind nichts von außen Aufgesetztes, sondern etwas ganz und gar Eigenes. Etwas, das zu dir gehört. Etwas, das in seiner Art und Zusammensetzung nur zu dir gehört. Deine Gaben sind die Grundbausteine deines ganz persönlichen, einmaligen und unverwechselbaren Lebenshauses – dir gegeben und anvertraut von Gott, dem Architekten deines Lebenshauses.“

Der Apostel Paulus zählt den Christinnen und Christen in Korinth einige Gaben auf – allesamt eher „geistliche“ Begabungen, wie die Gabe, voller Weisheit oder prophetisch zu reden, die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, die Gabe zu heilen oder Wunder zu tun und die Gabe, die Geister zu unterscheiden. Diese besonderen Fähigkeiten gab es allerdings nicht nur damals in der jungen korinthischen Gemeinde, sondern es gibt sie auch heute noch. Auch heute noch gibt es Menschen, die einem erklären können, was es mit Gott und der Welt und dem Glauben auf sich hat. Auch heute noch gibt es Menschen, die anscheinend immer die richtigen Worte finden – Worte, die gut tun und heil machen und manchmal sogar Wunder bewirken. Auch heute noch gibt es Menschen, die Geister und Meinungen unterscheiden und richtig einordnen können. Doch die Gaben, die Paulus hier nennt, sind nur Beispiele. Darüber hinaus gibt es unzählig viele andere kleine und große Begabungen. Sie alle sind ebenso wichtig und ebenso „geistlich“ wie die von Paulus angeführten. Denn sie alle stammen von Gott, sie alle sind durch seinen Geist gewirkt.

Welches sind wohl Ihre Gaben und Begabungen? Welches sind die Grundbausteine Ihresganz persönlichen, einmaligen und unverwechselbaren Lebenshauses? Vielleicht liegen sie im kreativen oder künstlerischen Bereich, vielleicht sind Sie aber auch eine Praktikerin oder der geborene Handwerker. Jedenfalls sind es Ihre ganz persönlichen Gaben und Begabungen, und genau darin steckt ein großes Stück Befreiung. Denn wenn jeder seine eigenen Gaben und Begabungen hat, dann hat jeder andere. Dann kann und muss keiner alles können. Dann kann und muss keiner perfekt sein. Sondern es geht vielmehr darum, dass wir uns mit unseren eigenen Gaben und Begabungen ergänzen. Wenn ich zum Beispiel gut zuhören und anderen dadurch eine hilfreiche Gesprächspartnerin sein kann, dann muss ich nicht auch noch diejenige sein, die immer und überall das große Wort führt. Darin liegt dann die persönliche Begabung eines anderen Menschen.

Falls Ihnen übrigens spontan keine besondere Begabung einfallen sollte, dann denken Sie doch einmal einen Moment darüber nach, was Sie begeistert. Bei unseren Gaben geht es nämlich um Begeisterung. Der Apostel Paulus sagt: „Das alles bewirkt ein und derselbe Geist.“ Wir kommen unseren Gaben und Begabungen auf die Spur, wenn wir überlegen, was in uns ein Feuer entfacht, auch wenn wir uns noch so müde fühlen. Was uns selbst nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag noch in Bewegung zu setzen vermag. Wozu uns niemand motivieren oder anspornen muss – eben weil wir spüren, dass es uns selbst gut tut. Weil wir uns dabei ganz lebendig fühlen, weil wir dabei ganz wir selbst sind. Irgendetwas muss es da bei jedem und jeder von uns geben. Da ist sich der Apostel Paulus ganz sicher. Er sagt nämlich: „Der Geist teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so wie er es will.“ Mit anderen Worten: Jede und jeder ist begabt. Jeder und jede ist begeisterungsfähig.

Zu unseren Gaben, zu dem, was uns zu eigen ist und uns ausmacht, gehören auch unsere Erfahrungen, gehört auch das, was wir erlebt haben – das Alltägliche und das Besondere, das Schöne und das Schmerzliche. Auch unsere Erfahrungen sind Grundbausteine unseres ganz persönlichen, einmaligen und unverwechselbaren Lebenshauses. Aber sie können auch zu Bausteinen in den Lebenshäusern anderer Menschen werden, sie können auch anderen Menschen „zum Nutzen“ sein. Denn Erfahrungen kann man teilen. Der Apostel Paulus sagt, dass das letztlich der Sinn aller unserer Gaben und Begabungen ist: ihr Nutzen für alle. Paulus sagt: „Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle.“ Dazu gehört der Nutzen für mich selbst – dass ich zu mir selbst finde, dass ich bei mir selbst ankomme, dass ich heimisch werde in meinem eigenen Lebenshaus – ebenso wie der Nutzen für andere. Denn meine Gaben und Begabungen gehören zwar zu mir, aber sie sind nicht mein Privatbesitz. Sie sollen auch anderen Menschen zu Gute kommen. Das ist für mich selbst schön zu erleben und es kommt dadurch immer auch etwas zu mir zurück. Die 44-jährige Martina sagt zum Beispiel: „Durch meine Mitarbeit in der Hausaufgabenhilfe habe ich andere Menschen kennengelernt, die mit mir im Team arbeiten. Ich habe neue Freunde gewonnen. Ich habe auch neue, gänzlich unbekannte Gaben an mir entdeckt, zum Beispiel dass ich Geduld im Umgang mit Kindern habe und ihnen sogar gut Dinge erklären kann.“ Es wäre also doppelt schade, wenn wir unsere Gaben und Begabungen nicht entdecken und einsetzen würden – schade für uns und schade für andere.

Ich wünsche uns an diesem Pfingstmontag, dass wir uns ganz neu für uns unsereGaben und Begabungen begeistern lassen und dass wir uns zusammen mit ihnen in unser eigenes Lebenshaus oder zumindest in unser eigenes Lebenshaus-Zimmer aufmachen, uns dort einrichten und heimisch werden. Ich wünsche uns an diesem Pfingstmontag, dass wir uns ganz neu für uns selbst begeistern lassen. Dass wir ein wenig mehr wir selbst sind, und weniger jemand anderes. Wir sind schließlich wer!

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