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Ich könnte Bäume ausreißen
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Ich könnte Bäume ausreißen

Norbert Mecke
Ein Beitrag von

Norbert Mecke,

Dekan, Evangelischer Kirchenkreis Melsungen
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„Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen! Also, kleine Bäume. Vielleicht Bambus. Oder Blumen. Na gut: Gras. Gras geht!“

Der Spruch hängt an unserem Kühlschrank. Ich finde klasse, dass er so heldenhaft beginnt, nüchtern endet und mit einer starken Brise Humor gewürzt ist: Ganz alltagstauglich.

Bäume ausreißen! Ich gehe gern voller Elan ran an die Aufgaben des Tages. „Richtig was wuppen“ – manchmal zeigt schon der volle Terminplaner, dass heute Power gefragt ist. Manche hätten das ja am liebsten jeden Tag. Aber ab und an reicht die eigene Leistung vielleicht doch nur für kleine Bäume.

Vor etwa sieben Jahren hatte ich mal ein paar Wochen, in denen mir plötzlich auch dafür die Kraft fehlte. Kleine Ursache – große Wirkung. Eine Erkrankung der Schilddrüse. Wenn das Herz unser Motor ist, ist die Schilddrüse wohl so etwas wie das Gaspedal. Und das hat geklemmt. Da kam zu wenig. Und plötzlich war ich tagsüber müde, weniger leistungsfähig und einfach schlapp. Für´s Gras-Ausreißen reichte es noch. Aber Bäume? Weit entfernt. Zum Glück war nur eine Entzündung Schuld. Die heilte wieder ab. Was blieb: Ich bin barmherziger geworden mit denen, die oft mit Kraftlosigkeit zu kämpfen haben. Da reicht nicht einfach ein Spruch nach dem Motto: „Lass Dich nicht so hängen!“ Und im Älterwerden wartet die Erfahrung ja nochmal: „Bäume ausreißen kann ich nicht mehr!“, hat mir neulich ein 80-jähriger erzählt, „Aber gucken Sie mal: Das geht noch!“ Und dann hat er mir lachend drei flotte Kniebeugen vorgeführt. „Blumenpflücken und Gras-Ausreißen geht noch!“, habe ich schmunzelnd gedacht.

„Lass Dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ – Das ist ein Bibelvers, der eigentlich auch an unseren Kühlschrank gehört. Ein Mut-Macher. Ein Satz von Jesus. Im Leben zählen eben nicht nur Oberarmmuskeln, sondern auch leere, geöffnete Hände. Er füllt sie. Es zählen nicht nur Hormon-Power und das Gefühl „Ich schaffe das!“, sondern auch ein Herz, das Saft und Kraft von Gott bezieht. Eine Seele, die darauf vertraut, dass er die Stärke ist, die mich erhält: unabhängig vom eigenen Leistungspegel. Wenn Gott mit mir gnädig ist, dann kann ich es doch auch mit mir sein.

Und schmunzeln: „Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen! Also, kleine Bäume. Vielleicht Bambus. Oder Blumen. Na gut: Gras. Gras geht!“ Gott sei Dank!

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