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Freundschaft darf nicht zerbrechen
Pixabay/Jane Bo

Freundschaft darf nicht zerbrechen

Ralf Schweinsberg
Ein Beitrag von

Ralf Schweinsberg,

Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche in Gründau-Rothenbergen
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Ich hatte einem guten Freund von einem Problem erzählt, das mir zu schaffen machte. Zunächst war mir schwer gefallen, darüber zu sprechen, aber dann tat es richtig gut. Ich war mir sicher, dass mein Freund mich versteht.

Wenn Freunde den Mund nicht halten können...

Ein paar Tage später fragte mich ein weitläufig Bekannter, was denn da vorgefallen sei. Wie konnte er davon wissen? Offenbar hatte mein Freund den Mund nicht halten können. Die Details wusste niemand anderes. Jetzt bekam ich sie schon auf der Straße zu hören. Das fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube.

Das Vertrauen ist weg

Als ich meinem Freund später wieder begegnet bin, war ich wie blockiert. Es war bereits einige Zeit vergangen und ich wollte die Sache nicht mehr ansprechen. Aber mein Vertrauen war dahin. Für mich fühlte es sich an wie Verrat. Unsere Freundschaft ist nie wieder so geworden wie zuvor. Heute liegt das länger zurück. Ich bedauere es, auf diese Weise einen guten Freund verloren zu haben. Aber was hätte ich machen sollen?

In diesen Wochen wird in den christlichen Kirchen an den Weg von Jesus ans Kreuz erinnert. An die Leidens- oder Passionsgeschichte Jesu. Etwas auf diesem Weg hat mich an das schmerzhafte Erlebnis mit meinem Freund erinnert.

Ein Abendessen unter Freunden

Im Johannesevangelium wird berichtet, wie Jesus am Abend vor seiner Festnahme zum letzten Mal mit seinen besten Freunden zu Abend gegessen hat. Zu Beginn des Abends hatte Jesus seinen Freunden noch die Füße gewaschen, für ihn war das ein Zeichen seiner Liebe zu ihnen.

Jesus erkennt, dass mit Judas etwas nicht stimmt

Dann aber muss er seinem Freund Judas angesehen haben, was in ihm vorging. Er muss gemerkt haben, dass mit Judas etwas nicht stimmt. Ob er geahnt hatte, dass er ihn an seine Gegner verraten würde? Noch sind es nur Gedanken im Kopf von Judas, wenn auch sehr verwirrende. Aber so ist das manchmal: Gute Freunde sehen mir an, was in meinem Kopf umgeht, was mir Sorgen und Kummer macht.

Warum hat Judas Jesus verraten?

Warum Judas seinen Freund Jesus verraten will, darüber kann man nur mutmaßen. Wollte Judas Jesus auf die Sprünge helfen, damit er endlich seine ganze Macht zeigt. Oder Judas war einfach nur enttäuscht von Jesus. Oder war es vielleicht doch das Geld, das man ihm für den Verrat geboten hatte.

Jesus selbst hatte davon gesprochen, dass er eines Tages an seine Feinde ausgeliefert werden würde. Trotzdem ist und bleibt es ein Verrat. Einer seiner besten Freunde wollte ihn verraten. Wie sollte Jesus damit umgehen? Gab es vielleicht noch eine Chance, ihre Freundschaft zu retten?

Es tut weh, wenn ein guter Freund mich verrät

Es tut sehr weh, wenn ich erleben muss, wie ein guter Freund mich verrät. Dass mein Vertrauen missbraucht wird, kann unendlich enttäuschen. Ich weiß, nicht nur bei mir sind daran schon langjährige Freundschaften zerbrochen. Auch Jesus musste das erleben. Einer seiner besten Freunde, Judas, überlegte sich, Jesus zu verraten. Noch war es nur ein Gedanke, aber ein böser Gedanke, der sein tödliches Gift freisetzte.

"Einer von euch wird mich verraten"

Jesus hat das beim Essen mit seinen Freunden offen und direkt angesprochen: Ich versichere euch: Einer von euch wird mich verraten. Natürlich sind alle Freunde  betroffen. Nur einer, Johannes, traut sich zu fragen, wen er denn meint. Soll Jesus mit dem Finger auf Judas zeigen, oder besser gar nicht antworten?

Ein Zeichen der Wertschätzung für Judas

Jesus macht etwas anderes: Er taucht ein Stück Brot in die Soße und reicht dieses an Judas. Das kann heute seltsam erscheinen, damals war es ein Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens und der Wertschätzung. Das tat man für gute Freunde.

Judas wusste, dass Jesus ihn durchschaut hatte. Aber Jesus zeigt nicht mit dem Finger auf den „Verräter“. Jesus reicht ihm das Brot, so, als wenn er sagen wollte: Ich weiß, was in dir vorgeht. Auch ich musste schon Versuchungen durchstehen. Aber du musst das nicht tun. Du kannst dich dagegen entscheiden.

"Ich habe ihm nie die Gelegenheit gegeben, sich zu erklären"

Von der Geschichte von Jesus und Judas komme ich zu meiner Enttäuschung über meinen damaligen Freund. Ich habe ihn nie auf das Geschehen angesprochen. Ich habe ihm nie die Gelegenheit gegeben, sich zu erklären. Ich hatte mein Urteil über ihn gefällt. Habe ich damit vielleicht vorschnell eine gute Freundschaft zerstört? Und selbst wenn er damals mein Vertrauen gebrochen hatte - vielleicht gab es dafür verständliche Gründe. So etwas ist mir doch auch schon passiert. Ich habe doch auch schon andere enttäuscht und verletzt.  

Es ist besser, die Situation offen anzusprechen

Heute wünschte ich mir, ich hätte es wie Jesus gemacht: Die Situation offen ansprechen, ohne dabei zu verletzten. Und dann die Hand zur Versöhnung ausstrecken. Vielleicht hätte es unsere Freundschaft gerettet. Stattdessen habe ich die Freundschaft beendet. Ich wollte meinen Freund im Stillen bestrafen. Dabei habe ich mich auch selbst bestraft.

Kann man Verrat verzeihen?

Kann man Verrat verzeihen? Oder kann man einfach so tun, als ob nichts geschehen und ich nicht verletzt wäre? Nur ein Mensch, der mir nahesteht, dem ich mich anvertraut habe, kann mein Vertrauen verletzen. Aber wenn das passiert, dann fühle ich mich verraten. Wer so verletzt wurde, schlägt um sich, zerstört oftmals die Beziehung ganz und verletzt damit auch den anderen. Gibt es denn keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Damals war ich darin gefangen. Ich habe meinen Freund mindestens so verletzt, wie ich mich von ihm verletzt gefühlt habe. Er hatte unsere Vertraulichkeit gebrochen und ich hatte unsere Beziehung beendet. Hat mir meine Rache gut getan? Heute denke ich, sie war schlimmer als der eigentliche Auslöser.

Jesus reicht Judas das Brot der Versöhnung

Jesus findet sich mit diesem Teufelskreis nicht ab. Er zeigt nicht mit dem Finger auf den „Verräter Judas“ und zerstört damit ihre Beziehung. Er reicht Judas als ein echter Freund das Brot. Das Brot der Versöhnung, des Vergebens. Mich erinnert das an das Abendmahl in der Kirche. Wenn ich beim Abendmahl das Brot annehme, dann versuche ich mir bewusst zu machen, dass auch ich Vergebung meiner Schuld brauche.

Judas konnte nicht mehr zurück

Als Jesus ihm das Brot reichte, nahm Judas das Brot - aber diese freundschaftliche Geste erreicht nicht mehr sein Innerstes. Sein Entschluss stand fest. Offenbar war er nicht mehr frei, nicht mehr Herr der Situation. Es ist, als hätte etwas anderes von ihm Besitz ergriffen, was alles nur zerstören will.

Jesus bemerkt diese Veränderung bei Judas und sagt: „Beeile dich und tu, was du tun musst!“ Sicherlich spürt er in diesem Moment, dass er seinen Freund verloren hat. Sicher würde er lieber sagen: Lass es, Judas. Du musst das doch nicht tun. Mach dir bewusst, was du wirklich willst.

Jesus starb am Kreuz für die Schuld aller Menschen

Jesus hat die Hand zur Versöhnung auch danach nicht zurückgezogen. Als er später am Kreuz stirbt, heißt es, dass er „für die Schuld aller Menschen“ gestorben ist. Selbst Judas ist da miteingeschlossen. Vielleicht war er Jesus sogar besonders wichtig.

Ich wünsche mir, dass es mir nicht mehr so ergeht, wie damals mit meinem Freund. Dass ich heute anders handeln würde. Ich will meine Hand nicht mehr so einfach zurückziehen, selbst wenn ich mich verletzt und mich verraten fühle. Ich weiß heute, dass ich nicht besser bin. Ich lebe von der Vergebung und ich möchte lernen, auch anderen immer wieder zu vergeben. Wenn ich das damals schon verstanden hätte, wer weiß, vielleicht hätte ich dann heute noch einen ganz besonderen Freund.

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