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Erlösend und unbeschreiblich
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Erlösend und unbeschreiblich

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Es ist nichts Besonderes. Trotzdem reizt mich das Bild. Es hängt im Flur eines Altenheims. Groß und still. Auf dem Bild sitzt eine alte Dame vor ihrem Schreibtisch, der damals, vor hundert Jahren, noch Sekretär hieß. Die Dame dreht mir den Rücken zu. Sie trägt dunkle Tracht und eine weiße Haube auf dem Haar. Eine Diakonisse, vielleicht Oberschwester Helene. Ihr Kopf ist gebeugt; sie schreibt einen Brief. Vor ihr auf dem Schreibtisch steht in Schild, es könnte ein Stück Schiefer sein. Darauf in weißen Buchstaben die hebräischen Worte „Eben Ezer“, zu Deutsch: Stein der Hilfe. Oberschwester Helene  sieht das Schild nicht, während sie schreibt. Wenn sie später durchs Zimmer geht, sieht sie es und will es sehen. Die Tafel soll sie erinnern. Etwas will sie nicht vergessen. Auf keinen Fall.
Wer nicht vergessen will, braucht Hilfe. Je reicher die Welt, desto schneller das Vergessen. Wer drei Dinge hat, erinnert sich an sie. Wer zehn besitzt, kann schon mal welche vergessen. Wer gar ein langes Leben hinter sich hat, vergisst manchmal auch Wesentliches. Das darf nicht sein, hat sich die Schwester gesagt. Wenn ich vergesse, muss ich mir helfen. Zum Beispiel eine Tafel aufstellen, die mich erinnert. Wenn ihre Augen durchs Zimmer wandern, fallen sie auf das Schild. Das erzählt: Vergiss nicht, wer dir geholfen hat. Nicht immer kann man sich selber helfen. Dann fühlt man sich eingeschnürt in Sorgen oder Schmerz. Und kann nichts dafür, wenn es wie über einen kommt. Alles sitzt fest. Gedanken gehen weder vor noch zurück. Man ruckelt mit allen Sinnen an seiner Seele herum, es geht aber nichts weiter. Man faltet die Hände, will raus aus der Enge. Jeden Tag von neuem. Morgens und abends. Und bleibt doch gefangen.
Erst später, nach quälenden Tagen, kriegt man wieder Luft. Als habe jemand die Fesseln um die Seele gelöst und dazu noch ein Fenster geöffnet. Wie schön das war. Ein Glücksgefühl. Erlösend und unbeschreiblich. Das möchte man nie mehr vergessen. Und weil ich‘s doch mal vergesse im Leben, stellt sich die alte Schwester ein Denkmal ins Zimmer. Gibt dem Erinnern einen Schubs: Vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat. Ich bin nie mein eigenes Glück, erzählt die kleine Tafel jeden Tag. Ich verdanke mich jemandem. Dem Himmel sei Dank.

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