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Bleib im Tempo des Stroms
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Bleib im Tempo des Stroms

Ein Beitrag von

Hans-Erich Thomé,

Evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Biebertal

Anfangs wurde die Idee meines Kollegen ziemlich belächelt. Er hatte sich vorgenommen, mit Menschen aus den Führungsetagen großer Betriebe, mit Chefs und leitenden Angestellten eine Fahrt auf dem Rhein zu unternehmen. Aber nicht auf einem Schiff oder einem Boot, nein: Auf einem Floß sollte die Reise stattfinden. Trotz aller Skepsis um ihn herum, trotz Unverständnis – "Wie kann man denn auf so was kommen?" – ihn ließ diese Idee nicht los. Und er hat ernst gemacht. Hat selbst Menschen angesprochen und eingeladen. Hat Anzeigen aufgegeben und Kontakte genutzt.

An einem Spätsommermorgen fanden sich dann acht neugierige und gleichzeitig skeptische Manager – in diesem Fall nur Männer – im Hafen von Gernsheim ein. Und blickten ungläubig und skeptisch auf ein Floß, sechs mal vier Meter, kein Service mit Essen und Trinken und Toilette, wie man das von Betriebsausflügen oder Kegeltouren kennt. Nein, sechs mal vier Meter pures Holz, mit Hanfseilen zusammen gebunden, und ein paar Stangen, mit denen man sich, wenn nötig, während der Fahrt vom Ufer fernhalten kann. Manch einer der Gäste war nur mit Mühe dazu zu bewegen, dieses seltsame Gefährt zu betreten. Und dann begann die Reise, fünf Tage lang, rheinabwärts.

Einige Wochen später erzählt mein Kollege, wie mühsam der Anfang war. Dass alle Handys auszuschalten waren, außer seinem eigenen für den Notfall, kam für einige zuerst überhaupt nicht in Frage. Und als am ersten Abend das Floß mit den Stangen zu einer kleinen Rheininsel bugsiert wurde, um dort dann die Zelte für die Nacht aufzuschlagen, hielten einige das ganze Unternehmen für komplett verrückt. Und die größte Irritation: Wie langsam geht das voran? Kann man nicht ein wenig nachhelfen? Mit einem kleinen Motor etwa? Oder wenigstens mit ein paar Paddeln?

Nein, das kommt bei dieser Reise nicht in Frage. Wir machen hier nicht unser Tempo, wie draußen im normalen Leben. Wir passen uns dem Tempo an, dass der Rhein vorgibt. Ausnahmsweise verlassen wir uns einmal nicht auf das, was wir wollen und können, nicht auf unsere Kraft und unser Leistungsvermögen. Nein, wir vertrauen darauf, dass uns der Strom voranbringt. Für beschäftigte und gestresste Menschen aufreizend langsam. Aber stetig. Und wir können einmal, wir müssen einmal nichts tun.

Die Proteste ließen allmählich nach. Und die Zeit, die ausnahmsweise im Überfluss vorhanden war, musste gefüllt werden. Mit intensiven Gesprächen. Mit tiefen Gedanken, die sich fast von selbst ergaben, mit dem Blick auf den Fluss und die langsam vorbeiziehende Landschaft. Einer der Teilnehmer sagte später: "Ich hatte das Gefühl, als ob mir Zentner schwere Gewichte von den Schultern genommen wären. Jedenfalls für die Zeit auf dem Floß."

Bald nach der Rückkehr von dieser Reise, die auf eine besondere Weise abenteuerlich war, kamen die ersten Anfragen für das kommende Jahr: \"Können wir das wiederholen? Und kann ich einen Kollegen mitbringen?\" Was als vermeintlich spinnerte Idee begann, endete als Erfolgsmodell für umtriebige und ständig geforderte und überforderte Menschen: Eine Reise nicht mit Flugzeug oder Intercity, eine Reise auf dem Floß, rheinabwärts.

Einmal nicht auf das setzen und auf das vertrauen, was ich leiste. Einmal nicht das Tempo selbst vorgeben, sondern darauf vertrauen, dass der Strom mich voranbringt. Wer das erlebt und genießt, der lernt Gelassenheit. Ein Lehrer der Gelassenheit ist Jesus. Er sagt in der Bergpredigt, die beim Evangelisten Matthäus im sechsten Kapitel zu finden ist:

"Darum sage ich: Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch! Schaut die Lilien auf dem Felde an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euere himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft." (Matthäus 6,25-32)

Ich höre den Menschen förmlich aufatmen und durchatmen, der diesen Zuspruch für sich annehmen und gelten lassen kann: Du kannst dir viel Sorgen machen, kannst schlaflose Nächte erleben, weil Aufgaben vor dir stehen wie Berge. Lass dir gesagt sein: Das Wichtigste im Leben steht nicht in Deiner Hand! Im Grunde lebst du von dem, was dir von Gott geschenkt ist. Wenn du darauf deinen Blick richtest, wirst du Rast einlegen können in deinem Leben, statt rastlos zu sein. Du wirst schlafen können, auch wenn nicht alle Probleme gelöst sind. Wenn du darauf deinen Blick richtest, wirst du beginnen, gelassen zu sein.

Gelassenheit ist ein Wert im Leben, der heutzutage sehr begehrt ist. Der Philosoph Wilhelm Schmid hat einen Bestseller gelandet mit dem Buch, das den Titel trägt: "Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden."

Der landläufigen These, das mit dem Alter alles weniger und schlechter wird, etwa nach dem Motto: "Von nun an geht‘s bergab", widerspricht er vehement. In der Lebenszeit des Älterwerdens geht es normaler Weise nicht mehr darum, sein Leben zu finden, sich eine Existenz aufzubauen, Karriere zu machen, dabei auch immer Risiken einzugehen und Irrwege zu gehen. In dieser Phase muss ich mich und meine Beziehungen nicht immer neu erfinden. Ich kann mich einrichten in bekanntem und erprobten Terrain. Und ich muss Probleme nicht unbedingt lösen oder an ihnen scheitern, sondern kann lernen, mit ihnen zu leben.

So wichtig Gelassenheit im Leben ist, so sehr ich sie brauche und mich oft danach sehne – ich mache eine Einschränkung: Ich kenne Menschen – und bin manchmal selbst in der Gefahr – die legen bei der kleinsten Herausforderung, bei dem kleinsten Problem, das sich ihnen stellt, die Hände in den Schoß und sagen mit Worten und mit ihrer ganzen Haltung:  "Lass doch, man kann sowieso nichts machen."

Sie sind nicht eigentlich gelassen, sondern sie unterlassen es, ihr Leben und das Zusammenleben zu gestalten. Weil sie mitten im Leben schon mit dem Leben abgeschlossen haben, damit eigentlich schon fertig sind. Dahinter steckt eine tiefe Resignation. Sie schaut auf das eigene Leben als auf eine Abfolge von Bildern, die an mir vorbeilaufen wie ein Film, wie auf eine unendliche Reihe verpasster Gelegenheiten.

"Sehet die Lilien auf dem Felde! Seht die Vögel unter dem Himmel!" Die Gelassenheit, zu der Jesus Mut macht, kennt keine Spur von Resignation. Sie freut sich des Lebens. Sie kann den heutigen Tag genießen, weil sie heute wie morgen in Gottes Hand weiß. Das drückt nicht nieder und lähmt nicht, sondern nimmt den Druck von den Schultern und stellt die Gelähmten wieder auf die Beine.

Im normalen Leben stößt der Vorsatz, gelassen zu bleiben, schnell an seine Grenzen. Denn das wirkliche Leben hat einen anderen Rhythmus und ein anderes Tempo als eine Floßfahrt, die geprägt ist vom Strom, der uns langsam und stetig voran bringt. Der Alltag, nicht nur der von Managern, bringt immer neue Herausforderungen und Probleme. Da reicht es ganz häufig nicht, sich mit ihnen zu arrangieren. Die Devise, nicht unbedingt Probleme lösen zu müssen, sondern mit ihnen leben zu lernen, mag hilfreich sein, die Ruhe zu bewahren und Stress zu vermeiden.

Aber diese Devise hat auch eine zynische Kehrseite: Wer aufgibt, darauf zu hoffen, dass Aufgaben bewältigt, dass Probleme gelöst werden können, der hat sich damit auch von dem Gedanken verabschiedet, dass ich mein Leben umgestalten kann, ja, dass sich auch die Welt verändert lässt.

Ich möchte mich jedenfalls nicht zu schnell von dieser Hoffnung verabschieden. Ich will mich nicht zu früh mit den Problemen und ungelösten Fragen arrangieren, die mich umgeben. Und dass dann Gelassenheit nennen. Ich denke, es kommt darauf an, sich den ungelösten Fragen zu stellen und an Lösungen zu arbeiten. In dem Vertrauen, dass Gott für uns sorgt und Kraft gibt. Und mit der Gelassenheit, dass ich die Welt nicht aus den Angeln heben kann und muss.

Ein aktuelles Beispiel: Die vielen Flüchtlinge, die nach Europa und besonders nach Deutschland kommen, stellen uns vor riesige Probleme. Müssen wir damit auf Dauer leben, uns irgendwie damit arrangieren? Oder gibt es Ansätze von Lösungen, die weiterhelfen?

Wie überall in Deutschland haben sich in den Dörfern in Mittelhessen in kürzester Zeit Gruppen gebildet, die helfen, ankommende Menschen nicht in Gettos zu belassen, sondern sie in die Orte zu integrieren: Deutschkurse werden angeboten, Fahrräder repariert und zur Verfügung gestellt, Kleiderkammern eingerichtet. Und umgekehrt haben uns die Flüchtlinge eingeladen. Mit einem großen Fest. Ein ganzes großes Bürgerhaus war voll mit Einheimischen. Die Menschen aus Somalia, Eritrea und Syrien haben uns mit Speisen aus ihrer Heimat bewirtet und uns gezeigt, dass die Begegnung mit fremden Menschen und einer anderen Kultur nicht nur verunsichern muss, sondern immer auch bereichern kann.

Ich gehöre zu einer Gruppe, die den Aufbau einer Schule in Nkwenda in Tansania unterstützt. Im letzten Jahr wurde das Übernachtungsgebäude für hundert Schüler fertig gestellt, die viele Kilometer von der Schule entfernt wohnen und deshalb nur in den Ferien nach Hause können. Zurzeit sammeln wir für einen Speisesaal, weil die Kinder bisher nur in einer Art offenem Verschlag ihre Mahlzeiten einnehmen. Um das nötige Geld zusammen zu bekommen, werden Strümpfe und Mützen gestrickt und auf Märkten verkauft. Menschen, die einen runden Geburtstag feiern, wünschen sich statt Geschenke eine Spende. So kommen stattliche Summen zusammen.

Wir engagieren uns hier, weil wir davon überzeugt sind: Die Flüchtlingsströme in unserer Welt lassen sich auf Dauer nur begrenzen, wenn Menschen in den ärmsten Ländern wieder zur Schule gehen können, wenn sie Bildung erfahren, wenn sie dann irgendwann auch Arbeit und Auskommen haben. Wir werden diese Ziele mit unserer Anstrengung nicht erreichen. Aber das lässt uns nicht resignieren und die Hände in den Schoß legen. Gelassenheit entsteht hier nicht dadurch, dass wir lernen, mit Problemen zu leben, sondern dass wir kleine Schritte in eine Richtung gehen, die Hoffnung macht.

Schritte gehen in eine Richtung, die Hoffnung macht. Es gibt Augenblicke im Leben, in denen einem auch das verwehrt ist. Was soll die junge Frau sagen, die ihr vier Wochen altes Kind durch eine Herzkrankheit verliert, die bis dahin unentdeckt geblieben war? Oder der Mann, dessen Ehefrau auf der Autobahn durch einen Geisterfahrer ums Leben gekommen ist? Sollen und können sie einstimmen in das oft zitierte Gebet: \"Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.\"? Wie klingt das aus dem Munde von Menschen, deren Elend zum Himmel schreit?

Ich denke dabei mit Schrecken an den jungen Mann, der am Grab seines Vaters mit fröhlichem Gesicht ein sprachliches Loblied auf die Gelassenheit sang: \"Macht euch keinen Kummer, ich mache mir auch keinen. Mein Vater ist in Gottes Händen gut aufgehoben.\" Als ich ihn später darauf ansprach, sagte er: \"Ich dachte, als Christ müsste ich das sagen.\" Dabei hatte ihn der Tod des Vaters mit neunzehn Jahren zum Vollwaisen gemacht, nachdem seine Mutter schon zwei Jahre zuvor verstorben war. Gelassenheit wird zu einem unmenschlichen Zwang, wenn ich meine, ich müsste sie in allen Lebenslagen, auch in den schwersten, im Herzen haben und über die Lippen bringen.

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das schreit Jesus am Kreuz. Der Unschuldige stirbt. Das Elend schreit zum Himmel. Jesus schreit sein Elend Gott entgegen. Im ältesten Evangelium, dem Evangelium nach Markus, ist das der einzige Satz des leidenden Jesus am Kreuz. Spätere Evangelisten haben mit größerem Abstand zum Geschehen und mit ihrer Erfahrung von Ostern andere Sätze gewählt: "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände."

Das ist das Leben, auch mein Leben: Dass im Unglück zuerst nichts anderes bleibt als der Schrei aus der Tiefe. Wem es gerade so geht, den soll niemand auffordern, sein Leiden gelassen zu ertragen. Der soll sich auch nicht selbst dazu zwingen. Da heißt es entweder: Etwas ändern, wenn das möglich ist. Oder: Wenn nichts zu ändern ist, dabei bleiben und mit aushalten. In diesen Tiefen kann irgendwann die Hoffnung keimen: Gott wird alle Tränen abwischen und das Elend wird ein Ende finden. Ich bin heute und morgen in Gottes Hand. Diese Art von Gelassenheit möchte ich mehr und mehr lernen.

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