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Älter werden, oder: für den Anvertrauten ein Hirte sein
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Älter werden, oder: für den Anvertrauten ein Hirte sein

Till Martin Wisseler
Ein Beitrag von

Till Martin Wisseler,

Evangelischer Pfarrer, Langenselbold

Es ist schon drei, vier Jahre her, da hat sich für Thomas viel in seinem Leben geändert. Der Vater war inzwischen älter geworden, die Kräfte ließen nach und die Kreise wurden enger. Sich um den Vater kümmern müssen - das war jetzt seine Aufgabe, das wusste Thomas. Aber wie sollte das gehen? Sein Vater schätzte es immer, selbständig und un­abhängig zu sein – jetzt brauchte er immer wieder Hilfe. Und Thomas wiederum musste sich neu auf seinen Vater einstellen – beide hatten ja inzwischen ganz unter­schiedliche Gewohnheiten und Weisen, das Leben zu leben. Auf kurz oder lang würde der Vater seinen Sohn brauchen. So richtete Thomas in seinem kleinen Häuschen einen eigenen Wohnbereich für seinen Vater ein und nahm ihn zu sich. Eine vernünftige Ent­scheidung, wie beide fanden, doch das Gefühl sprach eine andere Sprache. Es fühlte sich an wie bei zwei Menschen, die miteinander nicht können, aber auch nicht ohne einander. Es gab Unstimmigkeiten und Konflikte auch bei scheinbar belanglosen Dingen des Alltags: Wann die Rollläden hoch zu ziehen sind oder wie ordentlich der Hausflur sein musste. Die erste Zeit war sehr schwer. Auch heute ist es noch nicht immer ein­fach.

Irgendwann hatte Thomas so etwas wie eine Eingebung, ganz zufällig, beim Durchblät­tern des Gemeindebriefes. Da berichteten die Konfirmanden von
ihrer Freizeit, wie sie im Kletterpark gelernt hatten, sich etwas zuzutrauen oder auch vor der Gruppe zu sa­gen, wenn sie etwas nicht mochten; wie sie mit Bastelarbeiten lernten, einen bibli­schen Text zu verstehen. Eigentlich ganz weit weg von meiner Lebenssituation, erzählt Thomas, aber man will ja schließlich wissen, was sonst noch so läuft. Da war auch da­von die Rede, wie Konfirmanden den 23. Psalm verstehen – Der Herr ist mein Hirte. Dieses Bild vom Hirten kannte ich, berichtet er, habe es dann aber irgendwie noch einmal ganz anders gesehen. Vielleicht könnte er, Thomas, für seinen Vater so etwas wie ein Hirte sein. Ihm ein Zuhause geben, aber nicht die ganze Zeit neben ihm sitzen. Ihn seine eigenen Wege gehen lassen, aber aufpassen, dass er nicht vom Weg ab­kommt. Deutlich ja zu sagen, oder auch nein. In dem Moment, wo Thomas angefangen hat, sich auch wie einen Hirten für seinen Vater zu sehen, fiel es im leichter, die Be­treuung zu übernehmen: Es gelingt ihm seitdem etwas besser, das rechte Maß von Hilfe und Eigenständigkeit, von Freiheit und Abhängigkeit zu finden. Die Unstimmig­keiten und Konflikte sind jedenfalls weniger geworden.

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