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Starke Menschen
Bild: Gerd Altmann/Pixabay

Starke Menschen

Judith Vonderau
Ein Beitrag von Judith Vonderau, Katholische Autorin bei "kirche im hr", Bad Orb
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175 Jahre wäre Bertha Benz heute geworden. Als sie im Jahr 1849 geboren wurde, sah Deutschland anders aus. Und vielleicht ist Bertha Benz eine Frau, die viel besser in die heutige Zeit gepasst hätte. Denn sie lebte ein Leben, das ungewöhnlich war für eine Frau im 19. Jahrhundert. Bertha Benz war nämlich Automobilpionierin. Sie gilt als erste Autofahrerin, war Erfinderin und Unternehmerin. Ihr ist es zu verdanken, dass ihr Mann Carl Benz das erste Auto mit Verbrennungsmotor bauen konnte.

Würde Bertha Benz heute leben, würde man sie vielleicht als starke Frau oder Powerfrau bezeichnen. So wie es heute oft geschieht, wenn Frauen beruflich erfolgreich sind und vielleicht noch quasi nebenbei die Fürsorgearbeit für ihre Familie übernehmen.

Gibt es den Powermann oder nur die Powerfrau?

Und ich glaube, das ist auch der Haken an der Sache. Denn erst wenn Frauen viel mehr leisten als das normale Maß, werden sie für ihr Leistungspensum gefeiert. Erst wenn sie doppelt so viel geben wie Männer, werden sie Powerfrauen genannt. Einen Mann dagegen würde vermutlich niemand als Powermann bezeichnen. Frauen, so mein Eindruck, müssen sich und ihre Fähigkeiten erst beweisen.

Seit dem 19. Jahrhundert hat sich in Deutschland viel verändert. Vor allem hat sich für Frauen viel zum Guten verändert: Sie haben mehr Rechte und sind freier. Hohe Schulbildung und Studium sind längst nun nicht mehr reine Männersache. Ehefrauen unterschreiben oder kündigen Arbeitsverträge und sind nicht mehr vom Einverständnis ihres Mannes abhängig. Und bei der Hochzeit wird nicht mehr automatisch der Nachname des Mannes auch der Familienname. Und schließlich sind laut Grundgesetz Männer und Frauen gleichberechtigt.

Und doch scheint noch so viel von Bertha Benz´ Lebenswelt in uns und unserer Gesellschaft zu stecken: Frauen verdienen weniger Geld als Männer, Frauen wird ungefragt der Haushalt und die Kindererziehung zugeschrieben und auch in der Medizin haben sie das Nachsehen. Denn der Mann ist in der Forschung der Standardpatient. Die Ergebnisse werden auf Frauen übertragen – obwohl diese oft eine ganz andere Medikamentendosis brauchen oder sich Krankheitssymptome bei ihnen anders zeigen.

Der Blick zurück in die Lebenswelt von Bertha Benz zeigt mir, dass die Welt seitdem für Frauen um einiges besser geworden ist. Und gleichzeitig zeigt mir dieser Blick auch, dass noch lange nicht alles gut ist. Da ist noch viel zu tun und verbessern, bis es Frauen nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Alltag so gut geht wie Männern. Vielleicht sind wir dann angekommen, wenn die Bezeichnungen starke Frau und Powerfrau nicht mehr nötig sind. Vielleicht haben wir das Ziel einer guten Welt ja dann erreicht, wenn allen klar ist, dass jeder Mensch stark und voller Power sein kann. 

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