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Quo Vadis Europa?
Bild: Ralph/Pixabay

Quo Vadis Europa?

Steffen Flicker
Ein Beitrag von Steffen Flicker, Schulleiter der katholischen Schule Marianum Fulda und Vorsitzender des Katholikenrates im Bistum Fulda
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Nach der gestrigen Wahl des Europäischen Parlaments beherrscht heute die Auswertung der Stimmenergebnisse die Schlagzeilen der Tageszeitungen. Auch hier im Radio werde das Wahlergebnis und dessen Konsequenzen besprochen und analysiert.

„Quo vadis Europa?“, fragen sich nicht nur Politikwissenschaftler nach dieser Europawahl. Auch viele Menschen treibt die Sorge um die politische Zukunft unseres Kontinents um. Für die einen spiegelt sich in dem Wahlergebnis eine weitere Spaltung der Gesellschaften. Andere sehen im Erstarken radikaler Parteien eine Gefahr für den Zusammenhalt der Europäischen Union. Wieder andere bauen ihre Hoffnung darauf, dass die europäischen Völker nun die Kraft finden, auch angesichts von Krieg und Inflation stärker zusammenzuwachsen.

Und wohin jetzt? Schaffen wir ein neues europäisches „Zusammen“?

Analyse und Bewertung der Wahlergebnisse werden uns sicher noch in den nächsten Wochen beschäftigen. Viel wichtiger scheint mir aber, dass wir den Wert des Zusammenhalts der europäischen Völker neu ins Bewusstsein rücken. „Nie wieder Krieg!“ - Diese Parole war der Ausgangspunkt für die Römischen Verträge, mit denen 1957 der Zusammenschluss europäischer Länder zur Friedenssicherung und zur verstärkten wirtschaftlichen Kooperation begann. Später ist daraus die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich die heutige EU, die Europäische Union, geworden.

Doch weshalb ist das Zusammenwirken der europäischen Länder so schwierig geworden? Warum ist die EU so schwach? Politikwissenschaftler sagen, es liege vor allem daran, dass ein neues Nationalstaatsdenken um sich greife. Jedes Land denke zu stark an seine eigenen Interessen. Die einzelnen Länder seien in ihrer jeweiligen „Blase“.

Dabei ist es so wichtig, aus der eigenen „Blase“ auszutreten, die Meinungen anderer Menschen anzuhören und diese mit der eigenen Urteilsbildung zu vergleichen, um seine Argumente zu überprüfen. Der heilige Ignatius von Loyola, der Begründer des Jesuitenordens, spricht davon, die Meinung meines Nächsten „zu retten“, nicht zu verurteilen.

Auf ein neues, altes Miteinander

„Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ lesen wir in der Bibel. (1 Kön 3,9) So bittet der junge König Salomo den Herrn im nächtlichen Traum angesichts großer Herausforderungen, vor denen er steht.

Hören und verantwortlich Leitung wahrnehmen, gehören nicht nur in biblischen Erzählungen zusammen. Auch in den alten Kulturen war dies schon ein wichtiges Prinzip. Wäre dies nicht gerade heute für die europäischen Völker entscheidend?

Dem anderen zuhören, die Interessen und Anliegen anderer Völker anhören. Das heißt ja noch nicht, alles übernehmen, was ein anderer möchte. Sondern aufgrund des Gehörten in den Austausch treten und gemeinsam gute Lösungen finden, – das könnte eine wirksame Perspektive für die Europäische Union sein. Es lebe Europa!

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