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Träume und Visionen
Bildquelle: pexels

Träume und Visionen

Anke Jarzina
Ein Beitrag von Anke Jarzina, Katholische Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Peter und Paul in Wiesbaden
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Ich hab heut Nacht schon wieder so komisch geträumt: Von einem riesigen, runden Mond, der ganz hell strahlt. Nur an einer Stelle auf dem Mond ist so ein dunkler Fleck, als ob ein Stück fehlen würde. Merkwürdig. Ich hab diesen Traum schon öfter gehabt und hab lange einfach nicht verstanden, was er bedeuten soll. Ich glaub nämlich daran: Träume haben eine Bedeutung und sagen uns was über die Wirklichkeit – nur manchmal eben in verschlüsselter Form. Heute war mir auf einmal ganz klar, was damit gemeint ist. Nämlich: Wir brauchen einen neuen Feiertag! Ich werde gleich mal dem Bischof einen Brief schreiben und fragen, ob man da nicht was machen kann…

Der Fleck im Mond ist das Fest, das noch fehlte

So oder so ähnlich ist sie tatsächlich abgelaufen, die Entstehungsgeschichte zu Fronleichnam. Die Nonne Juliana von Lüttich hatte damals, im Jahr 1209, immer wieder diesen Traum von einem Mond mit einem dunklen Fleck. Jesus soll ihr dann gesagt haben: Der Mond, das sei das Kirchenjahr, und der Fleck ist das Fest, das darin noch fehlt. Dieses Fest hat auch etwas von einem runden Mond: Es soll nämlich daran erinnern, dass Jesus in der runden Hostie, dem heiligen Brot, gegenwärtig ist.

Der runde Mond erinnert an die runde Hostie

In der Messe oder Abendmahlsfeier erinnern sich Christen beim Teilen der Hostie und des Weins an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Außerdem glauben sie – zumindest nach katholischer Lehre: Jesus ist in dem gewandelten Brot gegenwärtig, auch nach der Messe. Dieser Glaube an Jesus im Brot hat mit Fronleichnam einen eigenen Feiertag bekommen hat – dank Juliana von Lüttich und ihrer Träume. Die offizielle Bezeichnung ist „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, aber das Wort Fronleichnam hat sich eingebürgert. Aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt bedeutet es so viel wie „zum lebendigen Leib des Herrn gehörig“.

Die Vision der Frau wird zum Anlass für ein neues Fest

Aber ganz ehrlich: Mehr noch als das, was an Fronleichnam gefeiert wird, finde ich die Entstehungsgeschichte dahinter interessant: Da ist eine Frau, die Träume hat und sie aus ihrem Glauben heraus als Vision deutet. Sie wird weder für verrückt erklärt oder belächelt, noch wird sie der kirchlichen Gemeinschaft verwiesen – obwohl sie die gegebenen Strukturen verändern möchte. Nein! Ihre Vision wird sogar zum Anlass genommen, ein neues Fest in den liturgischen Kalender der Kirche aufzunehmen! Das find ich echt bemerkenswert.

Musik

Im Mittelalter hatten Träume einen anderen Stellenwert als heute

Juliana von Lüttich hatte Visionen. Heute denken viele Menschen: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Im Mittelalter hatten Träume und Visionen und Erscheinungen einen ganz anderen Stellenwert. Viele sind überzeugt gewesen: Träume kommen direkt von Gott und sind deshalb entsprechend zu respektieren. Na klar: Man hatte keine andere Erklärung für die Bilder während des Schlafens, die man trotz geschlossener Augen sehen konnte. Also führte man die Träume oft auf Gott zurück und interpretierte sie manchmal als bedeutungsvolle Vision.

Mit Träumen verarbeitet unser Gehirn die unzähligen Eindrücke

Wir wissen heute: Mit Träumen verarbeitet unser Gehirn die unzähligen bewussten und unbewussten Eindrücke, Gedanken und Gefühle, denen es tagtäglich ausgesetzt ist. Die Bilder, die uns im Schlaf erscheinen, lassen sich deshalb psychologisch deuten. Darüber hinaus gaukeln uns Träume vor, dass wir wach sind. Forscher meinen: Das ist eine ideale Lernumgebung für unser Hirn. Denn im Traum kann es sich so richtig austoben, die Phantasie schweifen lassen und alles ohne wirkliche Gefahr für unser Leben austesten.

Gibt es noch die visionäre Kraft von Träumen?

Und was bedeutet das für die visionäre Kraft von Träumen? Gibt es die überhaupt noch – jetzt, wo wir wissenschaftlich erklären können, was es mit dem Träumen auf sich hat?

Den Traum als Sprache Gotte zu interpretieren, tat mir gut

Ich glaube: Träume sind keine Schäume. Sie können tatsächlich eine konkrete Bedeutung für unser Leben, unsere Realität haben. Traumbilder können uns überraschen und uns das Gefühl geben: Das kam nicht aus mir, das muss irgendwie von außen gekommen sein. Ich hatte tatsächlich mal so einen Traum, als sich in meinem Leben gerade einiges geändert hatte und ich gezwungen war, mich neu zu sortieren. Eines Nachts hab ich dann ganz intensiv von einem Seestern geträumt. Das hat mich total verblüfft, es war nämlich schon ewig her gewesen, dass ich mal einen echten Seestern gesehen hatte. Ich hab dann jemandem davon erzählt, und zusammen haben wir nach der Bedeutung gegoogelt. Da stand: „Der Seestern ist im Traum ein Hinweis auf eine Zeit der Heilung und der Regeneration. Der Träumende hat eine anstrengende oder schmerzhafte Zeit hinter sich gebracht und soll sich nun bewusstwerden, dass er seine Wunden heilen lassen muss.“ Tja, das hat gepasst wie die Faust aufs Auge! Und weil ich an Gott glaube, konnte ich sagen: Gott hat mir mit dem Seestern gesagt: „Mach jetzt mal Pause. Hab keine Angst, alles wird gut, ich bin da.“ Den Traum als Sprache Gottes zu interpretieren – das hat mir total gut getan und mir geholfen, behutsam mit mir umzugehen. Erst später hab ich verstanden: Maria, die Mutter Jesu, ist in der Tradition auch „Stella Maris“, also Seestern genannt worden. Ganz schön spannend…

Musik

Das Traumbild von Seestern hat mir Hoffnung gemacht

Ist mein Traum vom Seestern eine Vision gewesen? Ja, ich glaube schon. Denn: ich hab gespürt: Da gibt es eine Kraft, die meint es gut mit mir – auch wenn es in der „realen Welt“ gerade sehr anstrengend für mich ist. Das Traumbild vom Seestern hat mir Hoffnung gemacht: „Es wird gut werden, Wunden werden heilen. Es braucht aber alles seine Zeit.“

In einer Vision steckt eine hoffnungsvolle Botschaft

Vielleicht ist das der Kern einer Vision, die den Unterschied zum „normalen“ Traum ausmacht: Eine gute, hoffnungsvolle Botschaft, die auf Zukunft ausgerichtet ist und in der auch ein gewisser Appell steckt. Bei mir war das: „Lass dir Zeit, ruh dich aus.“ Bei Juliana von Lüttich war es vielleicht: „Schenk der Welt einen Feiertag, damit allen bewusst wird: Ich, Gott, bin ganz nah bei euch!“ Oder so ähnlich…

Eine spirituelle Offenheit fehlt mir in unserer aufgeklärten Welt

Natürlich: Julianas Vision von der „Feier des Altarsakraments“ hat in die damalige Zeit gepasst. Außerdem hatten Frauen und Männer mit bedeutungsvollen Träumen und Visionen im Mittelalter Hochkonjunktur - vor allem, wenn sie in klösterlichen Gemeinschaften gelebt haben. Die Leute haben eben noch an religiöse oder übersinnliche Dinge geglaubt. Das ist ihnen von der kirchlichen Autorität ja auch eingebläut worden. Ich bin echt heilfroh, dass das heute nicht mehr so ist und jeder Mensch frei ist, zu glauben, was er will. Andererseits fehlt mir in unserer aufgeklärten Welt manchmal eine gewisse spirituelle Offenheit. Ich kenn das ja auch von mir: Statt gleich nach einer tieferen Bedeutung des Traumbilds „Seestern“ zu suchen, hatte ich damals zuerst überlegt, ob vielleicht ein Foto des letzten Nordseeurlaubs schuld sein könnte an meinem Traum. Um ein Haar wäre die Hoffnungsbotschaft des Seesterns an mir vorbei gegangen!

Glaub an deine Träume und was Gott dir damit sagen will

Anlässlich des heutigen Feiertags hab ich mir vorgenommen: Mach’s ein bisschen mehr wie Juliana von Lüttich, die Nonne aus dem Mittelalter. Glaub an deine Träume, denn vielleicht will dir Gott damit etwas sagen. Ich glaube: Das lohnt sich - selbst, wenn dabei kein neuer Feiertag rausspringt.

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