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Friede ist ein Langstreckenlauf
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Friede ist ein Langstreckenlauf

Dr. Annette Wiesheu
Ein Beitrag von Dr. Annette Wiesheu, katholische Studienleiterin beim Erbacher Hof / Akademie des Bistums Mainz
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Vor kurzem war ich in Lviv, in der Stadt Lemberg in der westlichen Ukraine. Natürlich wegen des Krieges nicht „in echt“, sondern „nur“ online. Ich habe teilgenommen an einer Veranstaltung der Ukrainischen Katholischen Universität. Seit 2002 besteht diese Universität, sie ist die erste katholische Hochschule, die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gegründet wurde. Ungefähr 1800 junge Menschen studieren hier – Philosophie, Theologie, humanwissenschaftliche Fächer, Sprachen. 

Austausch und Verständigung

Die Veranstaltung, an der ich teilgenommen habe, war Teil einer internationalen Summer School. Das Thema der Summer School: Der Krieg in der Ukraine und wie sich unter dem Eindruck des Kriegs die Konzepte von Friedensarbeit und Friedensicherung verändern und vielleicht verändern müssen. Das Institut für Ökumenische Studien hat die Summer School organisiert. Ökumene – in der Ukraine heißt das vor allem: Austausch und Verständigung zwischen den verschiedenen Kirchen der katholischen und der orthodoxen Tradition.

Wie kann Friede werden?

Mich hat beeindruckt, dass diese Summer School überhaupt stattfand: mitten im Krieg, in einem Land, das von Gewalt erschüttert wird und in seiner Existenz bedroht ist. Und mich hat beeindruckt, dass hier nachgedacht und diskutiert wurde über die Ursachen des Kriegs und seine Folgen und vor allem über die Frage: Wie kann Friede werden? Welche Rolle können die christlichen Kirchen dabei spielen? Und wie tragfähig sind überhaupt Ansätze christlicher Friedensethik, die auf Gewaltlosigkeit beruhen – angesichts eines brutal geführten Angriffskriegs und angesichts der tiefen Wunden, die dieser Krieg schlägt? 

Mehr als ein Waffenstillstand

Mir wurde bei den Gesprächen deutlich: Wie schwer wird es wohl, den Weg zum Frieden zu finden, selbst dann, wenn die Kämpfe hoffentlich einmal beendet sind. Den Weg zu einem Frieden, der mehr ist als ein Waffenstillstand, der gerecht ist und von Dauer; der Unrecht und Schuld nicht kleinredet und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lässt. Ein Friede, der nicht vorschnell Vergebung einfordert, aber bei dem auch nicht Rache, Vergeltung und Vernichtung alles bestimmen.

Das macht sie zu Schwestern und Brüdern

Zu Beginn der Summer School hat der Leiter des Instituts für Ökumenische Studien ein Grußwort gesprochen hat, ein Priester der Ukrainischen Katholischen Kirche. Er hat daran erinnert: Russen und Ukrainer leben in diesem Teil der Welt zusammen, und sie werden auch in der Zukunft dort zusammenleben. Der Krieg ist ein großes Unrecht und im Krieg geschieht viel Unrecht. Aber, so sagte er, es ist nie ein ganzes Volk, das in sich böse ist. Und er hat an einen Grundgedanken des christlichen Menschenbildes erinnert: Alle Menschen sind als Ebenbild Gottes geschaffen, alle Menschen haben den einen Schöpfer zum Vater – und das macht sie zu Schwestern und Brüdern.

Auch er beginnt mit dem 1. Schritt

Jeden Tag höre ich Nachrichten aus der Ukraine, von Krieg und Gewalt. Aber ein wenig haben mir die Gespräche bei der Sommerschule in Lemberg doch Hoffnung gemacht: Weil hier Menschen darüber nachdenken, wie Friede werden kann, wie ein Ausweg gefunden werden kann aus der Spirale von Hass und Gewalt. Der Weg zum Frieden ist noch sehr weit, ein Langstreckenlauf, wie einer der Teilnehmenden sagte. Aber auch der beginnt mit dem ersten Schritt.

 

 

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